Pussy-Riot-Mitglied im Hungerstreik

Ein Brief aus einem russischen Straflager sorgt für Aufsehen: Die dort inhaftierte Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot macht auf misslichste Umstände aufmerksam und will in den Hungerstreik treten. Andreas Gross will im Namen des Europarats intervenieren.

Nadeschda Tolokonnikowa schaut durch die Gitter in die Kamera.

Bildlegende: Nadeschda Tolokonnikowa, Aufnahme aus dem April 2013. Keystone

Eines der inhaftierten Mitglieder der regierungskritischen russischen Punkband Pussy Riot hat einen Hungerstreik angekündigt. Nadeschda Tolokonnikowa erklärte in einem von ihrem Ehemann veröffentlichten Brief, sie werde auch die «koloniale Sklavenarbeit» im Gefängnis verweigern. «Ich werde das so lange fortsetzen, bis die Regierung beginnt, die Gesetze einzuhalten und aufhört, inhaftierte Frauen wie Vieh zu behandeln.»

Schreckliche Zustände

Im Gefängnis würden die Insassen unter anderem gezwungen, bis 17 Stunden am Tag Polizeiuniformen zu nähen, schrieb die 23-jährige Mutter einer kleinen Tochter. Sie bekämen höchstens vier Stunden Schlaf am Tag. «Deine Hände sind mit Nadelstichen und Kratzern übersäht, dein ganzer Arbeitstisch ist von deinem Blut bedeckt, aber du nähst weiter.»

Was Nadeschda Tolokonnikowa in dem offenen Brief beschreibt, ist schrecklich. Es ist eine subjektive Schilderung. Aber man kommt nicht umhin, davon auszugehen, dass die Zustände in dem Lager wirklich so schlimm sind, wie Tolokonnikowa diese minutiös beschreibt.

Die Lagerleitung der russischen Frauenstrafkolonie Nummer 14 hat sich offenbar speziell darauf konzentriert, die politisch engagierte Sängerin und Putin-Kritikerin zu demütigen. Wenn etwa Mitgefangene mit ihr einen Tee trinken möchten, so würden diese abgestraft. Sie selbst sei von der Lagerleitung in jüngster Zeit mehrmals mit dem Tod bedroht worden.

Schlimm seien unter anderem auch die sanitären Zustände im Waschraum. Weil die Abflussrohre verstopft seien, bewege man sich dort oft im Urin oder Kot aus den Toiletten.

Europarat soll sofort intervenieren

Andreas Gross, zuständig für das Russland-Monitoring des Europarats, ist entsetzt: Er fühle sich unmittelbar an die Gulag-Berichte von Alexander Solschenizyn erinnert, sagt er gegenüber SRF. «Ich habe mich sofort gefragt, was diese Frau bereit ist auf sich zu nehmen – sie riskiert ihr Leben und das ist unakzeptierbar.» Russland gehört der Organisation an, obwohl Moskau seit Jahren in vielen Bereichen die Menschenrechtsnormen nicht erfüllt.

Immer wieder habe man in jüngster Zeit die Situation in russischen Gefängnissen unter die Lupe nehmen wollen, so Gross weiter. Ein Besuch bei Russlands wohl wichtigsten politischen Gefangenen, bei Michail Chodorkowski, sei der Europaratsdelegation aber nicht gestattet worden.

Nach den jüngsten Enthüllungen aus der russischen Frauen-Strafkolonie will Gross nun aber nochmals intervenieren. Er ist zuversichtlich, diesmal etwas bewirken zu können: Er werde zugleich den Ministerrat dazu aufrufen, das Europarats-Komitee gegen die Folter sofort in die Frauenstrafkolonie 14 zu schicken. Es soll die dortigen Zustände kontrollieren.

Es gehe nicht nur darum, die mittlerweile weltbekannte Nadeschda Tolokonnikowa zu unterstützen, erklärt Gross weiter. Es gehe vor allem darum, dafür zu sorgen, dass Russland mit seinen Gefangenen endlich einen menschenwürdigeren Umgang pflegt.

Moskaus Reaktion

Nach der Veröffentlichung des Briefes ist Tolokonnikowa im Straflager 14 an einen «sicheren Ort» gebracht worden. Sie befinde sich – zu ihrem eigenen Schutz – nun in Einzelhaft, sagte der Menschenrechtler Gennadi Morosow.