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International Rentnerin aus Lesbos: «Es ist eine Sünde, wenn Babys ertrinken»

In Scharen kommen Flüchtlinge im Norden der Ägäis an. Die Bürger von Lesbos leisten Immenses und stärken sich angesichts der logistischen, finanziellen und psychischen Herausforderung gegenseitig: Macht sich beim einen Verzweiflung bereit, weiss der andere Ruhe zu bewahren. Stimmen von der Insel.

Ankunft auf der Insel Lesbos. Ein Vater hält sein Kind fest an sich gedrückt.
Legende: Ankunft auf der Insel Lesbos. Ein Vater hält sein Kind fest an sich gedrückt. Keystone
Elpa Spathari
Legende: Elpa Spathari: «Die Menschen sind Flüchtlinge, nicht Migranten, und gewiss nicht illegale Einwanderer.» srf

Espa Spathari, Einheimische, Rentnerin: «Wir haben uns heute aufgemacht, den Flüchtlingen das Notwendigste zu bringen: Kleider, Kinderkleider, Windeln. Für uns sind die ankommenden Menschen nämlich Flüchtlinge, nicht Migranten. Und gewiss nicht illegale Einwanderer, wie sie einige bezeichnen.

Wir sind müde angesichts der Tatsache, dass Europa überhaupt nichts für diese Insel tut – obwohl die Verantwortlichen wissen, dass Lesbos die wichtigste Eingangspforte für die Flüchtlinge ist. Wir sind besorgt, was im Winter geschehen wird. Wir wissen doch, dass Millionen auf ihre Überfahrt warten. Der Zaun in Evros muss abgebrochen werden, dass die Menschen über Land nach Europa kommen können und Kinder und Erwachsene nicht ertrinken müssen. Es ist eine Sünde, wenn Babys ertrinken. Erst gestern sind 15 Kinder im Wasser gestorben.»

Anastasia Tata
Legende: Anastasia Tata: «Als ich ihre Ankunft sah, bin ich in Tränen ausgebrochen.» srf

Anastasia Tata, ehemalige Lehrerin: «Nass bis auf die Knochen sind die Flüchtlinge hier angekommen. Zusammengepfercht in Booten wie ein Bund Trauben. In der Türkei verfrachtet man sie in schwächliche Boote, knöpft ihnen 1200 Euro ab. Und die Menschen kommen an in totaler Agonie. Niemand mag über den Handel mit den Schleppern sprechen.

Wenn die Flüchtlinge hier ankommen, ist es unsere Pflicht, für sie so gut wie möglich zu sorgen. Aber es muss einen anderen Weg geben, die Türkei zu verlassen, als in diesen gefährlichen Booten. Zwar haben wir uns auf das Leid eingestellt. Aber als ich gesehen habe, wie sie mit ihren Booten ankamen, bin ich in Tränen ausgebrochen.»

Paris Laoumis
Legende: Paris Laoumis: Schon dieses Jahr sind Buchungen storniert worden. srf

Paris Laoumis, Restaurant-Besitzer: «Schon im Winter sind viele Flüchtlinge gekommen. Jedoch nicht in dieser Frequenz. Damals kamen drei Boote am Tag. Aber seit Juni, seit sich das Wetter verbesserte, steigt der Zustrom konstant. Jeden einzelnen Tag sehen wir Hunderte Menschen ankommen. Die Entfernung zur Türkei beträgt gerademal 12,8 Kilometer.

Wir Anwohner gehen gelassen damit um, wir können gar nicht anders. So weit es geht, versuchen wir den Flüchtlingen zu helfen, denn sie sind Menschen wie wir. Wir sind auf der Insel die ersten, die sie empfangen. Die Konsequenzen für uns alle wird sich im nächsten Jahr zeigen. Schon dieses Jahr sind Buchungen storniert worden. Ich bin in Sorge, dass die Reaktion der Regierung nach den Wahlen nicht mehr dieselbe sein wird.»

Sophia Koulouri
Legende: Sophia Koulouri: «Wir fühlen mit ihnen, wollen helfen. Aber wir sind verzweifelt.» srf

Sophia Koulouri, Bäckerin: «Die Situation jetzt ist nicht so schlimm wie vor einer Woche, als fast 30'000 Menschen hier in der Stadt Mytilini waren. Damals waren die Menschen überall. Sie schliefen auf Bänken und auf jedem Stücklein Wiese. Sie sind zu uns gekommen, um Brot zu kaufen und um auf die Toilette zu gehen.

