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«Racial Profiling» in den USA Der tagtägliche Rassismus

Die willkürliche Verhaftung zweier Schwarzer bei Starbucks sorgt in den USA für hohe Wellen – und zeigt eine traurige Realität.

Legende: Audio Wenn die Hautfarbe ein Verhaftungsgrund ist abspielen.
5:11 min, aus Echo der Zeit vom 03.05.2018.

Anfang April wurden zwei afroamerikanische Männer in einem Starbucks in Philadelphia verhaftet. Sie hatten nichts getan – sie warteten nur auf einen Bekannten ohne etwas zu bestellen. Damit waren sie für den Geschäftsführer des Cafés auffällig. Er benachrichtigte die Polizei.

Dies ist bloss das jüngste und am stärksten beachtete Beispiel von «Racial Profiling» in den USA, einer Form des Rassismus, die eigentlich schon lange ausgemerzt sein sollte. Doch sie gehört in den Vereinigten Staaten noch immer zum Alltag der Afroamerikaner.

Starbucks am Pranger

Die Verhaftung der beiden Männer wurde für den Kaffekonzern Starbucks rasch zu einem PR-Alptraum. Weitere Gäste des Cafés filmten die Situation und stellten sie online. Die Zentrale des Unternehmens reagierte sofort, entliess den Geschäftsführer der betreffenden Filiale und kündigte an, in allen Starbucks-Läden in den USA ein Sensibilitätstraining durchzuführen.

Leute halten Plakate in die Höhe.
Legende: Der Vorfall im Starbucks-Café in Philadelphia löste in den USA eine Protestwelle aus. Reuters

Für Zachary Norris, Geschäftsführer des «Ella Baker Center for Human Rights» mit Sitz in Oakland, ist das nur ein Beispiel von vielen. Für ihn ist klar, dass Menschen mit nicht-weisser Hautfarbe einen tagtäglichen Kampf in den USA austragen müssen.

So sei etwa entlang der Interstate 95 an der US-Ostküste festgestellt worden, dass 75 Prozent der Autofahrer zu schnell fuhren. Doch 95 Prozent derjenigen, die angehalten wurden, seien Schwarze gewesen. «Das zeigt, in welchem Ausmass Polizisten besonders afroamerikanische Autofahrer stoppten», so Norris. Und das, obwohl praktisch alle Leute zu schnell fuhren.

Verhaftet allein aufgrund der Hautfarbe

Auch für Howard Pinderhughes ist das «Racial Profiling», das illegale Verdächtigen, Kontrollieren und Verhaften allein auf Grund der Hautfarbe oder Herkunft, nichts Neues. Obwohl es gegen bestehende Gesetze verstösst, sagt der Soziologieprofessor und Vorsitzende der sozialwissenschaftlichen Fakultät an der UC San Francisco – selbst ein Afroamerikaner – gehöre es zum Alltag.

Pinderhughes hat schon selber mehrere einschlägige Erlebnisse mit der Polizei gehabt. In San Francisco war er nur wenige Meter von seinem Haus entfernt, den Schlüssel schon in der Hand, als mehrere Polizeiwagen mit Blaulicht von beiden Seiten auf ihn zuschossen. Polizisten mit gezückten Waffen sprangen heraus und forderten ihn lautstark dazu auf, sich mit dem Gesicht auf den Boden zu legen.

«Einer griff mir in die Tasche und nach meinem Portmonee, gab den Namen über Funk durch und gab mir danach meinen Geldbeutel zurück.» Alles, was der Polizist daraufhin gesagt habe, sei gewesen: «O.k., den suchen wir nicht.» Er habe den Polizisten gefragt, wieso er kontrolliert worden sei. «Der Officer meinte, ich hätte auf eine Beschreibung gepasst. Damit fuhren sie weg. Die Frage ist also: Welche Beschreibung haben sie da?»

