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International Rettungsaktionen im Mittelmeer: Eine gesamteuropäische Aufgabe

Italiens Küstenwache ist derzeit im Dauereinsatz, um Bootsflüchtlinge im Mittelmeer zu retten. Seit Anfang Woche hat sie schon 10'000 Personen aufgegriffen. 70 Rettungseinsätze mussten koordiniert werden. Wie diese logistische Grossaktion funktioniert, erklärt Roland Schilling vom UNHCR in Rom.

Britisches Schlauchboot nähert sich einem vollbesetzten Holzbötchen im Meer.
Legende: Eine Riesenherausforderung für die Küstenwache – vor allem, da derzeit so viele kleine Boote übersetzen. Keystone

SRF News: Die Küstenwache koordiniert die Einsätze mit Hilfe von Booten anderer europäischer Staaten und Wohlfahrtsverbände. Sind noch weitere Akteure beteiligt?

Roland Schilling: Neben der italienischen Küstenwache ist auch die italienische Marine beteiligt. Auch die italienische Finanzverwaltung stellt einige Boote. Es gibt natürlich die europäische Grenzschutzagentur Frontex, die auch mit Booten und mit Flugaufklärung und anderen Arten von Unterstützung beteiligt ist. Und zum Teil helfen auch private Boote oder Schiffe, die sich in der Nähe befinden.

Vor knapp zwei Jahren wurde die italienische Marine-Rettungsaktion Mare Nostrum beendet. Trotzdem scheint es, dass Italien doch am meisten Rettungen zu verantworten hat. Stimmt dieser Eindruck?

Tatsächlich sind die meisten Schiffe – etwa zwei Drittel – von der italienischen Küstenwache und der italienischen Marine. Aber es gibt auch eine grössere europäische Unterstützung, vor allem in finanzieller Hinsicht. Es wird jetzt als mehr eine gesamteuropäische denn als italienische Aufgabe gesehen. Die Rettungsaktionen finden schliesslich relativ weit weg von Italien statt, zum Teil 20 bis 40 Seemeilen vor der libyschen Küste.

Die libyschen Menschenschmuggler pferchen immer mehr Leute auf immer kleinere Boote. Sind sie in jüngster Zeit dreister geworden?

Das kann man so sagen. Insbesondere in Libyen gehen die Schmuggler besonders rabiat mit den Flüchtlingen um. Sie füllen die Boote bis zum Maximum. Es gibt Schlauchboote, die nach wenigen Seemeilen beginnen, auseinanderzufallen. Deshalb kam es auch zu diesen schrecklichen Unfällen in letzter Zeit. Die Todeszahlen sind fast so hoch wie im gesamten letzten Jahr.

Die EU versucht, zusammen mit libyschen Truppen, vermehrt gegen Schlepper vorzugehen. Wenn man die Zahlen sieht, scheint das nicht zu funktionieren. Wieso?

Die innenpolitische Lage in Libyen ist kompliziert. Das Land befindet sich im Konflikt. Die Regierung hat nicht die Kontrolle über das ganze Staatsgebiet. Aber es gibt jetzt tatsächlich positive Ansätze, die libysche Küstenwache auszustatten und auszubilden, um auch gegen Schmuggler vorzugehen. Es gibt zudem gewisse lokale Aktionen von der Bevölkerung. Diese sagt, wir wollen das einfach nicht mehr, dass hier im grossen Masse Menschenschmuggel stattfindet, schreckliche Unfälle passieren und Menschen ums Leben kommen, und dass Leichen an den Strand gespült werden.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Roland Schilling

Roland Schilling ist seit September 2014 als Verteter des UNHCR für Südeuropa in Rom. Davor war er bereits in der Türkei, in Grossbritannien, Deutschland, Moldawien, Hongkong und Jemen für das UNO-Flüchtlingshilfswerk tätig. Von 1998 bis 2002 war er in Sri Lanka stationiert und koordinierte er die humanitäre Hilfe der UNO nach dem Tsunami von 2004.

