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Chaos im Güterverkehr Rastatt oder die grosse Panne

Mit einem Tunnelbau hat Rastatt Europas Güterverkehr zum Stillstand gebracht. Augenschein in der deutschen Kleinstadt.

Luftbild der deutschen Kleinstadt mit Barockschloss im Zentrum.
Legende: Ein gepflegtes Stadtzentrum mit einem hübschen Schloss aus der Barockzeit – freundliche Leute. Das wars. ZVG

In Rastatt gibt es nicht viel zu sehen. Das finden auch die Einheimischen: «Als ich vor 35 Jahren aus der Grossstadt Karlsruhe nach Rastatt kam, war es eine langweilige Stadt. Sie ist es heute noch», sagt ein Passant.

Aber der Stadt geht es gut. Dank vieler Industrieunternehmen und eines grossen Werks von Mercedes-Benz fliesst genug Steuergeld in die Kasse. Und dann ist Rastatt eben ein zentraler Knotenpunkt auf dem Bahn-Korridor zwischen Nord und Süd.

Luftbild vom Bahnhof.
Legende: Durch Rastatt rollt fast der ganze Warenverkehr von Nordhäfen wie Rotterdam und Hamburg in die Schweiz und nach Italien. ZVG

Jetzt aber geht gar nichts mehr. Ein Passant meint, ihm sei das bisher gar nicht bewusst gewesen. «Dass wir so wichtig sind, spüren wir erst jetzt», sagt auch eine Frau. «Die Stadt kann ja eigentlich nichts dafür», meint eine andere Frau.

Eine lokale Panne mit internationalen Folgen

Der gesamte Nord-Süd-Korridor soll künftig mindestens viergleisig sein. In Rastatt ist das noch nicht der Fall, daher wollte man unter den bestehenden zwei Gleisen einen vier Kilometer langen Tunnel bohren, um darin zwei neue Gleise für Schnellzüge und Güterzüge zu bauen.

Baustelle mit den beiden Tunneleingängen.
Legende: Rastatt wollte unter den heutigen zwei Gleisen einen vier Kilometer langen Tunnel für zwei neue Gleise bohren. Keystone

Kurz vor dem Durchbruch hat dann aber aus bisher unbekannten Gründen der Boden nachgegeben. Die zwei bestehenden Gleise über dem Tunnel wurden beschädigt und können seither nicht mehr befahren werden.

Blick auf die Unfallstelle.
Legende: Die Gleise haben sich abgesenkt und verdreht. SRF/Andi Lüscher

Die Güterzüge müssen auf spärlich vorhandene Ausweichrouten umgeleitet werden. Wo es schnell gehen muss, werden Lastwagen eingesetzt. «Die Strasse ist zu, die Autobahn ist zu: Wenn sie heute nach Rastatt fahren, dann ist das ein Drama», sagt ein Passant.

Der Bürgermeister zeigt auf die beschädigten Gleise.
Legende: Bürgermeister Hartweg und sein Besuch dürfen die Baustelle nicht betreten. SRF/Andi Lüscher

Mit dem Bürgermeister auf der Unfallstelle

Mit dem Rastatter Bürgermeister Wolfgang Hartweg besuchen wir die Unglücksstelle. Ganz ran dürfen wir nicht, die Bauarbeiter weisen uns zurück und zeigen sich auch wenig beeindruckt von der Politprominenz.

Erste Priorität sei, den Güterverkehr wieder durch die Schweiz rollen zu lassen, sagt Hartweg. Damit das wieder möglich ist, wird der Tunnel nun mit Beton aufgeschüttet.

«Wir haben schon damit begonnen. 2000 Kubikmeter wollen sie reinpressen. Die Bohrmaschine können wir nicht mehr rausholen. Sie wird drinbleiben.» Wie lange das dauert, könne er noch nicht sagen, meint der Bürgermeister.

Beton wird von den Gleisen aus in die Löscher gegossen.
Legende: Jetzt werden die Tunnel mit 2000 Kubikmeter Beton aufgefüllt – mitsamt der Bohrmaschine. Keystone

Ist das 700-Millionen-Projekt in Rastatt nun gefährdet? «Ich hoffe nicht und ich glaube nicht. Das wäre ja schlimm, daher werden wir weitermachen.»