Schwarze demonstrieren mit Plakaten, auf denen «I am a Man» steht.
Legende: Zum 50 Jahrestag seiner Ermordung gedenken Anhänger Martin Luther Kings. Keystone

Alle Teile der USA betroffen

«Racial Profiling» passiert jeden Tag und überall im Land. Selbst in der als liberal und progressiv geltenden San Francisco Bay Area mit ihren Städten, die sich für das Bleiberecht von illegalen Einwanderern einsetzen. Manchmal gibt es sogar Vorfälle mit tödlichen Folgen, wie Norris vom «Ella Baker Center» erklärt. «Wir hatten den Mord an Oscar Grand, und kürzlich den Mord an Stephon Clark in Sacramento.»

Der 22jährige Stephon Clark wurde am 18. März im Garten seiner Grossmutter von acht Polizeikugeln tödlich getroffen, sechs davon in seinen Rücken. Die Beamten waren auf der Suche nach einem Verdächtigen, der in der Nachbarschaft mehrere Scheiben eingschlagen haben soll. Als die Polizeibeamten Clark im Garten entdeckten, rannte dieser weg. Die Polizisten eröffneten gleich das Feuer, denn sie hielten das Telefon in Clarks Hand für eine Pistole.

Afroamerikaner wird von Polizisten auf den Boden gedrückt, ihm werden Handschellen angelegt.
Legende: Afroamerikaner in den USA lernen schon früh, wie sie sich verhalten sollen, damit sie Polizeieingriffe überleben. Reuters

Die Überlebenschancen erhöhen

Soziologe Pinderhughes: «Es gibt in der afroamerikanischen Community etwas, das zum Alltagswissen gehört. Und das ist, dass man mit seinem Sohn, seinem Neffen, unseren jungen schwarzen Männern irgendwann DAS Gespräch führt, wenn sie etwa acht Jahre alt sind.»

Dieses drehe sich darum, wie man am Leben bleiben könne wenn sich Polizisten nähern und man von ihnen kontrolliert und festgehalten wird. «Man muss also lernen, auf der Strasse zu überleben, wenn man mit der Polizei in Kontakt kommt.» Zwar garantiere dieses Gespräch zwischen Vater und Sohn nichts. «Aber es erhöht die Überlebenschancen.»

Seit Trumps Wahl noch schwieriger

Der Wahlkampf und Sieg von Donald Trump haben erneut tiefe Wunden in den USA aufgerissen. Unter Trump habe sich die Lage in Sachen Rassismus wieder verschlechtert, sagt Pinderhughes. Man könne leicht das Gefühl bekommen, dass nichts voran gehe. «Aber Tatsache ist auch, dass man im Kampf um ethnische und soziale Gleichberechtigung äusserst geduldig bleiben muss.»

Man müsse kontinuierlich darauf drängen und sich nicht mit dem Unrecht abfinden. «Aber man muss auch geduldig bleiben, mit dem Wissen, dass der Bogen der Geschichte lang ist, er sich aber der Gerechtigkeit zuneigt, wie es Martin Luther King sagte.»

Auch 50 Jahre nach der Ermordung von Martin Luther King ist der Rassismus in den USA noch lange nicht überwunden.

