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Brexit-Nachwehen: Der Rosenkrieg in Nordirland
Aus Echo der Zeit vom 09.07.2021.
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Rosenkrieg nach Brexit Nordirland: Einreise-Verbot für Lady Ashley

Seit über einem halben Jahr ist der Brexit vollzogen. Um den EU-Binnenmarkt zu schützen, gibt es seither eine regulatorische Grenze in der Irischen See. Das sorgt in Nordirland für rote Köpfe – so auch in einem Garten-Zentrum in Belfast, weil die Rose Ashley nicht importiert werden darf.

Lady Ashley, ist schön, wohlriechend und verfügt über einen «üppigen Nachtrieb». So steht es jedenfalls im Prospekt. Kein Wunder, ist die Rose in Nordirland äusserst beliebt. Doch die Lady darf seit dem Brexit nicht mehr einreisen. Sie könnte mit englischer Erde kontaminiert sein. Die Hobby-Gärtner in Nordirland müssten deshalb seit Anfang Jahr auf ihre Lieblingsrose verzichten, erzählt Beth Lunney.

Legende: Beth Lunney versteht die Welt nicht mehr: Weil an Rose Ashley englische Erde haften könnte, darf sie nicht mehr importiert werden. SRF

«Die Rosen werden in England im Freien angepflanzt, das heisst, es könnte sein, dass an ihren Wurzeln englische Erde haftet, und dies verstösst gegen die EU-Vorschriften.» Wären die Rosen dagegen in einem Treibhaus als «Nacktwurzler» auf Hochgestellen gezogen worden, würden die Dinge anders liegen, sofern der Dünger in der EU zugelassen ist. «Mit solchen Dingen müssen wir uns seit dem Brexit herumschlagen», klagt Beth Lunney. Sie versteht die Welt nicht mehr.

Kontrollen für Würste, Käse, Medikamente in Nordirland

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Kontrollen für Würste, Käse, Medikamente in Nordirland
Legende: SRF

Das sogenannte Nordirland-Protokoll soll eine harte EU-Aussengrenze zwischen dem EU-Staat Irland und dem britischen Nordirland vermeiden und damit auch das Aufflammen alter Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten. Damit wurde de facto eine Zollgrenze innerhalb des Vereinigten Königreichs geschaffen: Nordirland ist enger an die EU gebunden und folgt weiter den Regeln des EU-Binnenmarkts. Das hat jedoch seinen Preis und heisst Kontrollen für Würste, Käse, Medikamente oder Pflanzen.

Seit 30 Jahren betreibt sie zusammen mit ihrem Mann ausserhalb von Belfast ein Garten-Center. Nie habe es mit Lady Ashley Probleme gegeben, und nun ein solches Debakel. Nicht nur die Rosen sind betroffen: Nicht einmal mehr profane Saatkartoffeln und Blumensamen könnten aus England importiert werden.

Legende: Im Gartencenter hat es zwar eine Auswahl an Rosen – doch nicht die Sorte Ashley. SRF

Das Gespräch wird kurz unterbrochen. Eine Kundin kann sich nicht entscheiden, ob sie Hortensien oder Fuchsien kaufen soll. Und der Rhododendron in ihrem Garten sei von Läusen befallen. Beth rät zum Kauf von Marienkäfern, welche die Pflanzensauger fressen werden. 

 Kaum bewältigbarer Papierberg

Nicht alle Probleme lassen sich so leicht verdauen. Der Papierkrieg sei seit dem Brexit unermesslich geworden, sagt die Inhaberin des Saintfield Nursery Center. Früher habe der Import von Töpfen und Pflanzen aus England zwei Tage gedauert. Heute würden teilweise 11 Tage vergehen. Gelegentlich sei sie sich nicht mehr sicher, ob sie nun Gärtnerin oder Zolldeklarantin sei. Was hier passiere, sei unerhört.

Legende: Bleibt den nordirischen Kunden verwehrt: die beliebte Rose Ashley. Shutterstock

Beth's Ur-Urgrosseltern stammen ursprünglich aus Grossbritannien. Sie fühlt sich deshalb dem Vereinigten Königreich tief verbunden und ist überzeugte Unionistin. Sie hat den Verdacht, Boris Johnson habe das Nordirland-Protokoll gar nicht richtig gelesen, bevor er es unterschrieben habe.

Ich bin überzeugt, dass dies gegen meine Menschenrechte verstösst.
Autor: Beth Lunney

«Ich bin eine Bürgerin des Vereinigten Königreichs, aber ich kann keine Rosen aus Schottland, England oder Wales kaufen. Ich bin überzeugt, dass dies gegen meine Menschenrechte verstösst», sagt Beth.

Schmuggelring der Gartenfreunde

Einige Kunden hätten jedoch längst zur Selbsthilfe gegriffen. Über die Irische See haben die Gartenfreunde offenbar einen wahren Schmuggel in Gang gesetzt. Verwandte in England oder Kinder, die in London studieren, werden angewiesen, beim nächsten Besuch im Koffer zwischen den Hemden Saatkartoffeln und Blumensamen nach Hause zu bringen.

