Putins Muskelspiel in Ankara

Wladimir Putin sucht in der Türkei nach Verbündeten. Im Fokus der Gespräche zwischen Erdogan und Putin stehen die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder. Völlig unerwartet droht der Kreml-Chef plötzlich der EU mit dem Stopp der geplanten Erdgas-Pipeline.

Erdogan und Putin sitzen an einem Tisch, offensichtlich anlässlich einer Medienkonferenz, hinter ihnen russische und türkische Fahnen.

Bildlegende: Vor einem Jahr hatte Erdogan – damals noch Premier – Putin in St.Petersburg besucht. Reuters

Russische Gaslieferungen an die Türkei und den Export von Technologie will Präsident Wladimir Putin bei seinem Arbeitsbesuch in der Türkei thematisieren. Dort trifft er seinen türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan.

Putin will Handel verdreifachen

Ende vergangener Woche hatte Putin im Gespräch mit türkischen Medien gesagt, angesichts der Sanktionen des Westens sei sein Ziel, den Handel mit der Türkei pro Jahr auf 100 Milliarden Dollar zu verdreifachen. Zugleich lobte der Kreml-Chef die Haltung Ankaras als weitsichtig, sich nicht an den Sanktionen des Westens gegen Moskau zu beteiligen.


Putin will den Handel mit der Türkei verdreifachen

6:50 min, aus SRF 4 News aktuell vom 01.12.2014

Putin und Erdogan wollen nach Angaben des Kremls auch über die Situation in Syrien und den internationalen Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) sprechen. Die beiden Länder vertreten im syrischen Bürgerkrieg unterschiedliche Positionen. Russland ist ein Verbündeter des Regimes in Damaskus. Die Türkei dagegen unterstützt die Opposition im Nachbarland.

Politische Differenzen werden ausgeklammert

«Der Rubel soll rollen. Beide Seiten wollen sich auf die gemeinsamen Wirtschaftsinteressen konzentrieren», schätzt Thomas Seibert die Stossrichtung der Gespräche ein. Er ist Journalist und lebt in Istanbul. Die politischen Differenzen sollen ausgeklammert werden. «Beide Seiten wissen, dass sich bei der anderen Seite nichts bewegen wird.» Zugleich wüssten Russland und die Türkei, dass sie als wichtige Mächte in der Region zwischen dem Schwarzen Meer und dem Nahen Osten miteinander auskommen müssen.

Konkret wünschen sich die Türken von Russland laut Seibert einen niedrigeren Erdgaspreis. Rund zwei Drittel des in der Türkei verbrauchten Gases stammt aus Russland. «Ein erklärtes Ziel Erdogans ist es, mit Putin über den Gaspreis zu feilschen», weiss der Journalist. Putin seinerseits sei an einem Export von Technologie interessiert, etwa für den Bau von Atomkraftwerken. Auf der anderen Seite hofft die Türkei auf höhere Exporte nach Russland, etwa von Lebensmitteln.

Putin droht mit «Faustpfand» South-Stream-Pipeline

Für die EU hatte Putin schlechte Nachrichten im Gepäck. Russland könne die geplante Erdgas-Pipeline South Stream derzeit nicht verwirklichen. Bulgarien blockiere die Bauarbeiten am Meeresgrund, weshalb das Projekt «unter den jetzigen Bedingungen» nicht weiterverfolgt werden könne, sagte Putin. Deutlicher wurde Gazprom-CEO Alexei Miller: «Das ist Projekt ist tot. Das war's».

Die umstrittene South-Stream-Pipeline soll Gas an der Ukraine vorbei von Russland nach Europa bringen. Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise ist das Milliardenprojekt zum umkämpften Faustpfand zwischen Moskau und der EU geworden. Nach erheblichem Druck aus Brüssel und Washington hatte das Transitland Bulgarien im Juni die Vorarbeiten an dem Pipeline-Projekt unterbrochen.

Das South-Stream-Projekt wurde im Jahr 2012 ins Leben gerufen. Die rund 2400 Kilometer lange Pipeline soll unter Führung des russischen Energieriesen Gazprom gebaut werden und jährlich bis zu 63 Milliarden Kubikmeter Gas über das Schwarze Meer nach Westeuropa transportieren.

Nicht alle haben Freude an Putins Besuch

In der Türkei stösst Erdogans pfleglicher Umgang mit Putin teilweise auf Kritik, etwa wegen der Krimkrise. Auf der von Russland annektierten Halbinsel leben die Krim-Tataren, ein Volk, das mit den Türken verbunden ist. Auch gebe es in der Türkei immer wieder mysteriöse Morde an Aktivisten aus dem Kaukasus, weiss Seibert. «Diese Morde werden dem russischen Geheimdienst zugeschrieben.» Kaukasus-Verbände wollten deshalb gegen den Besuch Putins protestieren.