«Regionale Konflikte regional lösen»

20 Staaten beraten an einer Konferenz in Paris über das Vorgehen gegen den sogenannten Islamischen Staat IS. Doch der wichtigste Partner im Kampf gegen die Terrormiliz ist nicht dabei: der Iran. Eine koordinierte Strategie sei vom Treffen daher nicht zu erwarten, sagt SRF-Redaktor Fredy Gsteiger.

Iranische Flagge vor einem Hochhaus

Bildlegende: Ohne Iran keine Lösung im Kampf gegen IS. Reuters

SRF: Kann man von diesem Treffen ein koordiniertes Vorgehen erwarten?

Fredy Gsteiger: Dieses Ziel wird, das kann man jetzt schon sagen, höchstwahrscheinlich verfehlt werden. Es sind noch zu viele ganz grundsätzliche Fragen offen: Wer macht was im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat? Was ist dabei das militärische Erfolgsrezept? Bodentruppen: Ja oder Nein? Und letztlich ist noch immer unklar, wer in dieser «Koalition der Willigen» überhaupt dabei ist. Bei manchen Ländern hat man den Eindruck, dass ihr Engagement vor allem aus Lippenbekenntnissen besteht.

Wer soll denn überhaupt in den Krieg ziehen? Die Amerikaner wollen nicht, die Briten wollen auch nicht, Frankreich vielleicht. Müssten die arabischen Staaten eingreifen?

Der Westen will ja nicht nichts tun: Gewisse Staaten kämpfen aus der Luft, setzen Drohnen ein und werden logistische Unterstützung und nachrichtendienstliche Hilfe leisten. Manche liefern Waffen. Aber sie wollen keine Bodentruppen stellen. Das ist auch sinnvoll: Die Präsenz von zehntausenden amerikanischen oder europäischen Soldaten würde in diesen Ländern sofort wieder antiwestliche Gefühle schüren. Grundsätzlich gehe ich mit US-Präsident Barack Obama einig, dass regionale Konflikte auch regional gelöst werden sollen. In Afrika macht man das beispielsweise in Somalia, wo die Afrikanische Union eine grosse Rolle spielt.

Wie soll eine gemeinsame Strategie mit der arabischen Welt gelingen, wenn der Westen den Iran nicht einbeziehen will, wie das US-Aussenminister John Kerry deutlich gemacht hat?

Das ist eine Fehlentscheidung. Es gibt kein anderes Land, das im Irak so viel Einfluss hat, wie der benachbarte Iran. Die beiden Länder haben eine sehr lange gemeinsame Grenze, der Iran unterstützt die irakischen Schiiten. Wenn man eine Lösung im Irak will, muss man mit dem Iran kooperieren. Letztlich hat der Iran selber grösstes Interesse daran, denn das ist das Land, das von der Terrormiliz am meisten bedroht ist.

In Syrien ist Assad an der Macht. Wie soll die Strategie dort aussehen?

Vermutlich wird man früher oder später unter der Hand zumindest mit Exponenten des Assad-Regimes kooperieren müssen. Eine offene Kooperation mit Assad, der so viele Menschen auf dem Gewissen hat, wird kaum möglich sein. Das lässt sich der Bevölkerung in Amerika, in Europa und den Golfstaaten nicht verkaufen. Aber Assad voll auszugrenzen ist etwas, was wahrscheinlich auch nicht funktioniert. Vor allem dann, wenn auch in Syrien interveniert werden soll. Wird Assad dann nicht eingebunden, wird Russland jegliche UNO-Resolutionen zu einem Eingreifen in Syrien blockieren.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Der irakische Präsident Fuad Masum und Frankreichs Präsident François Hollande bei der Eröffnung der Konferenz für Frieden und Sicherheit in Irak.

    Zwei Dutzend Länder gegen den «Islamischen Staat»

    Aus Echo der Zeit vom 15.9.2014

    Alle gegen einen gemeinsamen Feind, so die Ausgangslage auf dem Ministertreffen in Paris. Das Ziel: eine Strategie gegen die IS-Terrormilizen zu finden. Doch eine schlagkräftige Koalition ist bestenfalls in Ansätzen zu erkennen. Wichtige Fragen bleiben offen, und wichtige Partner fehlen.

    Fredy Gsteiger