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Putsch in Lugansk «Soldaten ohne Abzeichen gehören zu Russlands Repertoire»

Vermummte mit Waffen patrouillieren seit Mittwoch durch die selbsternannte Republik Lugansk im Osten der Ukraine. Russland-Korrespondent David Nauer über die Hintergründe.

David Nauer
Legende: Nauer ist SRF-Korrespondent in Russland. Davor berichtete er für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau und Berlin. SRF

SRF News: In der Separatistenhochburg scheint ein Putsch im Gang zu sein. Wie ist die Lage in Lugansk heute Morgen?

David Nauer: Es ist sehr unübersichtlich. Nach letzten Meldungen hat der Innenminister im Machtkampf mit dem selbsternannten Präsidenten der Region im Moment die stärkere Position inne. Präsident Igor Plotnizki soll von gegnerischen Kämpfern umzingelt sein. Er habe sich zusammen mit seiner Leibwache im Keller des Amtssitzes verschanzt, berichten örtliche Medien.

Nach ukrainischen Angaben hat auch Moskau Truppen geschickt, um eine totale Eskalation zu verhindern.

Die Bewaffneten tragen zwar Kalaschnikows, aber keine Hoheitsabzeichen. Woher stammen denn die Bewaffneten in Lugansk?

So genau weiss man das nicht. Es gibt unterschiedliche Theorien und Meldungen, wessen Truppen das sind. Einerseits hat sicher der Innenminister Leute unter Waffen, aber auch der Präsident. Dazu sollen Sondereinheiten aus der benachbarten Separatistenrepublik Donezk gekommen sein. Nach ukrainischen Angaben haben auch die Russen Truppen geschickt, um eine totale Eskalation zu verhindern. Russland ist ja Schutzmacht der ostukrainischen Rebellenrepubliken. Abgesehen davon ist der Einsatz von Soldaten ohne Hoheitsabzeichen ja auch etwas, was zum Repertoire der russischen Armee gehört, wie man das auf der Krim gesehen hat. Im Falle von Lugansk wissen wir aber nichts Gesichertes.

Es geht um einen Machtkampf zwischen dem selbsternannten Präsidenten von Lugansk und seinem Innenminister. Was haben diese für Differenzen?

Es geht um alles Mögliche, aber sicher nicht um politische Differenzen. Es ist nicht so, dass die beiden unterschiedliche innenpolitische Vorstellungen hätten oder unterschiedliche Ansichten zur Beziehung zur Ukraine. Soweit man weiss, haben die zwei schlicht persönliche Probleme miteinander. Es geht um Macht, Geld, den Zugriff auf die rentable Kohleförderung: Es geht also um die Pfründe.

Wo steht Moskau in diesem Konflikt?

Ich habe den Eindruck, Moskau steht weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Es hat zwar das Gerücht gegeben, dass der Kreml den Innenminister unterstütze. Das wurde aber offiziell dementiert. Die Russen scheinen eher nach einem Kompromiss zu suchen, ist mein Eindruck. Denn wenn Präsident Plotnizki jetzt mit Hilfe Moskaus abgesetzt würde, wäre das eine Absegnung eines Putsches. Und das wollen die Russen schliesslich auch nicht.

Es geht bei dem Machtkampf um alles Mögliche, aber sicher nicht um politische Differenzen.

Kommt für Moskau der Konflikt in Lugansk nicht ziemlich ungelegen?

Ja, denn den Russen wäre es am liebsten, die sogenannten Volksrepubliken in der Ukraine würden keine Probleme machen. Es gibt auch vermehrt Diskussionsteilnehmer in Russland, die das Engagement in der Ostukraine kritisch sehen. Der Konflikt ist ziemlich teuer für Moskau. Der Kreml muss diesen Republiken Finanzhilfe leisten. Zudem muss er die Separatisten militärisch ausrüsten. Die russische Präsenz in der Ostukraine ist auch der Grund für schmerzhafte Sanktionen des Westens, die Russland langfristig schaden. Da stellt man sich in Moskau inzwischen die Frage, ob sich das alles lohnt. Doch aus russischer Sicht werden dort, in der Ostukraine, russische Interessen verteidigt. Ob der Kreml bereit ist, diese einfach so aufzugeben, wage ich zu bezweifeln.

