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International Rückbau von Atomkraftwerken: «Wir sind erst ganz am Anfang»

Die Lebensdauer der ältesten Kernkraftwerke neigt sich dem Ende zu, nicht nur in der Schweiz. Erste Erfahrungen mit dem Rückbau von verstrahlten Anlagen haben deutsche Kraftwerkbetreiber – etwa in Hessen. Doch es zeigt sich: Auf viele Fragen gibt es noch keine Antworten.

Kraftwerk Bibilis von aussen
Legende: Von aussen sieht alles aus wie immer: Das Kraftwerk Biblis, das sich nun in Abwicklung befindet. SRF/ Christian von Burg

Die Kontrolle am Eingang von Biblis ist streng, obwohl das Kraftwerk seit vier Jahren nicht mehr am Netz ist. Wie eh und je stehen die zwei Betonhalbkugeln mit den Reaktoren und die vier Kühltürme nördlich von Mannheim am Rhein. Wie merkt man eigentlich, dass die Anlage ausser Betrieb ist? Gar nicht, sagt Rita Craemer. «Das einzig vielleicht erkennbare Zeichen ist, dass der Parkplatz nun deutlich leerer ist.»

Craemer, die Sprecherin des Energiekonzerns RWE, zeigt auf die andere Seite des hohen Zauns – auf das halbleere Parkfeld, wo eine Grille zirpt. Nur jeder vierte Arbeitnehmer wird noch gebraucht für den Rückbau. Ein Frust für alle hier, gibt Craemer unumwunden zu. Lange hat sie für das Unternehmen gearbeitet. Jetzt ist auch ihre Stelle befristet.

RWE-Pressechefin Rita Craemer
Legende: Auch ihr Job in Biblis ist befristet: Pressechefin Rita Craemer SRF/ Christian von Burg

Dabei hat der eigentliche Rückbau noch gar nicht begonnen. Die Bewilligungen kommen nur schleppend voran. Auch nach dem Abschalten der Anlage ist die Angst der Bevölkerung vor radioaktiver Verseuchung nicht verschwunden. Die Leute befürchten, dass dekontaminiertes Eisen nach dem Abbau wiederverwertet wird und dann etwa als Leitungsrohr in einem Kindergarten oder als Bratpfanne weiter strahle, sagt Craemer. Dabei sei das gar nicht möglich.

Es sei schwierig, räumt Craemer ein. «Man kann es immer wieder erklären. Aber es ist eine Frage, die im Bauch der Menschen entsteht. Und solche Gefühle kann man schlecht mit Sachargumenten wegbekommen.»

Möglichst schnell will der Konzern RWE das Kernkraftwerk zurückbauen. Die Planung läuft auf Hochtouren. Und man zieht Lehren aus bereits abgeschlossenen Rückbauten andernorts, sagt Craemer. Als Problem habe sich zum Beispiel erwiesen, dass auf einmal der Strom fehlte. Deshalb werden in Biblis jetzt neue mobile Generatoren eingebaut. «Wenn sie einen Raum entkernen, ist danach alles weg. Aber sie brauchen ja trotzdem noch Strom, um die Restarbeiten durchzuführen. Erst danach kann man die Tür schliessen.»

Gefährliche Handarbeit

Noch besser wäre, wenn von Beginn weg keiner reinmüsste. Wenn keiner die radioaktiv verseuchte Schicht von Wänden und Decken abschleifen müsste. Bisher geschieht das nämlich – ausser natürlich im hochradioaktiven Bereich – grösstenteils in Handarbeit.

Ingenieure wie Patrick Kern vom Institut für Technologie in Karlsruhe wollen das ändern. Der junge Wissenschaftler steht in einer grossen Halle, umgeben von verschiedenen Maschinen und Robotern. «Wir sind hier an der Professur für den Rückbau von kerntechnischen Anlagen angesiedelt. Hier haben wir unsere Versuchsstände und Manipulatoren», erklärt Kern.

