Räumung des «Dschungels» von Calais ist beendet

Die Verwaltung der nordfranzösischen Region Calais hat den Abriss des Flüchtlingslagers nahe der Hafenstadt für beendet erklärt. Alle Flüchtlinge hätten das Lager verlassen – «Mission erfüllt», sagte Präfektin Fabienne Buccio.

Feuerwehrwagen neben brennendem Gerüst

Bildlegende: Brände haben auch die letzten Bewohner zum Verlassen des riesigen Flüchtlingscamps gezwungen. Keystone

Das Flüchtlingslager im nordfranzösischen Calais ist geräumt. Die zuständige Verwaltung hat den Abriss für beendet erklärt. «Das ist ein wichtiger Augenblick», sagte die zuständige Präfektin Fabienne Buccio.

Das Elendscamp wird seit Montag von den Behörden geräumt. Die Flüchtlinge sollen nun auf 450 verschiedene Aufnahme-Zentren in Frankreich verteilt werden. Etwa 5000 Flüchtlinge seien bereits registriert und in sichere Unterkünfte gebracht worden, sagte Fabienne Buccio, Präfektin des Départements Pas-de-Calais. Etwa 1000 Menschen warteten noch vor dem Transitzentrum unweit des Lagers. Ursprünglich sollte die Räumung eine Woche lang dauern.

Alle Flüchtlinge und Migranten seien freiwillig zum Transitzentrum gekommen, sagte Buccio. Von dort aus werden die Menschen mit Bussen in Aufnahmezentren in ganz Frankreich gebracht. Vor der Räumung hatte der grösste Slum Frankreichs nach Behördenangaben rund 6500 Bewohner.

Augenzeugen berichteten, dass kleinere Gruppen das Transitzentrum umgingen und sich in die Umgebung absetzen. Auch ins ehemalige Lager sollen offenbar wieder Migranten zurückgekehrt sein. Frankreich will mit Kontrollen verhindern, dass in der Region neue Flüchtlingscamps entstehen und setzt dazu die Polizei ein.

Verdacht der Brandstiftung

In der Nacht waren auf dem Gelände leere Hütten in Flammen aufgegangen. Gasflaschen explodierten. Dabei wurde ein Flüchtling leicht verletzt, wie der Radiosender France Inter berichtete.

Nach den Bränden in der Nacht loderten die Flammen in den Mittagsstunden wieder auf und zerstörten Teile des Lagers. Über dem Areal stiegen schwarze Rauchwolken auf. Buccio berichtete, dass vier Flüchtlinge wegen des Verdachts der Brandstiftung vorläufig festgenommen worden seien.

Arbeiter rissen am Mittwochnachmittag weiter Zelte und Behelfsunterkünfte ein. Dabei setzten sie auch Planierraupen ein.

Der «Dschungel» von Calais – eine Chronologie

November 2002
Die Geburt des «Dschungels» von Calais: Ein umstrittenes Aufnahmezentrum des Roten Kreuzes in Sangatte bei Calais wird aufgelöst. Die Flüchtlinge, welche nach Grossbritannien wollen, campieren auf einem Gebiet im Nordosten von Calais, das schon bald den Namen «Dschungel» erhält.
September 2009
Erste Räumung: 500 Polizisten räumen das Lager und reissen die Zelte und Baracken nieder. Die Flüchtlinge gründen kleine Camps in der Region
Februar 2010
Mehrere Dutzend Migranten kehren zurück an den Ort, wo das Camp geräumt worden war – und das wenige Monate vor den französischen Präsidentschaftswahlen. Die Grenzpolizei muss den Zugang zum Ärmelkanal-Tunnel nach Grossbritannien wieder vermehrt sichern.
August 2013
Etwa 500 Flüchtlinge bauen sich Camps in der Hafenanlage von Calais. Auch ihr Ziel ist Grossbritannien. Selbst mitten in der Innenstadt bilden sich jetzt «Mikro-Dschungel».
Januar 2015
Eine Hilfsorganisation richtet in einem unbenutzten Schulheim eine provisorische Anlaufstelle für Flüchtlinge ein. Die Organisation verteilt dort warmes Essen, um die Migranten von der Nahrungssuche in der Innenstadt abzuhalten.
Oktober 2015
Die Zahl der Migranten hat sich drastisch erhöht. Anfang Oktober sind es mindestens 6000. Hilfsorganisationen vor Ort gehen von noch mehr Menschen aus.
November 2015
Die Behörden kündigen an, bessere Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Sie wollen eine Anlaufstelle für 1500 Personen bauen. In der Zwischenzeit häufen sich gewalttätige Zusammenstösse zwischen Sicherheitskräften und Migranten, die nach Grossbritannien gelangen wollen.
Februar 2016
Im südlichen Teil der Hütten-Siedlung werden erste Behausungen abgerissen. Es gibt heftige Proteste und Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen, Aktivisten und der Polizei. Der Schritt war Mitte Monat angekündigt worden und dauert bis Mitte März.
21. September 2016
Vier Meter hoch und ein Kilometer lang: London finanziert den Bau einer Mauer entlang des Gebiets mit dem Flüchtlingscamp. Damit soll verhindert werden, dass die Migranten auf die Lastwagen auf der nahen Autobahn springen, um nach Grossbritannien zu gelangen.
26. September 2016
Frankreichs Staatspräsident Françoise Hollande gibt bekannt, dass das Flüchtlingscamp bis Ende Jahr geräumt werden soll.
24. Oktober 2016
Die Behörden beginnen mit der Räumung des Flüchtlingscamps «Dschungel».
26.Oktober 2016
Die Verwaltung der Region Calais erklärt die Räumung des Flüchtlingslagers für beendet. Die Migranten und Flüchtlingen sollen auf rund 450 Aufnahmeeinrichtungen in ganz Frankreich verteilt werden.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • «Ich bin glücklich, dass ich hier weg kann», sagt ein Flüchtling gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

    Flüchtlingcamp geräumt, Flüchtlingsproblem ungelöst

    Aus Echo der Zeit vom 24.10.2016

    Entgegen vieler Befürchtungen verläuft die Räumung des Flüchtlingslagers «Jungle» in Calais ruhig. Viele Flüchtlinge sind bereits auf Aufnahmezentren in ganz Frankreich verteilt worden.

    Was erwartet sie dort und wie reagiert London auf die Räumung des inoffiziellen Flüchtlingslager von Calais?

    Charles Liebherr und Martin Alioth

  • Friedlicher als befürchtet. Frankreich hat begonnen das riesige Flüchtlingscamp bei Calais zu räumen.

    Calais – die Räumung des Flüchtlingscamps

    Aus Echo der Zeit vom 24.10.2016

    Die französischen Behörden haben begonnen, das Flüchtlingslager in Calais zu räumen. Bis zu 8000 in Nordfrankreich Gestrandete werden vom Ärmelkanal weggebracht. Die Räumung war seit Wochen vorbereitet worden und verläuft friedlich.

    Charles Liebherr