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Recycling in Deutschland Wenn nicht nach China: Wohin mit all dem Plastikmüll?

Peking hat ein Importverbot für verschiedene Abfallsorten erlassen. Leidtragende sind vor allem die Deutschen.

Legende: Audio China hat genug vom deutschen Plastikmüll abspielen.
8:14 min, aus Echo der Zeit vom 10.01.2018.
  • «Deutschland versinkt im Plastikmüll», titelte kürzlich die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».
  • Schuld daran ist auch das neue Importverbot aus Peking für 24 verschiedene Abfallsorten.
  • Deutschland exportierte bisher rund eine halbe Million Tonnen Altplastik pro Jahr nach China.

Zuerst eine Zahl: Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe, einer NGO, sagt: «Der Verpackungsabfall in Deutschland erreicht von Jahr zu Jahr neue Rekordmengen. Die neuesten Zahlen für das Jahr 2015 belegen einen neuen Spitzenwert mit 18,1 Millionen Tonnen.» Pro Kopf seien das 218 Kilogramm.

«Damit liegt Deutschland 20 Prozent über dem europäischen Durchschnitt und ist Europameister beim Anfall von Verpackungsabfall», erklärt Fischer. Das chinesische Importverbot für 24 Arten von Abfall treffe Deutschland deshalb ganz besonders.

Deutschland liegt 20 Prozent über dem europäischen Durchschnitt und ist Europameister beim Anfall von Verpackungsabfall.
Autor: Thomas FischerDeutsche Umwelthilfe

«Alleine im Jahr 2016 wurden mehr als 560'000 Tonnen Plastikabfälle nach Fernost exportiert und verschifft», so Fischer. China stelle beispielsweise aus Verpackungsabfällen T-Shirts oder aus Plastikabfällen Parkbänke her. Am Ende der Lebensdauer dieser Produkte werde alles verbrannt. China möchte nun einen eigenen Recyclingkreislauf mit den selbst produzierten Materialien herstellen.

Wohin mit dem Müll, wenn nicht nach China?

Und Deutschland? «Deutschland hat jetzt das Problem, mit diesen Abfällen hier im Land umzugehen und daraus noch nutzbringend etwas herzustellen», so Fischer.

Was passiert also mit den 560'000 Tonnen Abfall, die nicht mehr nach China exportiert werden können? Diese Frage geht an Stefan Haufe, Sprecher des Umweltministeriums: «Wir können nicht genau sagen, wo diese 560'000 Tonnen jetzt eingesetzt werden.» Natürlich werde statistisch erfasst, was aus Kunststoffabfällen gemacht wird. «Dafür gibt es ja auch Quoten, und die Quoten müssen ja auch kontrolliert werden», so Haufe. «Ich kann Ihnen heute nicht sagen, was aus diesen Mengen wird. Das werden wir in den nächsten Monaten sehen. Aber wir rechnen damit, dass daraus auch hochwertiges Rezyklat entsteht.»

Umwelthilfe befürchtet Verlagerung nach Taiwan

Fischer von der Umwelthilfe kritisiert die Bundesregierung: «Sie hat geschlafen», wirft er ihr vor. Haufe weist das zurück: «Wir haben gar nicht geschlafen, denn das Verpackungsgesetz sieht ja vor, dass wir die Recyclingquote quasi verdoppeln.»

Die Quote soll bis 2022 auf 63 Prozent angehoben werden. Doch das geschehe erst ab 2019, kritisiert Fischer von der DHU. Bis die neuen Regelungen greifen, vergehe ein ganzes Jahr. Am Ende werde wahrscheinlich mehr verbrannt. «Was wir nicht hoffen, denn das wäre das noch schlechtere Szenario, wäre, dass diese Exportkarawane von China weiterzieht in die Nachbarstaaten, etwa nach Taiwan.»

