Rückzug vom Rückzug aus Afghanistan

Eigentlich wollte er die meisten Soldaten aus Afghanistan heimholen, solange er im Amt ist: Von diesen Plänen rückt US-Präsident Obama jetzt ab. Die Lage sei zu prekär.

Obama vor US-Soldaten.

Bildlegende: Noch im Mai 2014 kündigte Barack Obama vor seinen GI's im afghanischen Baghram den Rückzug der US-Truppen an. Keystone/Archiv

US-Präsident Obama hat einen langsameren Abzug der US-Truppen aus Afghanistan angekündigt. Die afghanischen Streitkräfte seien «noch nicht so stark wie sie sein müssen». Zudem sei die Sicherheitslage am Hindukusch «noch immer sehr fragil», sagte er im Weissen Haus.

Daher werde die aktuelle Truppenstärke von 9800 US-Soldaten «den Grossteil des nächsten Jahres» beibehalten. Anschliessend werde die US-Präsenz in Afghanistan auf rund 5500 Soldaten reduziert.

Bis zum Ende von Obamas Amtszeit Anfang 2017 hätte die Truppenstärke nach den bisherigen Plänen eigentlich auf rund tausend Soldaten sinken sollen. Diese sollten hauptsächlich die Botschaft in Kabul schützen.

«Diese bescheidene, aber bedeutende Verlängerung unserer Präsenz kann einen echten Unterschied ausmachen», sagte Obama. An der Mission des US-Militärs werde sich nichts ändern. Die US-Einheiten würden keine Kampfrolle einnehmen, sondern «zwei begrenzte Aufgaben» erfüllen: den Kampf gegen das Terrornetzwerk Al-Kaida. Hinzu kommt die Ausbildung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte.

Rückzugsort für Terroristen verhindern

«Ich werde als Oberbefehlshaber nicht zulassen, dass Afghanistan von Terroristen als Rückzugsort genutzt wird, um unsere Nation erneut anzugreifen», sagte Obama. Bei seinem Auftritt war er in Begleitung von Vizepräsident Joe Biden, Verteidigungsminister Ashton Carter und Generalstabschef Joseph F. Dunford.

Der Präsident erklärte, er habe seine Entscheidung nach Beratungen mit seinem nationalen Sicherheitsteam, dem US-Kongress, den internationalen Partnern und der afghanischen Regierung getroffen. «Unsere Nato-Verbündeten und Partner können weiter eine unverzichtbare Rolle spielen, Afghanistan bei der Stärkung seiner Sicherheitskräfte zu helfen.»

Afghanistan allein unfähig

Angesichts der Taliban-Offensive hatte sich der US-Oberkommandant in Afghanistan, John Campbell, erst kürzlich für einen langsameren Abzug vom Hindukusch ausgesprochen.

Die Entscheidung ist wohl ein Eingeständnis, dass Afghanistan seine Sicherheitslage – anders als geplant – nicht selbst in den Griff bekommt. Obama verabschiedet sich damit auch von seinem Ziel, die meisten Soldaten nach Hause zu holen, solange er im Amt ist.

Seit Beginn des US-Einsatzes nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als die damals in Kabul herrschenden Taliban die Auslieferung der Al-Kaida-Führung verweigerten, sind mehr als 2000 US-Soldaten getötet worden.

Ausbildung und Beratung

Die geänderten Pläne stehen auch im Zusammenhang mit den jüngsten Kämpfen um die nordafghanische Provinzhauptstadt Stadt Kundus. Sie war für kurze Zeit in die Hände der Taliban gefallen. Militärs hatten Obama daraufhin dringend geraten, den Truppenabzug zu überdenken.

Zum Jahreswechsel war der Nato-geführte Kampfeinsatz nach 13 Jahren zu Ende gegangen. Die Folgemission «Resolute Support» legt den Schwerpunkt auf die Ausbildung und Beratung der afghanischen Armee und Polizei, die für die Sicherheit im Land nun selbst verantwortlich sind. Insgesamt sind noch etwa 13'000 Nato-Soldaten im Land.

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