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Margot Helmers (Margot Helmers)
    Touristen in Tunesien müssen ja schon aufpassen sich nicht mit der Luftmatraze zu weit raus zu wagen. 300m zu weit vom Strand entfernt und schon schlägt Frontex zu und „rettet“ einen… In Italien sind binnen vier Tagen rund 13.000 Bootsflüchtlinge eingetroffen. Das kann nicht so weiter gehen, da bricht jedes Aufnahmeland früher oder später zusammen. Gutes Interview von einem langjährigen Deza Mitarbeiter: «Ab einer gewissen Zahl bricht jedes Asylwesen zusammen»
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  • Kommentar von Ueli von Känel (uvk)
    Mich macht diese Situation mit diesen Flüchtlingsströmen betroffen! Auch deshalb, weil wir Europäer mitverantwortlich sind für das grosse Gefälle Reich-Arm und für die akute Gefährdung (auch hier in der Schweiz!) des sozialen Friedens. Somit ist es klar eine Aufgabe aller europäischen Staaten dieses Elend lindern zu helfen. Lange haben wir direkt oder indirekt (in ehem. Kolonien) abkassiert, jetzt müssen wir hier wieder für Besserung sorgen helfen. Unbequem, aber es lohnt sich langfristig!
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    1. Antwort von Alfonso Contria (Infowars)
      Wir sind eben nicht Verantwortlich fuer das Arm und Reich Problem. Wir haben den Afrikanern ja nichts weggenommen, das sie selbst nutzen koennen. Das sind Ideologien denen sie nachleben. Die Kolonieinfrastruktur hat auch etwas gekostet. Das hat auch David Cameron so gesagt. Beweis: Europa ist nach der Dekolonialisation nicht arm geworden, sonder noch wohlhabender.
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    2. Antwort von Ueli von Känel (uvk)
      Alfonso Contria: Es sind nicht Ideologien, denen ich nachlebe, sondern die Betroffenheit über das ungerechte Gefälle Reich-Arm, an dem alle reicheren Länder teilhaben. Jede/jeder von uns gehört zum System der (zu) freien Markwirtschaft, die in gewissem Sinn an die Kolonialzeit anknüpft und Schwächere in der Gesellschaft hierzulande wie international zu überrollen droht. Z. B. nehmen wir Kinderarbeit (Sklaverei der Moderne!) in Afrika in Kauf im Blick auf iPhones, Schmuck und anderes.
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    3. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Hrvon Kaenel, die Ausbeutungen finden noch heute statt. Zu tiefe Rohstoffpreise, Kinderarbeit, tiefe Löhne uvam. Ganz im Sinne der Globalisierung. Früher nannte man es Kolonialregime, heute nennt man es Globalisierte Neue Weltordnung. Raten Sie mal wo da das Problem wirklich liegt. Flüchtlinge aufnehmen hilft da rein gar nichts. Im Gegenteil, da verdienen nur einige recht zünftig und wähnen sich noch human, fortschrittlich usw. Nur das ist die neue Art von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
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    4. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      I Phone wird von Apple in Asien billig hergestellt und in den Absatzländern entsprechend der Kaufkraft zum max. Preis verkauft. In der Schweiz sehr gut bekannt, wie ein Blick über die Grenze zeigt. Der Aktienkursverlauf zeigt über die Jahre fette Gewinne für die Aktionäre. Jetzt ist gerade ein Skandal das Apple für eine Million Gewinn gerade mal 50.- Steuern bezahlt hatte, das entspricht 0,005% Steuern. Wenn genau meinen Sie mit mit "wir"?
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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Retten - und dann subito zurück mit ihnen.
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    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Aber sie nicht irgendwo auf dem Mittelmmeer retten, sondern die Gummiboote gar nicht in internationale Gewässer einfahren lassen. Dies wird in kurzer Zeit auch die einzige Möglichkeit sein,, wenn wie angekündet , noch tausende auf dem Weg sind.
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