28 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Schmidlin (Tellerwäscher)
    Ein sehr schlechtes Beispiel. Ich hätte auch die Polizei gerufen, auch wenn es Weisse gewesen wären. Man geht nicht in ein Restaurant um auf Kollegen zu warten ohne etwas zu bestellen. Die Personenkontrolle durch die Polizei war richtig und bei Widerstand wird zugegriffen.
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    1. Antwort von Julian Perrenoud (Julian P.)
      Meine Güte, was ist das für eine Haltung... Die Polizei rufen, nur weil man noch mit der Konsumation zuwartet? Dann könnten Sie ja überall in den Restaurants und Bars Leute verhaften lassen! Gerade Starbucks ist ein sozialer Treffpunkt, wo man auch mal aufeinander wartet.
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    2. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      @Julian: Ihre Darstellung ist leider falsch. Die beiden haben selbst im Interview bei CNN (finden Sie problemlos online) gesagt dass sie nichts bestellen weil sie ja ihre Wasserflasche dabei haben ....
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    3. Antwort von Steff Stemmer (Steff)
      Restaurants gelten als öffentliche Lokale/Gebäude, für jeden frei zugänglich. Gerade in einem Starbucks sollte es möglich sein auf jemanden zu warten, oder?
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    4. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      @Steff: Es macht halt schon einen Unterschied ob man auf die Frage nach einer Bestellung sagt "in ein paar Minuten wir warten gerade noch auf jemanden" oder "Nein ich mein eigenes Wasser dabei" ... Ausserdem Hat auch in einem Restaurant der Besitzer das Hausrecht.
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  • Kommentar von Urs Dupont (udupont)
    Wenn stichprobenartig Kontrollen durchgeführt werden (und die braucht es) ist es ein Gebot der Vernunft, diejenigen Bevölkerungsgruppen verstärkt zu kontrollieren, wo Verstösse häufiger auftreten. Oder sollen bei Drogenkontrollen vielleicht Grossmütter, die mit ihren Enkelkindern unterwegs sind, gleich häufig kontrolliert werden wie die (illegalen) Zuwanderer aus kritischen Ländern?
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    1. Antwort von Steff Stemmer (Steff)
      Das Gebot der Vernunft würde m.E. besagen, dass man gegen Rechtsextreme, Nazis, Anglikanische Fanatiker und Waffennarren vorgehen und kontrollieren sollte, aber eben, die sind in der Regel weiss. Es gibt nichts einfacheres als den eigenen Frust am Schwächsten und Wehrlosesten auszuleben. In der Upperclass mal Drogenkontrollen durchzuführen, liegt eben nicht drin, denn da ist die Kohle und die Macht! Im Vergleich dazu sind die Drogen auf der Strasse, wohl ein Nasenwasser?
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    2. Antwort von Mike Pünt (Scientist)
      Wenn die Grossmutter und der schwarze Mann beide zu schnell fahren? Ja, warum nicht beide stoppen? Bevor man kontrolliert, sollte ein klarer Verdachtsmoment vorliegen. In diesem Fall wäre das die Geschwindikeit, und nicht die Hautfarbe. Zudem; Wenn man eine bestimmte Bevölkerungsgruppe häufiger kontrolliert, dann wird man bei denen auch mehr Verstösse feststellen, folglich noch mehr kontrollieren, noch mehr finden usw. Ein Teufelskreis.
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    3. Antwort von Urs Dupont (udupont)
      Herr, Pünt, ob jemand mit Drogen handelt ist eben nicht so klar, wie wenn jemand mit zu hoher Geschwindigkeit fährt. Deshalb braucht es überall auch Stichprobenkontrollen ohne Verdachtsmomente, z.B. am Zoll, bei den Steuern, bei der Sozialhilfe, bei IV, in den OeVs, bei Trunkenheit am Steuer, etc..
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  • Kommentar von Rolf Bolliger (rolf.bolliger@quickline.ch)
    Um in einer Gesellschaft (oder Land) einen "Rassismus" brandmarken zu können , braucht es immer "zwei Seiten"! In allen Artikeln und allen Berichten zu diesem rassistischen Verhalten (vorallem wenn es um Polizeikontrollen geht!), werden immer nur "weisse" Amerikaner beschuldigt und zu "Rassisten" verurteilt! Eine Realität, die als Tabu gilt! Wer sich, gleich welcher Hautfarbe er trägt, in einem Land anstrengt, für sein Lebensunterhalt selber zu sorgen, darf nie rassistisch beleidigt werden!
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    1. Antwort von Thomas Steiner (Thomas Steiner)
      Was soll der Kern ihrer Aussage sein? Dass es auch schwarze Rassisten gibt, und darum weisse Rassisten ok sind???
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    2. Antwort von Rolf Bolliger (rolf.bolliger@quickline.ch)
      Sie sollten sich nicht so "dumm" stellen, Herr Steiner! Ich schrieb, dass es immer zwei Seiten brauche, wenn rassistische Gedanken oder sogar Uebergriffe zwischen verschiedenen Hautfarben oder Kulturen aktiviert werden! Fazit: Anstand, Integration im Gastland, Selbstverantwortung und gegenseitige Akzeptanz kann Rassismus verhüten und verhindern! Aber dazu sind alle Beteiligten gefordert! Das war und ist meine eigentliche Aussage, Herr Steiner!
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