Den Russen wäre es am liebsten, die sogenannten Volksrepubliken in der Ukraine würden keine Probleme machen.

Dann wird Moskau noch eine Weile die hohen Kosten für die Separatisten in der Ostukraine tragen?

Ja, Russland will sich nicht mit der Westorientierung der Ukraine abfinden. Und diese Volksrepubliken sind eine Art Pfand für den Kreml, mit dem er auf die Ukraine Einfluss nehmen kann. Andererseits – und das ist bemerkenswert – hat Präsident Putin kürzlich vorgeschlagen, dass UNO-Blauhelme in die Region entsandt werden. Wie das umgesetzt werden soll, ist noch völlig unklar. Aber man hat den Eindruck, dass Russland einen Ausweg aus diesem Konflikt sucht, bei dem es seine Interessen und sein Gesicht wahren kann.

Das Gespräch führte Tina Herren.

21 Kommentare

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  • Kommentar von Stanic Drago (Putinversteher)
    Es gab kein Putsch in Noworusia. Soldaten ohne Abzeichnung sind Soldaten aus DNR und keine russische Soldaten. Endlich würde korrupte Plotnitsky entfernt. In Lughansk würden in letzte Jahre mehrere Prominente Kämpfer bei Atentäten umgebracht. Auch war gerede von Handeln zwischen UA und LNR bei welchen paar Politiker reich geworden sind. Jetzt werden sich endlich LNR und DNR vereinigen. Das hoffe ich mindestenz.
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    1. Antwort von Raphael Widmer (Sorry bin kein Putin-Fan)
      Logisch, im Moment gibt es keinen Putsch in der vom Kreml gegründeten und streng kontrollierten "Novorussiya" bzw. "DNR" und "LNR" (diese Art von Namensgebungen von Moskau erinnert mich irgendwie an die Bezeichnung DDR :) Kleine propagandabereinigte Korrektur: der Donbass hat praktisch NUR russische ("Urlaubs"-)Soldaten, die vom Kreml beauftragt wurden sowie diverse Kämpferverbände aus RU. Anders ist die militärische Stärke, Grösse und Ausrüstung dieser Separatisten nicht zu erklären.
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  • Kommentar von Markus Guggisberg (gugmar)
    Ob eine Streithahn nicht durch die CIA gekauft und die CIA zur Tarnung nicht vom "Repertoire" der Russen gelernt und die Medien erneut gerne vorgefasste Meinungen verbreiten ? Eins ist sicher, es ist kein Zufall, dass gleichzeitig mit den inneren Unruhen Einheiten der Ukraine Dörfer in der Nähe von Lugansk überfallen haben, aber davon ist von SRF nichts zu hören ! Das Ganze als inneres Problem der Ostukraine zu beschreiben, scheint dem aktuellen Medien Tenor der CIA zu entsprechen !
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    1. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      ...............wüsste nicht, dass die CIA in den selbsternannten Republiken der Ostukraine ihr Unwesen treibt. Ich jedenfalls bin felsenfest davon überzeugt, dass dort schnell Ruhe und Ordnung und eine positive Perspektive für die Menschen dort einkehren könnte, wenn Putin, zumal sich Russland als Schutzmacht der Ukraine verpflichtet hat, das völkerrechtswidrige Engagement dort einstellen würde.
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  • Kommentar von Marcel Chauvet (xyzz)
    Seit 2014 wird in der Ostukraine Krieg geführt, um die Ukraine zu schwächen und zu destabilisieren. Auf sich allein gestellt stünde diese kleine Region längst auf verlorenem Posten. Und Russland selbst blutet durch diesen und andere Kriege langsam aber sicher aus, es sei denn diese werden bald beendet. Putins Lügengebäude ist wie ein Kartenhaus in sich zusammen gefallen. Da brauchen wir nun wirklich keine weiteren Beweise mehr, ob nun die russischen Invasoren Hoheitsabzeichen tragen oder keine.
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    1. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      Was für Lügen werfen Sie Putin vor? Wer hat in der Ukraine 2014 die Armee gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt? Russland?
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    2. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Seit dem Putsch der demokratisch gewählten Regierung in Kiew durch westliche Allianzen, wobei er auch Merkels Handschrift trägt, ist in der Ukraine Bürgerkrieg. Ein Bürgerkrieg mehr auf der Welt, welche westliche Allianzen zu verantworten haben.
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