Legende: Das Garten-Center Saintfield ausserhalb von Belfast. SRF

So macht es auch die ältere Kundin im geblümten Kleid, die in der Farn-Abteilung steht. «Die sollen uns unsere Rosen aus England zurückgeben.» Sie kenne die Gründe nicht, aber sie sei überzeugt, dass die Bürokraten in Brüssel daran schuld sind.

Wir wollen in unserem eigenen Land frei handeln und einkaufen können.
Autor: Kundin Gartencenter

Sie habe für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt, habe aber das Gefühl, Brüssel wolle sie nun dafür bestrafen. «Es ist das gleiche wie mit den Würsten. Doch wir wollen in unserem eigenen Land frei handeln und einkaufen können.»

Chance nutzen statt jammern

Selber schuld, meint eine junge Frau im Kakteen-Haus. Mit gutem Grund habe sie beim Brexit für remain gestimmt. Denn wenn man in der EU geblieben wäre, gäbe es mit «Lady Ashley» keine Probleme. Wenig Verständnis für das Gejammer hat auch Jerry, der mit seiner Frau Blumentöpfe einkauft. Er ist katholischer Republikaner und überzeugt, dass Nordirland sich in absehbarer Zukunft ohnehin von Grossbritannien verabschieden und sich mit der Republik Irland wiedervereinigen wird.

Legende: Jerry hat genug vom Gejammer – er sieht das Nordirland-Protokoll auch als Chance für lokale Produktionen. SRF

«Wir sollten deshalb lieber darüber nachdenken, wie Nordirland sich künftig selber mit Gütern versorgt und uns fragen, ob es nachhaltig ist, wenn wir Rosen und andere Pflanzen von England übers Meer hierher bringen», findet Jerry.

Es hält uns nichts davon ab, künftig selber Rosen zu züchten.
Autor: Jerry

Sie hätten schliesslich in Nordirland das gleiche Klima und dieselben Böden. «Es hält uns also nichts davon ab, künftig selber Rosen zu züchten. Anstatt zu jammern, sollten wir das Nordirland-Protokoll als Chance sehen, mehr selber zu produzieren und weniger zu importieren.»

Bedrohung der britischen Identität

So ziehen sich die posttraumatischen Brexit-Gräben zwischen Wurmfarn und Feigenkakteen quer durch das Garten-Zentrum. Die Gräben reichen jedoch viel tiefer als die Wurzeln von «Lady Ashley». Es geht um die eigenen Wurzeln, um die eigene Identität, welche durch den Brexit und die neue Grenze in der Irischen See infrage gestellt wurden.

Die Unionisten fühlen sich durch die neue Zollgrenze vom Rest des Vereinigten Königreichs abgeschnitten. Für sie ist die Grenze eine Bedrohung ihrer britischen Identität. Die Grenze sollte dort errichtet werden, wo diese aus ihrer Sicht hingehört, nämlich zwischen Nordirland und der Republik Irland. Die Republikaner dagegen sehen sich durch das neue Grenz-Konstrukt als heimliche Sieger des Scheidungs-Dramas mit der EU.

Fragiler Frieden gerät ins Schwanken

Gleichgültig kann die Unzufriedenheit im «Hinterhof des Brexits» niemandem sein. Das Karfreitagsabkommen beendete 1998 in Nordirland einen Bürgerkrieg, der während drei Jahrzehnten über 3500 Menschenleben gekostet hat. Es war das Ende einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Protestanten, Unionisten und Loyalisten auf der einen Seite, welche die Union mit Grossbritannien unterstützen und den katholischen Nationalisten und Republikanern auf der anderen Seite, die für ein vereinigtes Irland kämpfen.

Der Bürgerkrieg ist zwar seit gut 20 Jahren zu Ende, aber die beiden Gemeinschaften sind bis heute gesellschaftlich und politisch tief gespalten. Der Frieden ein fragiles Gleichgewicht, das durch den Brexit aus der Balance gebracht wurde. Wie schnell diese kippen kann, zeigte sich im Frühling, als es in Belfast, Coleraine und Londonderry während Tagen zu Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen kam.

Legende: Laut Katy Hayward, Professorin für politische Soziologie an der Queen’s University Belfast, ist Kompromissbereitschaft gefragt. SRF

Um den Frieden in Nordirland zu wahren, brauche es Kompromissbereitschaft von allen Seiten, meint die Politologin Katy Hayward von der Queen’s University in Belfast gegenüber SRF. In Nordirland, aber ebenso in Brüssel und London. Die britische Regierung könne nicht stur auf ihre Souveränität beharren und jegliche Übernahme von EU-Normen strikt ablehnen. Die Europäische Union wiederum könne in der Irischen See nicht puristisch auf ihr Regelwerk beharren. Mit pragmatischen Lösungen den Frieden in Nordirland zu sichern, sein höher zu gewichten, als sich über Erdkrümel an Rosenstöcken zu streiten.   