Ein Roboter mit Saugnäpfen soll helfen

Roboter-Prototyp mit Saugnäpfen, die künftig die oberste Schicht an Oberflächen abtragen sollen.
Legende: Ein Roboter wie dieser soll künftig helfen: Saugnäpfe sollen die obersten Schichten der Betonwand abtragen. SRF/ Christian von Burg

Zum Beispiel das mannshohe Gerät mit Saugnäpfen, vor dem er gerade steht. «Mit Hilfe dieser Saugnäpfen können wir über die Oberflächen laufen: Die Wände hoch, nach links, nach rechts, hoch und runter, wir können mit diesen Kletterrobotern drehen.»

Ein ferngesteuertes Gerät also, das mit einem Laser die obersten zwei Millimeter der Betonwand abträgt. Die radioaktiv verstrahlte Schicht wird sogleich abgesaugt und dann in grossen Fässern fürs Endlager gesammelt.

Kern führt in einen Nebenraum, wo eine Kollegin speziell gestärkte Raffelzähne testet, um den Beton abzuraffeln. Die Zähne stecken auf sogenannten Schäl-Lamellen. Das Problem dabei: Jede Maschine, die im verstrahlten Bereich zum Einsatz kommt, wird umgehend auch zu Abfall. «Man müsste diese Schäl-Lamellen aufwändig entsorgen oder dekontaminieren.»

Deshalb versuchen die Ingenieure jetzt, die Raffelzähne auf der Lamelle zumindest langlebiger zu machen, so das möglichst wenig zusätzlicher radioaktiver Abfall fürs Endlager entsteht. Alles was hier rumsteht, ist noch im Testbetrieb. Der Roboter ist ein Prototyp. «Das ist der erste Schritt, die nächsten müssen nun folgen. Wir sind absolut am Anfang dieser Entwicklung.»

Die Rückbautechnik für die alten AKW ist noch in Entwicklung, aber der weltweite Markt wächst. Es gibt bereits spezielle Messen in diesem Bereich. Das Raspeln an den radioaktiv belasteten Betonwänden dürfte also noch deutlich effizienter werden.

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Marcus Thomas, St. Gallen
    Kernreaktoren sind sowas wie ein Auto ohne Bremsen welche während der Fahrt eingebaut werden. Man hat jetzt zumindest sowas wie eine blasse Ahnung was beim Rückbau auf einen zukommt aber als man sie damals gebaut hat hat das niemanden interessiert. Es war und ist unverantwortlich dass man Kernreaktoren jemals gebaut hat. Im Dinge erfinden oder tun war der Mensch schon immer richtig gut. Deren Folgen zu bedenken aber sind wir leider außerstande.
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  • Kommentar von M.Müller, Zürich
    Gerne würde ich mal wissen, warum ich für den Ökostrom mehr bezahlen muss als für den Atomstrom welchen ich noch über die Steuerrechnung subventionieren muss. Kann mir ein SVPler ooder FDPler diese schmiererei erklähren? Sicherheit wird über das Restrisiko definiert. Per Definition sagt das Restrisiko, die Wahrscheinlichkeit einees Gaues in einem bestimmten Zeitraum aus. Es sagt nichts aus über das wann im Zeitraum! Damit ist das Restrisiko ein Garantieschein, dass irgendwann etwas passiert.
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  • Kommentar von M. Roe, Gwatt
    Wenn ich daran denke, welche Herren uns vor Jahrzehnten versicherten, dass AKW völlig bedenkenlos seien +es schafften, mit ihren verantwortungslosen "Verkaufsstrategien" die ganze Welt zu überreden, wird mir schlecht. Auch heute gibt es noch sehr viele so gute "Verkäufer". Leider meist Herren. Politiker, Bauherren, Konzerne, die irgend einen Weg zum Geld sehen, predigen auch heute noch raffiniert, dass alles nur Angstmacherei sei. Aber im Gegenteil, sitzen wir mitten im gefährlichen Atommüll.
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