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Regierungskrise in Deutschland Keine Jamaika-Koalition: FDP bricht Verhandlungen ab

Legende: Video «Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren» abspielen. Laufzeit 00:35 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.11.2017.
  • Die FDP lässt die Verhandlungen über eine Regierungskoalition mit CDU, CSU und Grünen am späten Sonntagabend überraschend platzen.
  • «Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren», sagte FDP-Chef Christian Lindner.
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stürzt damit in die schwerste Krise ihrer zwölfjährigen Amtszeit. Acht Wochen nach der Bundestagswahl ist unklar, wie es weitergeht.

Merkel kündigte an, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Laufe des Montags über den Stand der Dinge zu informieren. Steinmeier hatte erst am Wochenende die potenziellen Jamaika-Partner ermahnt, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und Neuwahlen zu vermeiden.

Merkel will Land durch «schwierige Wochen» führen

Nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen hatte Merkel angekündigt, sie werde als geschäftsführende Bundeskanzlerin «alles tun, dass dieses Land auch durch diese schwierigen Wochen gut geführt wird». Sie bedauerte das Aussteigen der FDP aus den Jamaika-Verhandlungen. Die Union habe geglaubt, dass man gemeinsam auf einem Weg gewesen sei, bei dem man eine Einigung hätte erreichen können. Die CDU-Vorsitzende will am Montagvormittag mit dem Vorstand ihrer Partei in einer Telefonkonferenz über das weitere Vorgehen sprechen.

Bei den Grünen trifft sich der Parteirat. Bei der CSU kommt zunächst die Landesgruppe im Bundestag zusammen. Seit dem Debakel der CSU bei der Bundestagswahl ist in der Partei ein heftiger Streit über eine Neuaufstellung entbrannt. Ein Lager fordert offen Seehofers Rückzug zugunsten von Finanzminister Markus Söder. Seehofer hatte während der Sondierungen erklärt, darauf erst nach dem Ende der Beratungen in Berlin eingehen zu wollen.
Seehofer bezeichnete das Scheitern der Jamaika-Sondierungen als «Belastung» für Deutschland. Eine Einigung sei «zum Greifen nahe» gewesen. Auch bei der Migrationspolitik – eines der umstrittensten Themen in den Sondierungen – wäre eine Einigung möglich gewesen.

Für Lindner waren die Gräben zu gross

FDP-Chef Lindner hatte den Abbruch der Sondierungen damit begründet, dass es in den gut vier Verhandlungswochen nicht gelungen sei, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Das wäre aber Voraussetzung für eine stabile Regierung gewesen. Lindner machte deutlich, dass die Gräben zwischen FDP und Grünen aus seiner Sicht zu gross waren.

Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.
Autor: Christian LindnerFDP-Vorsitzender

Die Liberalen seien für Trendwenden in der Politik gewählt worden, etwa in der Bildung oder bei der Entlastung der Bürger. Diese seien nicht erreichbar gewesen: «Nach Wochen liegt aber heute unverändert ein Papier mit zahllosen Widersprüchen, offenen Fragen und Zielkonflikten vor.» Wo es Übereinkünfte gebe, seien diese mit viel Geld der Bürger oder Formelkompromissen erkauft worden.

Ein Bündnis hätte zustande kommen können.
Autor: Katrin Göring-EckartFraktionschefin der Grünen

Die Grünen-Spitze warf der FDP vor, sich vor ihrer Verantwortung gedrückt zu haben. «Ein Bündnis hätte zustande kommen können», sagte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Bei Klimaschutz, Landwirtschaft und Migration sei man am Ende näher beieinander gewesen, als man es gedacht hätte. Parteichef Cem Özdemir sagte, die FDP habe die einzig mögliche Konstellation zur Regierungsbildung «leider abgelehnt und zunichtegemacht». Die Grünen seien bei vielen Themen an ihre Schmerzgrenzen und darüber hinaus gegangen. Grünen-Chefin Simone Peter sagte, die FDP habe vier Wochen lang «die Öffentlichkeit getäuscht: unverantwortlich, unseriös, berechnend».

Die SPD steht nach Einschätzung ihres stellvertretenden Parteivorsitzenden Ralf Stegner trotz des Scheiterns der Jamaika-Gespräche nicht für eine grosse Koalition zur Verfügung. Stegner sagte: «Die Ausgangslage für die SPD hat sich nicht verändert. Wir haben kein Mandat für eine erneute grosse Koalition.»

Sie ist definitiv gescheitert.
Autor: Ralf StegnerStellvertr. SPD-Vorsitzender über Kanzlerin Merkel

Er sehe für Kanzlerin Merkel keine Zukunft mehr. «Sie ist definitiv gescheitert.» Aber auch ohne Merkel werde die SPD keine grosse Koalition eingehen. Der SPD-Vorsitzende Martin Schulz hatte bereits am Sonntag bekräftigt, für den Fall eines Scheiterns stehe seine Partei nicht für eine Regierungsbeteiligung zur Verfügung.

Unsicherheit belastet Börse und Euro

Die gescheiterten Gespräche über eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen in Deutschland setzen die deutsche Börse unter Druck. Der
Börsenindex Dax verlor zum Handelsbeginn 0,5 Prozent. Börsen und Anleger fürchten sich allgemein vor Unsicherheit.

Der Schweizer Leitindex SMI konnte dagegen am Montagmorgen zulegen: In den ersten Handelsminuten legte er um knapp 0,7 Prozent zu.

Auch dem Euro setzt die Situation in Deutschland zu: DieGemeinschaftswährung verlor ein halbes Prozent auf 1,1737 Dollar. Auch gegenüber dem Franken verlor der Euro an Wert. Am Morgen kostete ein Euro etwa 1,16 Franken. Am Freitag bewegte sich der Kurs noch um die Marke von 1,17 Franken.

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53 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Frau Merkel ist definitiv Gescheitert an ihrer Flüchtlingspolitik.. Immer mehr wurden eingeladen, mit den Worten, wir schaffen das. Jetzt sind viele Menschen in Lagern und warten auf das versprochene bessere Leben.Sie hat ihre Gäste eingeladen, ohne Ihnen ein einigermassen gesichertes Leben bieten zu können.Die Auswirkungen werden ihre Nachfolger tragen müssen. Wirkliche Kriegsflüchtlinge hatten das Geld zur Flucht nicht.
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  • Kommentar von Rolf Bolliger (rolf.bolliger@quickline.ch)
    Alle Achtung vor der Deutschen FDP: Diese Partei in der ganzen bunten Parteienlandschaft zu Koalitionsgesprächen, verriet ihr Parteiprogramm (und somit ihre Wähler) nicht! Hätte dies eine linke Partei gemacht, müsste ich dieses Faktum nicht mehrmals als persönliche Meinung hier ins Forum schreiben und bangen, ob ich wieder zensuriert werde (nicht aufgeschaltet wird!). Auch das ist ein bitteres Faktum!
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  • Kommentar von Armin Spreter (aspre)
    Mag sein, dass Lindner jetzt in manchen Augen als der "böse Bua" dasteht. Aber : die 11% seiner Wähler hat er nicht enttäuscht, nur einiger Pöstchen wegen. Die CSU ist ihm nun zu großem Dank verpflichtet, hat er denn für sie nicht die Kohlen aus dem Feuer geholt und ihr für einen (kleinen) Zeitgewinn verholfen?
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