Bis London und Brüssel dieses Problem alltagstauglich gelöst haben, wird es wohl noch ein bisschen dauern. Bis dann herrscht bei der Kundschaft des Saintfield Nursery Centers wenigstens bereits in einem Punkt schon mal Konsens: Die Rosen, welche dieses Jahr ersatzweise aus den Niederlanden eingeführt wurden, sind bei weitem nicht so schön wie jene aus England.

 

Echo der Zeit; 9.7.21; 18 Uhr

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Maciek Luczynski  (Steine)
    Es wäre von BJ ein geschickter Schachzug gewesen, wenn er Nordirland, nach dem Brexit an die Rep. Irland abgegeben hätte.
    Dann müsste sich nicht mehr England mit den Republikanern und Unionisten herumschlagen müssen, sondern Irland und die EU.
  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    DAS ... liebe Leute ... ist das ganz alltägliche Gesicht der EU.
    - Rosen nicht mehr importieren, weil die Erde kontaminiert sein könnte?!?
    - Fische nicht mehr importieren, weil das Wasser nicht rein genug sei?!?
    - Fleisch nicht mehr importieren, weil es Hormone enthalten könnte?!?

    Als ob die Briten seit dem 1. Januar plötzlich andere Erde verwenden, in anderen Gewässern fischen oder die Schafe anders füttern würden.
    Es geht ausschliesslich darum den Briten Schaden zuzufügen!
    1. Antwort von Samuel Röthlisberger  (S.Roethlisberger)
      Nein, die Erde ist nicht plötzlich eine andere. Aber sie haben nicht verstanden: GB ist nun ein Drittstaat und wird so behandelt. GB hat sich das so ausgesucht. Dr Füüfer u z Weggli gab es nicht.
    2. Antwort von Christoph Heierli  (help)
      Was haben Sie denn geglaubt? Man kann nicht der EU den Rücken kehren und danach weiter machen wie vorher. Es geht nicht um den Schaden, es geht um ausgleichende Massnahmen im Sinne der EU Mitglieder und der Marktsituation. Auch die Schweiz wird das in Zukunft mehr und mehr spüren. Nach Ihrer Vorstellung braucht es keine Regulierungen und das ist nach meiner Vorstellung falsch.. es braucht sie immer mehr.
    3. Antwort von Marc Meyer  (Marcimarc)
      Herr Wagner, diese Folgen waren schon vor dem Brexit absehbar, wenn kein gutes Handelsabkommen vereinbart wird. Es war kistallklar, dass es so kommen würde, vor den Folgen des Hard Brexit wurde genug gewarnt. Aber nun scheinen Sie das der EU so auszulegen, als wäre es eine Bestrafung. Das stimmt einfach nicht. Es ist vielleicht büroktratisch und macht wenig Sinn jetzt, aber es war genauso vorhersehbar.
    4. Antwort von Paul Wagner  (päule)
      Liebe Antwortende, Sie alle argumentieren immer mit "das wusste man ja vorher schon" und als ob alle Briten doof wären. Sie tun immer so, als wären alle davon überrascht worden - Nein, natürlich nicht.

      Ich will nur aufzeigen, dass die EU sich einen Dreck um den Friedensprozess in Nordirland schert oder darum, dass Lebensmittel nicht weggeworfen werden müssen oder dass intakte Geschäftsbeziehungen bestehen bleiben. Es geht nicht um common sense, sondern nur um grösstmöglichen Schaden für UK.
    5. Antwort von Paul Wagner  (päule)
      @Röthlisberger: Nordirland ist zu UK kein Drittstaat - es ist Teil davon. Nicht UK will die unlogische Grenze in der irischen See, sondern die EU. Den irischen Nationalisten (zB New IRA) zu suggerieren, dass sie so ein vereinigtes Irland bekommen könnten, ist schon fast Kriegstreiberei. So wird nationaler Extremismus - dem das Karfreitagsabkommen einen Riegel schieben wollte - wieder befeuert.
    6. Antwort von Marc Meyer  (Marcimarc)
      Herr Wagner, an ihrer Antwort zu den Antwortenden sehe ich, dass sie ein wenig Ursache und Wirkung verwechseln. Es bestand der Rahmen für den Friedensprozess, und vor allem England hat sich dafür eingesetzt diesen zu verlassen. Ein entsprechendes Abkommen mit Zollunion usw. haben sie auch nicht unterzeichnen wollen. Jetzt von Missgunst der EU zu schreiben verquert doch die Fakten. Das Problem ist GB hausgemacht, und London hats nicht gekümmert.
    7. Antwort von Daniel Bucher  (DE)
      @PW
      Sehe ich gleich wie sie. Wer der EU den Rücken zuwendet und nicht zu allen Beschlüssen (auch der undemokratischen EU Kommission) zujubelt wird abgestraft.
  • Kommentar von Franz Peter Lehmann  (nashorn19)
    M.E. alles lächerlich, jede Person in Nordirland, wenn sie möchte, erhält die Doppelbürgerschaft mit der Republik/EU und im Personenverkehr einen privilegierten Zugang, für den Rest und den Warenverkehr gilt eine harte Grenze. Das übrige regelt die englische Zukunft, inkl. das "Köpfeeinschlagen" und die Brexit-befürworter mit ihrem englischen Unterstützungsgeldbeutel.