Wir setzen uns zum Beispiel dafür ein, dass bei Smartphones Akkus austauschbar sind und nicht das ganze Gerät entsorgt werden muss.
Autor: Stefan HaufeSprecher Umweltministerium

Für die EU habe die Abfallvermeidung vor dem Recylieren oberste Priorität. In Deutschland sei es aber billiger, neue Verpackungen herzustellen, als recyclierte, betont Fischer. «Verpackungen sind in Deutschland viel zu billig. Die Lizenzentgelte für das Inverkehrbringen von Verpackungen sind in den letzten zehn Jahren gesunken. Die haben sich faktisch halbiert.» Dazu komme, dass die Verpackungsindustrie ein sehr starker Wirtschaftszweig sei.

«Wenn Sie mal alleine bei den Getränkeverpackungen Aldi und Lidl zusammennehmen, die haben im Mineralwasserbereich nur mit Einwegplastikflaschen und Getränkedosen einen Marktanteil von über 52 Prozent.» 63 Prozent des Obstes und Gemüses würden heute verpackt, sagt Fischer.

Bei Verpackungsrecycling «viel Luft nach oben»

Haufe vom Umweltministerium verweist dagegen auf Erfolge bei der Nachhaltigkeit: «Wir sorgen dafür, dass Produkte länger haltbar sind. Wir setzen uns zum Beispiel dafür ein, dass bei Smartphones Akkus austauschbar sind und nicht das ganze Gerät entsorgt werden muss.» Doch angesichts des unschönen Titels des europäischen Abfallmeisters ist Handlungsbedarf sicherlich gegeben.

Haufe vom Umweltministerium und Fischer von der DHU sind sich in einem Punkt einig: Das Recyclingsystem ist in Deutschland relativ gut. «Wir haben ganz gute Recyclingquoten in einzelnen Bereichen, etwa bei Glas, Papier, Pappe und Karton.»

Aber, so Fischer weiter: «Insbesondere beim Kunststoff sind wir gar nicht so gut, wie wir glauben. Bei einer Recyclingquote von Verkaufsverpackungen von nur rund 40 Prozent ist noch viel Luft nach oben.» Die Recyclingwirtschaft ist ein Milliardengeschäft und beschäftigt Hundertausende. Im günstigsten Fall ist die chinesische Importbeschränkung von Abfällen für Deutschland eine Motivation.

22 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli (Bruno Hochuli)
    Die Staaten können nicht einfach ihren Plastikabfall in andere Staaten verlagern, sie müssen selber das Problem anpacken und zur Wiederverwertung produzieren. Dieses Riesenproblem wurde in allen Staaten total vernachlässigt und jetzt kommt das grosse Erwachen, was sehr teuer wird für uns alle.
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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    «Leidtragende sind vor allem die Deutschen» - die, so der Artikel, auch am meisten Abfall produzieren. Es gibt noch paar Arbeitslose in Deutschland, die gerne arbeiten gehen. Also mal los, Deutschland, macht paar Betriebe auf, um mehr zu rezyklieren.
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  • Kommentar von Werner Christmann (chrischi1)
    Wer nach dem Verursacherprinzip schreit sollte sich mal überlegen woher der ganze Müll denn stammt. Erraten?
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    1. Antwort von René Balli (René Balli)
      Müll wird hergestellt und kommt sicherlich nicht vom Endkunde! Die Leute würden Milch in einem wiederverwendbaren Gebinde kaufen, es war nie der Kunde, welcher nach Plastikverpackungen gefragt hat. Hier sind wir bei einem springenden Punkt angelangt: die Wirtschaft tut immer so, als ob sie die Bedürfnisse und Nachfragen der Menschen befriedigen würde, dem ist aber nicht so, es werden laufend künstliche Bedürfnisse erzeugt! Es gibt unendlich viele Beispiele dazu, Nanotechnologie ist eines davon.
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    2. Antwort von Esther Siefert (E.S. (parteilos))
      R.B.: Auch zu diesem Thema kann man Junckers Aussage passend machen:„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum + warten einige Zeit ab ob etwas passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt + keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen was da beschlossen wurde dann machen wir weiter. Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ D.h. Somit ist wieder der Kunde verantwortlich, da er diese Verpackungen ohne (gross) zu Murren (dankbar) angenommen hat.
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    3. Antwort von Werner Christmann (chrischi1)
      Genau so habe ich das gemeint R. Balli und um es noch etwas deutlicher zu sagen: Wieviel % werden mittlerweile aus China importiert?
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