Präsidentenpalast im Jemen gestürmt

Entführung, Belagerung und Feuergefechte: Schiitische Huti-Kämpfer setzen der Regierung im Jemen zu. Sie stürmen den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Sanaa – und behaupten, das sei gar kein Staatsstreich.

Feuerball über der Stadt Saana

Bildlegende: Seit Samstag sind in Jemens Hauptstadt heftige Gefechte im Gang. Keystone

Mit der Erstürmung des Präsidentenpalastes haben die schiitischen Huthi-Kämpfer im Jemen ihren Machtanspruch bekräftigt. Doch eine vollständige Regierungsübernahme planen sie offenbar nicht. Wo sich der Staatspräsident Abd-Rabbu Mansur aufhält, ist unklar.

Der UNO-Sicherheitsrat in New York hat wegen der Situation im Jemen eine Krisensitzung einberufen. Einem Teilnehmer zufolge nahm der UNO-Botschafter für das Land, Dschamal Benomar, per Videoschaltung an der Sitzung teil. Demnach konnten die Huthi-Kämpfer die Armee überzeugen, keinen Widerstand zu leisten.

Ban Ki Moon ruft zu Einstellung der Kampfhandlungen auf

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich über die Zusammenstösse besorgt. Alle Kampfhandlungen müssten eingestellt und die öffentliche Ordnung müsse wiederhergestellt werden.

Am Dienstagnachmittag hatten die Aufständischen nach Angaben der Nachrichtenseite «Al-Masdar Online» den Präsidentenpalast der Hauptstadt Sanaa erobert. Obwohl sie die Leibgarde hätten entwaffnen können, sei es im Anschluss vor dem Palast zu neuen Gefechten mit dem Militär gekommen. Mindestens zwei Menschen seien bis zum Abend getötet worden.

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Erneuter Putschversuch in Jemen

1:25 min, aus Tagesschau vom 19.1.2015

Mehr Rechte für Schiiten gefordert

Informationsministerin Nadia al-Sakkaf erklärte später über Twitter, das Wohnhaus des Präsidenten werde beschossen. Sie sprach von einem Versuch, die Regierung zu stürzen, ohne ausdrücklich zu sagen, wer dahintersteckt. Aus Regierungskreisen verlautete, der Präsident sei wohlauf.

Ein Huthi-Sprecher sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Schiitentruppen hätten lediglich die Kontrolle über die Häuser der Palastwachen übernommen. «Wir wollen nicht den Palast kontrollieren», sagte Daif al-Schami. «Wir haben nur unsere Einheiten in der Nähe stationiert, um mögliche Plünderungen zu verhindern.» Laut Al-Schami hätten die Palastwachen zuvor ihre Posten verlassen.

Kartenausschnitt, der das Staatsgebiet des Jemens zeigt.

Bildlegende: Jemen liegt im Süden der arabischen Halbinsel. SRF

Die Huthi hatten im September die Hauptstadt eingenommen und waren auch in die sunnitischen Landesteile im Zentrum und Westen des Landes vorgerückt. Sie fordern mehr Rechte für die Schiiten im Jemen.

Druck auf sunnitische Regierung

Am Samstag war der Streit über eine neue Verfassung aufgeflammt, was am Montag zu den schwersten Gefechten seit Wochen führte. Neun Menschen starben. Am Montagabend war eigentlich ein Waffenstillstand ausgerufen worden. Mit ihrem Vorgehen wollen die Huthis vor der Ausarbeitung einer neuen Verfassung den Druck auf die sunnitisch dominierte Regierung erhöhen.

Das Chaos im Land nutzen auch sunnitische Extremisten. Der Jemen ist auch Basis der Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), die als radikalster Flügel der Extremistenorganisation gilt.

Die Terroristenorganisation soll im östlich gelegenen Hadramaut-Gebierge fünf Soldaten getötet haben. Bewaffnete hätten mit automatischen Gewehren das Feuer auf eine Patroullie nahe der Ortschaft Al-Katan eröffnet, teilte eine Militärquelle der Deutschen Presse-Agentur mit. Die Extremisten hatten sich auch zum Anschlag auf das französische Satireblatt «Charlie Hebdo» bekannt.

Botschaften geschlossen

Wegen der Kämpfe in Sanaa haben mehrer Länder ihre Botschaften im Jemen geschlossen, darunter jene von Frankreich, Grossbritannien und der Niederlanden. Die Schweiz unterhält keine Botschaft im Jemen, das Land wird von der Vertretung in Saudi-Arabien betreut.