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International Premierministerin im australischen Männer-Outback

Im Vorfeld der Parlamentswahlen im September eskaliert der Sexismus. Australiens Premierministerin Julia Gillard muss sich immer direktere Beschimpfungen gefallen lassen. Viele Männer können sich offenbar nicht damit abfinden, eine Frau an der Spitze der Regierung zu haben.

Die australische Premierministerin Julia Gillard mit ihrem Partner Tim Mathieson.
Legende: Julia Gillard mit ihrem Partner. Manche australische Männer haben Mühe mit einer Frau an der Spitze des Staates. Reuters/Archiv

Für viele australische Medien scheint die Premierministerin Freiwild zu sein. «Tim ist schwul», meinte der westaustralische Radiomoderator Howard Sattler letzte Woche in einem Gespräch mit Premierministerin Julia Gillard. Sie sei ja das Ziel von vielen Gerüchten. Eines davon sei, ihr Partner Tim sei homosexuell. Denn schliesslich sei er ja Friseur, Coiffeur. Julia Gillard, stoisch wie immer in solchen Situationen, reagierte mit dem Hinweis, dieses Gerücht sei absurd. Ausserdem könne man nicht einfach alle Mitglieder eines Berufszweiges über einen Kamm scheren.

Das Interview löste in Australien einen Sturm der Entrüstung aus. Howard Sattler wurde am nächsten Tag gefeuert. Sogar seine Kollegen bei anderen Privatradiosendern sagten, er sei zu weit gegangen. Das sind Krokodilstränen: Denn diese so genannten «Shock Jocks», frei übersetzt Disc Jockeys, die mit Schockbemerkungen die Einschaltquoten hochtreiben, haben seit Jahren selbst ein Hauptziel für ihre gehässigen, beleidigenden und zeitweise schlichtweg widerwärtigen Bemerkungen: Premierministerin Julia Gillard.

Kommt ein ehemaliger Priesterstudent an die Macht?

Man kann sein Haus darauf wetten, dass die erste Premierministerin Australiens am 14. September nicht nur ihren Posten verlieren wird, sondern ihre Laborpartei auch die Wahlen. Umfragen zeigen, dass Oppositionsführer Tony Abbott gewinnen wird, mit überwältigender Mehrheit. Ab 15. September wird somit ein ultrakonservativer ehemaliger katholischer Priesterstudent das Land führen, der nicht mit dem Zölibatsgebot zurecht gekommen war und dann in die Politik ging. Ein Mann, dem im Verlauf seiner Karriere mehrere Frauen vorgeworfen haben, sie verbal diskriminiert zu haben. Eine habe er sogar körperlich bedroht.

Gillard steht seit Jahren im Fadenkreuz von Abbott. Der Konflikt zwischen Premier und Herausforderer ist durchaus ein normaler Zustand in der hemdsärmeligen Politik Australiens. Aber Abbott zielt immer wieder mal auf das Geschlecht von Gillard. Und hat dabei einen Chor von Medien hinter sich: Alle Shock Jocks, aber auch Tageszeitungen. Die meisten sind vom Konservativen Rupert Murdoch kontrolliert. Die Blätter machen keinen Hehl aus ihrer Präferenz für Abbott. Der musste sich letzte Woche rechtfertigen, nachdem bei einem Spendendinner seiner Partei ein nach Gillard benanntes Gericht auf der Speisekarte als Wachtel mit «kleinen Brüsten und fetten Schenkeln» angepriesen worden war.

Sexismus hat Tradition

Es gibt viel zu kritisieren an Gillards Politik, auch wenn sie in den letzten drei Jahren überraschend viel erreicht hat mit ihrer Regierung, die nur dank Unterstützung von Unabhängigen im Parlament bestehen konnte. Nur ihrer Politik, den Medien und den Politikern Schuld zu geben an der Hexenjagd wäre aber falsch. Sexismus hat in Australien Tradition, Sexismus ist Alltag. Das mag auf den ersten Blick erstaunen. Denn immerhin sitzen Frauen heute in den höchsten Ämtern. Und Australien hat als eines der ersten Länder das Frauenstimmrecht eingeführt.

Im Alltag aber sieht die Situation anders aus. Frauen verdienen im Vergleich mit Männern 17 Prozent weniger. Diskriminierung am Arbeitsplatz ist oftmals nicht nur normal, sondern auch akzeptiert. Gewalt gegen Frauen ist ein grosses Problem. Über die Gründe streiten sich die Experten. Auch die Armee, in der Frauen eigentlich emanzipiert sein sollten, spielt keine gute Rolle. Soeben wurde in der Armee ein Kreis von Soldaten und Offizieren erwischt, die Frauen sexuell ausnutzten und ihre Erfahrungen tauschten – und auch die Frauen.

Erste Frauen waren Freiwild

Hier könnte, so zumindest eine Theorie, ein Teil der Erklärung liegen. Die ersten weissen Frauen, die 1788 die damalige Sträflingskolonie Australien betraten, waren Prostituierte, Kleinkriminelle. Freiwild. Ein Bild, das vielleicht heute noch – ganz tief im Unterbewusstsein – das Frauenbild von nicht wenigen Männern in Australien prägt. 

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5 Kommentare

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  • Kommentar von F. Zuber, Solothurn
    So so, Australien ist also auch frauenfeindlich, nicht nur Saudi-Arabien? Wieso wird dann immer nur auf dem Islam herumgeritten, wenn von Frauendiskriminierung die Rede ist? Das ist diese Ungerechtigkeit, die heute oft in den Medien vorherrscht. Bravo ans SRF, dass es solche Nachrichten herausgibt!
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  • Kommentar von Alex Bauert, Bern
    «Erste Frauen waren Freiwild». Was soll das heissen? Totaler Schwachsinn. Diese Frauen standen nicht als «Feiwild» zur Verfügung, ev. waren sie erpressbar, weil sie der Macht der Gefängnisaufseher ausgeliefert waren. Die Männer waren ebenfalls Kriminelle und meist gegen ihren Willen dorthin versetzte Soldaten, bzw. Gefängnisaufseher. Was soll der Fokus auf den Frauen? NB: Australien hat keine höhere Kriminalitätsrate als der Rest der Welt und gilt als Beweis, dass Kriminalität nicht vererbt wird
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  • Kommentar von Max Werren, Bern
    Das ist eine Schweinerei, was diese Australier da bieten. Der Rassismus gegen Frauen ist genauso zu bekämpfen wie der klassische Rassismus gegen andere Volksgruppen. Da kann man nur noch hoffen, dass in Australien ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet.
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    1. Antwort von Bian Bork, Australien
      Erstens, was hat Rassismus mit Frauen zu tun? Ausserdem, es ist schade, dass sich der Autor sichtlich nicht mit Australien auskennt - Gewalt an Frauen ist genauso wenig gedulded wie in der Schweiz. (Verdiente) Frauen sind in der Wirtschaft wie in der Politik an der Spitze (e.g. Finanzministerin Wong oder Minenmogul Rinehart). Aber, informier dich doch mal wie Gillard an die Macht kam und wie sie die Carbon Tax policy einfuerte - dann verstehst du warum sie nicht beliebt ist.
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