Massenpanik von Sheffield Polizisten und Organisatoren vor Gericht

Lange galten Fans als Übeltäter der «Hillsbourough»-Tragödie mit 96 Toten. Der erste Prozess fast drei Jahrzehnte nach dem Ereignis zeigt ein anderes Bild.

Das Wichtigste in Kürze

  • Mehr als 28 Jahre nach dem tödlichen Gedränge im Hillsborough-Stadion in Sheffield stehen heute die ersten fünf Angeklagten vor Gericht. Es sind Polizisten und Organisatoren.
  • 96 Menschen waren bei der Massenpanik am 15. April 1989 ums Leben gekommen. 766 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.
  • Jahrelang hatten Presse und Polizei den Fussball-Fans die Schuld gegeben. Erst eine unabhängige Untersuchung zeigte auf, dass alles ganz anders war.

15. April 1989, Cuphalbfinal zwischen Liverpool und Nottingham Forest auf neutralem Terrain in Sheffield: Um 15 Uhr war Anpfiff, doch vor dem Stadion warteten noch immer Tausende auf Einlass. Bloss sieben Drehkreuze waren geöffnet, und die Menge drängte. Ein Polizist fragte nach, ob das Spiel nicht später beginnen könnte.

Tausende drängten ins bereits volle Stadion

Der Antrag wird abgewiesen, aber die Sicherheitskräfte entscheiden fatalerweise, ein Tor zu öffnen und so drängen und drücken und strömen Tausende ins schon volle Stadion. Die Menschen in den vordersten Reihen werden gegen die Gitter gedrückt oder in Panik niedergetrampelt. 96 Tote und über 700 Verletzte. 44 Ambulanzen stehen vor dem Stadion, doch die Polizei lässt sie nicht rein.

Sheffield: Fans gedenken am 17. April 1989 vor dem Hillsborough-Stadion der Opfer der Massenpanik.

Bildlegende: Sheffield: Fans gedenken am 17. April 1989 vor dem Hillsborough-Stadion der Opfer der Massenpanik. Keystone/Archiv

«The Truth»

«Unfall» schreibt die Polizei in die Protokolle in der Rubrik Todes- oder Verletzungsursache, und die Boulevard-Medien kennen schon die Schuldigen: Betrunkene Fans, die randalierten und selbst auf helfende Polizisten einprügelten. «The Truth» – die Wahrheit – titelte die Sun ihren Bericht. Nichts davon stimmte. Aber er passte in die Sicht der Thatcher-Konservativen in London, die vertuschen halfen und die die Leute aus dem Norden sowieso als Hooligans betrachteten.

Der frühere Polizeichef von Süd-Yorkshire, Donald Denton (Mitte) schreitet zum Warrington-Gerichtshof.

Bildlegende: Der frühere Polizeichef von Süd-Yorkshire, Donald Denton (Mitte) auf dem Weg zum Gericht. Keystone

Erst mit den Jahren und nur auf Druck von Opfervereinigung, dem Fussballclub Liverpool und Politikern aus Englands Norden, die Beweise sammelten, sickerte die Wahrheit durch: Der fatale Fehlentscheid der Polizei, das Tor C zu öffnen, der fatale Entscheid, die Absperrgitter nicht zu öffnen und der fatale Entscheid, die Rettungskräfte nicht schnell reinzulassen.

Manipulierte Protokolle und Schweigegelder

Dabei hätten viele Menschen gerettet werden können. Und es zeigte sich, dass die Polizei gegen 200 Protokolle manipuliert hatte, öffentlich log, ja sogar Schweigegelder bezahlt hatte, um die Schuld den Fans in die Schuhe zu schieben. So das Resultat einer unabhängigen Untersuchung, die jetzt 28 Jahre später zu den ersten Prozessen führte. Fehlentscheide der Polizei, nicht das Verhalten der Fans habe zur Katastrophe geführt.

«The real Truth»

Vor fünf Jahren entschuldigte sich die britische Regierung, vor einem Jahr dann auch die britische Polizei und auch «The Sun» bat um Vergebung und titelte «The real Truth». Doch bis heute weigern sich in Liverpool viele Zeitschriften-Händler, das Boulevard-Blatt zu verkaufen.

Diese fünf Personen stehen vor Gericht:

Diese fünf Personen stehen vor Gericht:
Vor einem Gericht in der englischen Stadt Warrington beginnt am Mittwochnachmittag ein Prozess zur Katastrophe von Hillsborough gegen fünf Personen. Es handelt sich um die drei Polizeibeamten Norman Bettison, Donald Denton und Alan Foster. Dazu kommen der Jurist Peter Metcalf sowie Graham Henry Mackrell, ehemaliger Geschäftsführer des damals gastgebenden Klubs Sheffield Wednesday. Beim Prozess soll geklärt werden, ob und inwiefern die Angeklagten schuldig an der Tragödie sind. Ihnen wird unter anderem Verletzung der Dienstpflicht vorgeworfen. Der Einsatzleiter David Duckenfield, dem Totschlag durch grobe Fahrlässigkeit vorgeworfen wird, wird vor Gericht noch fehlen, weil er sich in einem anderen Prozess verantworten muss. Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten Angehörige der Opfer. «Ohne Verantwortung keine Gerechtigkeit», hiess es auf Transparenten. (dpa)