Am Anfang habe ich es ihnen selbstverständlich erlaubt. Aber bald kamen so viele Leute auf einmal auf das WC und hinterliesesen eine totale Unordnung, dass andere Kunden das Klo nicht mehr benutzen konnten. Ich fühle mit den Flüchtlingen, und wir versuchen, ihnen zu helfen. Aber wir sind verzweifelt.»

Giorgos Kritharis.
Legende: Giorgos Kritharis: Plötzlich kommen jeweils grosse Gruppen, so dass sich chaotische und angespannte Momente ergeben. srf

Giorgos Kritharis, Reisebüro-Besitzer: «Damit sie nach Piräus oder Kavala gelangen können, verkaufen wir den Flüchtlingen Schiff-Billete. Dies tun wir mit grosser Geduld. Wegen der Massen, die wir täglich bedienen, gibt es aber verschiedene Schwierigkeiten.

Zu bestimmten Zeiten kommen plötzlich grosse Gruppen, so dass sich chaotische und angespannte Momente ergeben. Aber wir versuchen, den Ansturm unter Kontrolle zu halten – mit Schlangenbildung etwa. Die Flüchtlinge wollen nordwärts reisen. Hier bleiben möchten sie nicht.» (serc)

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6 Kommentare

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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Der Krieg als Auslöser der Flüchtlingsbewegungen ist Sünde! Das sollten sich alle Menschen hinter die Ohren schreiben - besonders diejenigen, die mit ihren kraken "Friedensmissionen" ihre "Demokratie" und "Menschenrechte" anderen Völkern bringen.
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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    Ich war in Kalkutta und sah Männer am Strassenrand in einer Wolldecke gehüllt sterben. Deshalb bin ich etwas abgehärtet. Sterben kleine Kinder bei einer Meerüberfahrt, so sind die Eltern vorerst schuld, da sie die Gefahr einschätzten können. Dann folgen die Schlepper. Durchquert man Europa um ins gelobte Land Deutschland zu Verwandten und Bekannten zu gelangen, so macht man sie strafbar, wenn man sich auf EU-Boden nicht registrieren lässt. So oder so wird es grosse Probleme geben.
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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Es ist das Versagen der Erwachsenen, wenn Kinder unter Kriegen Leiden, ja. Es ist aber auch das Versagen der Erwachsenen sinnlos viele Kinder in die Welt zu setzen nur um Märtyrerkinder oder Altersvorsogekinder zu haben. Warum wird so wenig über Geburtenkontrolle - damit meine ich nicht mehr als 2-3 Kinder - gesprochen oder eindringlich empfohlen? Damit sind wir wieder bei der richtigen Entwicklungshilfe und dem Niveau der Religionen.
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    1. Antwort von Florian Menevis (Florian Menevis)
      Naja, es ist natürlich leicht Geburtenkontrolle zu fordern wenn man in der Schweiz mit all den Sozialsystemen versorgt ist und auf die AHV zählen kann. Die Realität der Leute in der dritten Welt ist eine ganz andere.
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    2. Antwort von Dölf Meier (Meier Dölf)
      Assad will die Macht nach 30 Jahren erhalten. Rebellen wollen ihn stürzen. Putin liefert Waffen. Die IS terrorisiert und will ein Kalifat errichten, dazu ist jedes Mittel recht und wird unterstützt von einem reichen Golfstaat. Dann kommen noch die unterdrückten Kurden, die auf vier Staaten verteilt sind. Und schlussendlich wird die Armee des Präsidenten Fassbomben auf seine Bevölkerung. Da ist wirklich der Teufel los. Es geschieht aus Machtgier und islamistischen Grabenkämpfen.
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    3. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      Florian Menevis, welche Realität meinen Sie? Wie sollen Kinder für die Altersvorsorge herhalten, wenn Millionen Mittelloser in Städten Abermillionen Kinder zeugen und auf dem Land kaum Hoffnung für zwei besteht? Ich glaube, da ist viel dummes Geschwätz bei uns und verhängnisvoller Irrglaube und "Brauchtum" dort.
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