«Pjöngjang arbeitet mit Hochdruck an Atomraketen»

Der neuerliche Atombombentest Nordkoreas wird international scharf kritisiert. Trotzdem dürfte er nicht zu wesentlich schärferen Sanktionen des UNO-Sicherheitsrats führen. SRF-Redaktor Fredy Gsteiger erklärt, wieso nicht.

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USA drohen Nordkorea wegen Atomtest mit Konsequenzen

2:58 min, aus Tagesschau vom 9.9.2016

SRF News: Wie immer bei von Nordkorea verkündeten Atomtests gibt es dafür keine unabhängigen Bestätigungen. Wie wahrscheinlich ist es, dass nun tatsächlich erneut eine Atombombe gezündet wurde?

Fredy Gsteiger: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross. Zwar fehlt noch eine unabhängige Bestätigung dafür – beispielsweise der UNO-Atombehörde IAEA –, aber die Art der Erschütterungen sowie Satellitenbeobachtungen des Testgeländes im Vorfeld deuten sehr stark darauf hin, dass diesmal die nordkoreanische Behauptung plausibel ist.

Aus Südkorea heisst es, man habe die bisher stärkste Explosion gemessen. Was sagt das aus über den Test?

Offenbar kommt Nordkorea mit seinem Atomprogramm Schritt für Schritt voran und ist in der Lage, immer zerstörerische atomare Ladungen zu zünden. Es soll sich diesmal um eine Detonation in der Grössenordnung der Atombombe von Hiroshima gehandelt haben.

Diktator Kim Jong Un will offensichtlich Atomraketen bauen, die die USA erreichen können. Wie nahe ist Kim diesem Ziel?

Das lässt sich nur schwer abschätzen. Offenkundig ist, dass er dem Ziel näher rückt. Kim konnte in letzter Zeit Fortschritte bei der Raketentechnologie verzeichnen: In den letzten Monaten hat Nordkorea viele Raketentests durchgeführt. Selbst wenn nicht alle erfolgreich verliefen, fliegen die nordkoreanischen Raketen doch immer weiter und mit höherer Präzision. Noch verfügt das Regime nicht über Interkontinentalraketen, mit denen es die USA oder Europa erreichen könnte. Auch kann Nordkorea entgegen den eigenen Behauptungen höchstwahrscheinlich noch nicht derart kleine Atombomben bauen, dass sie auf Raketen Platz haben. Doch genau daran arbeitet Pjöngjang jetzt mit Hochdruck.

Nach jedem Raketen- und Atombombentest wird internationaler Protest laut, die UNO verschärft die Sanktionen gegen das Regime Kims. Kann der Sicherheitsrat die Schraube überhaupt noch weiter anziehen?

Durchaus, beispielsweise mit einem Verbot von Öllieferungen nach Nordkorea. Das würde die nordkoreanische Wirtschaft wahrscheinlich kollabieren lassen und möglicherweise den Sturz der Regierung nach sich ziehen. Doch wegen des angespannten Verhältnisses zwischen den USA und China ist eine solche Boykottmassnahme derzeit eher unwahrscheinlich.

Auch China protestierte gegen den jüngsten Atombombenversuch Nordkoreas. Wenn es aber hart auf hart kommt, steht China nach wie vor an Kims Seite. Was will China eigentlich?

Peking will zwei Dinge, die eigentlich nicht kompatibel sind: Peking möchte, dass Nordkorea das Atomprogramm aufgibt, denn auch China fühlt sich davon bedroht. Doch das Regime von Kim darf auf keinen Fall stürzen, und das ist für China wahrscheinlich wichtiger als das erste Ziel. Denn bei einer Absetzung Kims würde Nordkorea von Südkorea wohl quasi übernommen, wie seinerzeit die DDR durch die BRD. Das hiesse aber, dass China ein eng mit den USA verbündetes Land und amerikanische Soldaten an seiner Grenze hätte. Und das will China auf gar keinen Fall.

Das Interview führte Simon Leu.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

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  • Nordkorea und sein Diktator

    Aus 10vor10 vom 10.10.2014

    Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un hat sich seit Wochen nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt. Es werden Spekulationen zu den Gründen laut: liegt es an seiner Gesundheit oder gar an einem Putsch? «10vor10» wagt mit dem Korrespondenten Pascal Nufer einen Blick ins Land und fragt den Nordkorea-Experten, Ingo Nentwig nach der momentanen Situation.