Wer aus Basel in den Norden reisen will, muss zurzeit Umwege in Kauf nehmen. Um rund eine Stunde verlängert sich die Reise damit. Anders als im Güterverkehr sind die Probleme im Personenverkehr offenbar weniger gravierend.

Etwas Positives habe die ganze Sache aber, sagt der Bürgermeister zum Schluss: «Rastatt ist jetzt in aller Munde.»

Viele Leute steigen am Bahnhof in Rastatt aus einem Bus aus.
Legende: Reisende aus Basel müssen in Baden-Baden in den Bus umsteigen und nach Rastatt fahren. SRF/Andi Lüscher

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    @Schmid - Ohne Dichtestress: 1. Waere die Baustelle gar nicht noetig gewesen. 2, Waeren die Ausweichstrecken wenigstens in der Nacht (wo vor dem Dichtestress ausser in Kriegszeiten wenige Zuege fuhren) noch in der Lage gewesen, einen Mehrvekehr wegen eines Streckenunterbruchs problemlos zu uebernehmen. Im Krieg rollten in der Nacht im Zehminutentakt Gueterzuege von D nach I und umgekehrt durch die Schweiz. Aber nur gegen Zahlung der vollen Fracht und Sicherstellung der Zoelle zum hoechsten i
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  • Kommentar von Geneviève Schmid (Geneviève)
    Traurig ist speziell, dass langfristig das vorbildliche Bahnmodell hier in der Schweiz durch fehlende Erfüllung der Verträge in den Nachbarländern (Ausbau Güter-Bahnstrecken) sowie durch solche lang andauernden Streckenausfälle wie jetzt in Rastatt Minus macht und leidet - da Kunden von Bahn auf Strasse umsteigen. Erinnern wir uns nachdenklich an die 70er Jahre...
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    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Die ab 1902 bis zur AGisierung weltweit vorbildlich gewordene SBB ist leider Geschichte. Statt hoechstkaraetige eigene Ingeniere werden heute Altpolitiker auf fetten VR-Tronen finanziert. Die Privatbahnen bis 1902 fuehrten in Chaos und Verluderung des Personals. Die Politik reagierte aber erst mit einer Verstaatlichung, als in Muenchenstein/BL ein Zug eine zu schwache Zubilligbruecke zum Einsturz brachte und dabei zigdutzend Passagiere das Leben verloren. In Rastatt konnten die Pfuschfolgen z
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    2. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      ....um Glueck entdeckt werden, bevor ein mit fast 300 km/h heranrasender ICE zur Himmelfahrt der Insassen abhob....
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Solche Zigmillionenteuren Tiefbaufehler (der bisherige Bauufwand ist fuer die Katz. die Bohrmaschine verloren und die 2 Millionen Liter Beton um das Loch zu stopfen nicht gratis) sind nur die Spitze des Eisbergs der Dichtestressbillionenkosten. Der Bau neuer Strecken ueber oder gar unter alten kosten das Vielfache als solche daneben, fuer die es eben keinen Platz mehr hat. Und darauf fahren gar auch auf Langstrecken die Kunden in zweistoeckigen Sardinenbuechsen, weil sonst die Zuege zu lang wuer
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    1. Antwort von Geneviève Schmid (Geneviève)
      Hier ist ja nicht ein "Dichtestress" schuld - sondern die Planung einer Baustelle, die in Deutschland (kein Drittweltland, sondern eines der wirtschaftlich stärksten mit legendärer Techniktradition) beherrschbar sein sollte (Tunnel in ebenem Gelände) ist offenbar in diesem Land nicht möglich. Was ist das für ein Umgang mit teils öffentlichen Mitteln? daran sollte man sich kein Beispiel nehmen.
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    2. Antwort von Geneviève Schmid (Geneviève)
      Da in Deutschland Bahnstrecken um Bahnstrecken stillgelegt wurden, hat es absolut genug Platz. Man will es schlichtweg nicht. Autos und LKWs sind in dem Autobauerland die Devise. Alte, laute Güterzüge, keine Ausweichstrecken, keine Ersatzzüge werden mehr vorgehalten...kaum ein Zug verkehrt pünktlich. Wer ab und zu in Deutschland und der Schweiz Bahn fährt, denkt, es sind 2 verschiedene (Bahn-)Planeten. Hoffentlich schwenkt die SBB nicht in dieselbe Kaputtsparrichtung um.
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