«Pontas Vorsprung könnte wegschmelzen»

In Rumänien ist am Sonntag die Stichwahl um das Präsidentenamt. Die Bürger haben die Wahl zwischen dem amtierenden Regierungschef Victor Ponta und dem bürgerlichen Klaus Iohannis. Im ersten Durchgang lag Ponta deutlich vorne. Das will aber noch nichts heissen.

Durch ein zerrissenes Wahlplakat sind Menschen auf einer Strasse zu sehen.

Bildlegende: Bröckelt der deutliche Vorsprung Pontas nach der ersten Wahlrunde vor zwei Wochen? Keystone

SRF: Im ersten Durchgang lag Ponta vorne. Der amtierende Regierungschef geht als Favorit in die Stichwahl.

Urs Bruderer: Ja, denn mit zehn Prozentpunkten Vorsprung aus der ersten Runde ist man im zweiten Wahlgang Favorit. Aber vergangene Wahlen haben gezeigt, dass auch ein solcher Vorsprung wegschmelzen kann. Der aktuelle Präsident Traian Basescu zum Beispiel hat seine erste Präsidentschaftswahl im zweiten Durchgang gewonnen, trotz eines solchen Rückstandes im ersten Wahlgang.


Einschätzungen von Osteuropa-Korrespondent Urs Bruderer

4:30 min, aus SRF 4 News aktuell vom 13.11.2014

Ist es dem Herausforderer Klaus Iohannis denn nach dem ersten Wahlgang gelungen, verschiedene politische Kräfte hinter sich zu bringen?

Das ist die grosse Frage. Ponta hatte im ersten Wahlgang 40, Iohannis 30 Prozent der Stimmen geholt. Es bleiben also noch 30 Prozent der Wähler aus dem ersten Wahlgang. Eine Mehrheit davon wird zu Iohannis übergehen. Doch auch wenn diese Mehrheit gross ist, reicht das vermutlich noch nicht für einen Wahlsieg.

Beim ersten Wahlgang wurden Betrugsvorwürfe laut, vor allem gegen Regierungschef Ponta. Wie will man verhindern, dass nun auch in der Stichwahl betrogen wird?

«  Wahlbetrug gehört in Rumänien beinahe dazu. »

Das ist schwierig zu verhindern. Es gehört in Rumänien beinahe dazu, alle Parteien tun es, sagt man. Aber diesmal war es besonders dreist: Es wurden beispielsweise elf Prozent aller Stimmen von sogenannten Tourismus-Wählern abgegeben. Das sind Rumänen, die im eigenen Land unterwegs sind, aber am Wahltag nicht zu Hause sind. Sie haben die Möglichkeit, sich in einem anderen Wahlbüro im Land registrieren zu lassen und abzustimmen. Wenn nun elf Prozent aller Stimmen so zusammenkommen, dann ist das eine ziemlich hohe Zahl. Vor allem waren viele dieser Tourismus-Wähler offenbar in kleinen, verlassenen Provinznestern im Süden Rumäniens unterwegs. Dort gewann Ponta mit grosser Mehrheit die Wahlen. Das ist so auffällig, dass nun Klage dagegen eingereicht wurde.

Das andere Problem beim ersten Wahlgang waren die Ausland-Rumänen. Viele konnten nicht aufgrund der schlechten Organisation gar nicht wählen. Gibt es hier mit Blick auf die Stichwahl Verbesserungen?

Man hat versprochen, dass es an gewissen Orten mehr Wahlkabinen geben wird. Entscheidender ist aber wohl, dass die Organisation der Wahlen im Ausland im Vergleich mit der letzten Wahl vor fünf Jahren verschlechtert wurde. Auf dem Papier gibt es zwar Verbesserungen, es gibt nun mehr Wahlbüros. Diese Büros liegen aber nicht dort, wo viele Rumänen im Ausland leben, sondern weit weg. Man will den Leuten die Anreise möglichst mühselig gestalten und sie dadurch von der Wahl abhalten. Denn insbesondere bei den Ausland-Rumänen liegt Iohannis gegenüber Ponta klar im Vorteil.

«  Ob Ponta den Vorteil über die Ziellinie retten kann, ist offen. »

Es scheint, als sei Ponta dennoch der Mann, der am Sonntag gewählt werden wird – trotz der Probleme mit den Ausland-Rumänen und den Tourismus-Wählern und trotz der Betrugs- und Korruptionsvorwürfe gegen ihn.

So klar erscheint mir das nicht. Wir sprechen hier von Ereignissen rund um die Wahlen in Rumänien. Einschätzungen sind schwierig, denn es gibt kaum unabhängige Umfragen und Kommentatoren. Ponta liegt im Vorteil, das stimmt. Aber ob er diesen Vorteil tatsächlich über die Ziellinie retten kann, wissen wir erst nach der Wahl.

Das Gespräch führte Christoph Kellenberger.

Urs Bruderer

Portrait von Urs Bruderer

Der Journalist wirkt seit 2006 für SRF, zunächst als Produzent der Sendung «Echo der Zeit». 2009 wurde er EU-Korrespondent in Brüssel. Seit 2014 berichtet Bruderer aus Osteuropa. Er hat Philosophie und Geschichte studiert.