«Putin braucht Amerika als Feindbild»

Seit Putin im Mai 2012 seine dritte Amtszteit als russischer Präsident angetreten hat, haben sich die Beziehungen zwischen Moskau und Washington stetig verschlechtert. Wie soll da eine gemeinsame Position im Syrienkrieg gefunden werden? Ein Gespräch mit einem russischen Journalisten.

Putin (links) und Obama bei einer gemeinsamen Medienkonferenz; die eisige Atmosphäre ist mit den Händen zu greifen.

Bildlegende: Die Stimmung war schon vor einem Jahr, beim G20-Treffen in Mexiko, kaum besser. Reuters

Derzeit sorgen die beiden Grossmächte vor allem mit dem Streit in der Syrienkrise für Schlagzeilen: Die USA wollen die Aufständischen nun auch mit Waffen ausrüsten, Russland dagegen hält an Machthaber Bashar al-Assad fest und rüstet diesen mit modernstem Kriegsgerät aus. Das klingt nach einem Stellvertreterkrieg von Grossmächten wie zu Zeiten des Kalten Krieges.

«  Putin wird Assad niemals aufgeben »

Alexander Sambuk
Freier russischer Journalist

Der russische freie Journalist Alexander Sambuk in Moskau ist denn auch wenig zuversichtlich, dass Moskau und Washington die Syrien-Krise gemeinsam lösen können: Russlands Präsident Wladimir Putin sei einzig daran interessiert, «seine wichtige Rolle in diesem Konflikt beizubehalten.» Das entspreche Putins Wunsch, von Amerika als gleichberechtigter Partner, als Macht, die nicht zu unterschätzen sei, wahrgenommen zu werden. «Deswegen wird er Bashar al-Assad in absehbarer Zeit niemals aufgeben – er braucht ihn und den Syrien-Konflikt, um Russlands Position in dieser Weltregion auf Dauer zu verfestigen», ist Sambuk überzeugt.

Amerika als Feindbild

Die derzeitigen Verwerfungen zwischen Moskau und Washington haben eine Vorgeschichte: Sie beginnt mit dem Wiedereinzug Putins in den Kreml im Mai 2012. «Putin braucht Amerika als Feinbild in seiner Propaganda beim Aufbau eines autoritären Regimes und der Bekämpfung der Opposition», betont Sambuk. Leider komme diese Propaganda bei den Russen auch an: «Unsere nicht sehr gut informierten Leute nehmen sie als leichte Kost.»

Vom Neustart ist nichts mehr da

Noch vor vier Jahren hatten der neu gewählte US-Präsident Barack Obama und Russlands damaliger Präsident Dmitri Medwedew verkündet, sie wollten die frühere Rivalität überwinden und durch eine Partnerschaft ersetzen.

Aus US-Sicht ging es dabei vor allem um Themen, bei denen Washington Moskau braucht: Nachschubwege nach und Rückzugswege aus Afghanistan oder die atomare Abrüstung. Doch: «Seit Putin wieder an der Macht ist, ist dieser Versuch eines Neustarts wieder vorbei», sagt Sambuk. Trotzdem will der Journalist die derzeitige Situation nicht mit jener im Kalten Krieg vergleichen.

Gegenseitige Sanktionen

Der vorläufige Tiefpunkt in den Beziehungen sei im letzten Winter durchschritten worden: Damals verhängte der US-Kongress Sanktionen gegen 18 Personen, die in den Tod des russischen Anwalts Sergej Magnitski verwickelt gewesen sein sollen. Die 15 russischen Beamten sowie 3 Männer aus Usbekistan, Aserbaidschan und der Ukraine wurden mit einem Einreiseverbot in die USA belegt, ihr allfälliges Vermögen im Land eingefroren.

«Als Antwort kam aus Moskau das Adoptionsverbot russischer Kinder durch amerikanische Eltern», erklärt Sambuk. Bis zum Frühling hätten sich die Beziehungen zwischen Moskau und Washington dann wieder leicht verbessert. Immerhin hätten sich im Mai beide Seiten bereit erklärt, Wege zur friedlichen Beilegung des Syrienkonflikts zu suchen.