Polizei räumt Taksim-Platz – Wasserwerfer gegen Demonstranten

Nach Tagen des stillen Protests demonstrieren auf dem Istanbuler Taksim-Platz wieder Zehntausende lautstark gegen die Regierung. Die Polizei setzt Wasserwerfer gegen die friedlichen Demonstranten ein. Auch in Köln gehen mindestens 30'000 Menschen auf die Strasse.

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Anti-Erdogan-Demonstrationen

1:19 min, aus Tagesschau Spätausgabe Wochenende vom 22.6.2013

Bei der ersten Grossdemonstration in Istanbul seit knapp einer Woche hat die Polizei auf dem Taksim-Platz erneut Wasserwerfer gegen friedliche Demonstranten eingesetzt.

Am Abend versammelten sich nach Aufrufen über soziale Medien mehrere zehntausend Menschen auf dem zentralen Platz in der türkischen Metropole, um gegen die konservativ-islamische Regierung zu protestieren. Der Verkehr kam zum Erliegen. Die Polizei hatte die Demonstranten dazu aufgerufen, die durch die Menschenmassen blockierten Strassen an dem Platz zu räumen.

Demonstranten werfen Nelken

Bildlegende: Die Demonstranten bewarfen die Polizisten mit roten Nelken, das Symbol der Arbeiterbewegung. Reuters

Bis zum Wasserwerfereinsatz war die Demonstration friedlich verlaufen, wie Augenzeugen berichteten. Die Menschen skandierten Parolen wie «Taksim ist überall» und «Das ist nur der Anfang». Als die Polizei den Platz räumte, flogen vereinzelt Flaschen. Viele Demonstranten bewarfen Polizisten und Wasserwerfer mit Blumen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter war dazu aufgerufen worden, rote Nelken mitzubringen, die das Symbol der Arbeiterbewegung sind.

Chemikalien im Wasser?

Obwohl Augenzeugen am Abend zunächst nicht beobachteten, dass die Polizei auf dem Taksim-Platz Tränengasgranaten verschoss, klagten Demonstranten nach dem Wasserwerfereinsatz über Reizungen der Atemwege und der Augen.

Die Polizei wird verdächtigt, dem Wasser Chemikalien beizumischen. Bestätigt ist das nicht, über soziale Netzwerke verbreitete Fotos deuten aber darauf hin. Diese Bilder scheinen zu zeigen, wie Polizisten Flüssigkeit aus Kanistern mit Warnhinweisen in Tanks von Wasserwerfern füllen.

«Terroristen» und «Gesindel»

Zuletzt war es in Istanbul am vergangenen Sonntag zu schweren Zusammenstössen gekommen. In der Hauptstadt Ankara und in anderen türkischen Städten hatten die Zusammenstösse aber auch in den vergangenen Tagen angedauert.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat die weitestgehend friedlichen Demonstranten als «Terroristen» und «Gesindel» beschimpft. Er unterstellt ihnen, ihr Ziel sei, «Wirtschaft und Demokratie der Türkei zu zerstören». Die Regierung steht wegen der Polizeigewalt international in der Kritik.

Vor einer Woche hatte die Polizei den von Demonstranten besetzten Gezi-Park am Taksim-Platz zum zweiten Mal geräumt. Seit gut drei Wochen kommt es zu landesweiten Protesten gegen Erdogans Regierung, die sich an Plänen entzündet haben, den Gezi-Park zu bebauen. An den vergangenen Abenden war es am Taksim-Platz zu stillen Protesten Hunderter Demonstranten gekommen. Zusammenstösse mit der Polizei waren aber ausgeblieben.

Kundgebung gegen Erdogan

In Köln demonstrierten am Samstag etwa 30'000 bis 40'000 Menschen gegen Erdogan. Redner forderten dessen Rücktritt und Neuwahlen. Transparente trugen Aufschriften wie «Erdogan, der Wolf im Schafspelz».

Die Kundgebung stand unter dem Motto «Überall ist Taksim». Organisiert wurde sie von der Alevitischen Gemeinde Deutschland, einer liberalen islamischen Gemeinschaft. Die Polizei sprach von einem «erfreulich friedlichen Verlauf» der Kundgebung.