Proteste in Favela – nach Tötung eines Jungen durch Polizeikugel

In einem Elendsviertel in Rio de Janeiro ist es zu Zusammenstössen zwischen Polizisten und Anwohnern gekommen. Die Menschen im Complexo de Alemão sind der überzogenen Gewalt der Sicherheitsbeamten überdrüssig. Die Erschiessung eines zehnjährigen Jungen hat das Fass nun zum Überlaufen gebracht.

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Chaos in der Favela – und der Wunsch nach Frieden

1:17 min, vom 4.4.2015

Nach der Tötung eines zehnjährigen Jungen durch die Polizei ist es in Rio de Janeiro zu gewaltsamen Protesten gekommen. Die Demonstration, an der sich am Freitag rund 300 Menschen beteiligten, soll laut Augenzeugenberichten zunächst friedlich verlaufen sein. Als dann aber die Menge die Polizisten mit Steinen bewarf, gingen die Beamten mit Trängengas gegen die Protestierenden vor.

Ein Polizeisprecher sagte, die Beamten seien «gezwungen» gewesen, «nicht-tödliche Waffen» einzusetzen, um die Demonstranten in Schach zu halten, die eine Strasse zur Favela Complexo de Alemão blockiert hatten.

 Der Complexo de Alemao, Elendsviertel in Rio de Janeiro.

Bildlegende: Im Complexo de Alemão ist es in letzter Zeit immer wieder zu Schiessereien gekommen (Archivbild). Keystone

Auslöser war Polizeieinsatz im Elendsviertel

Auslöser der Proteste war ein Polizeieinsatz im Armenviertel, bei dem am Donnerstagabend ein zehnjähriger Junge erschossen worden war. Nach Polizeiangaben haben die Beamten deshalb das Feuer eröffnet, weil sie von einer Gruppe «Krimineller» beschossen worden waren.

Die Eltern des Jungen wiesen den Sachverhalt zurück. Ihr Sohn habe nichts mit Drogenhändlern zu tun, und es habe auch keine «Schiesserei» gegeben, so die Mutter zur Zeitung «Globo». Es sei nur ein Schuss zu hören gewesen sein; der Schuss, der ihr Kind getötet habe.

Präsidentin Rousseff hat sich eingeschaltet

Nach dem Vorfall leitete die Polizei eine Untersuchung ein und suspendierte die verantwortlichen Beamten vom Dienst. Selbst die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff sah sich veranlasst, Stellung zu beziehen. Sie sicherte den Eltern des getöteten Jungen ihre «Solidariät» zu und verlangte eine Aufklärung des Tatbestands. Die Verantwortlichen müssten «vor Gericht gestellt und bestraft» werden.

Die Polizei in Brasilien steht immer wieder wegen unverhältnismässiger Gewalt in der Kritik. Die Demonstranten kritisierten in Sprechchören insbesondere die sogenannte Befriedungspolizei UPP, welche die Drogenbanden aus den Favelas zurückdrängen soll.

Die Vorkommnisse werfen auch ein heikles internationales Schlaglicht auf Brasiliens zweitgrösste Stadt. Rio de Janeiro ist die erste südamerikanische Stadt, die – im Sommer 2016 – die Olympischen Spiele austrägt.