Gerichtshof für Menschenrechte Russland wegen Beslan-Geiseldrama verurteilt

  • Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Russland schweres Versagen bei dem blutigen Geiseldrama in Beslan vorgeworfen.
  • Die Strassburger Richter verurteilten Moskau am Donnerstag dazu, 409 Opfern insgesamt knapp drei Millionen Euro Schmerzensgeld zu zahlen.
  • Bei dem islamistischen Terrorangriff 2004 auf eine Schule starben mehr als 330 Menschen, unter ihnen mehr als 180 Kinder.
  • Die Richter warfen den Sicherheitskräften «erhebliche Mängel» beim Krisenmanagement sowie einen unverhältnismässigen Einsatz von Waffen wie Panzerkanonen, Granat- und Flammenwerfern vor.
  • Die Behörden hätten ausserdem nicht genug getan, um den Angriff zu verhindern, obwohl es einschlägige Warnungen gegeben habe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Auch der Menschenrechtsgerichtshof stellt fest, dass die Behörden damals vor einer sehr schwierigen Entscheidung standen, weil die Geiselnehmer derart unnachgiebig waren, wie Russland-Korrespondent David Nauer berichtet. Bei der Erstürmung der Schule sei dann aber zu viel Gewalt angewandt worden. Zudem hätten Rettungsmassnahmen von Feuerwehr und Sanität besser koordiniert werden müssen. Die Behörden hätten also mehr tun können, um Menschenleben zu retten.

Kreml: «Urteil absolut inakzeptabel»

Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin bezeichnete das Urteil in einer ersten Reaktion umgehend als «absolut inakzeptabel». Auch das Justizministerium hält Teile des Entscheids von Strassburg für unbegründet.

Es macht also ganz den Anschein, dass sich der russische Staat keiner Schuld bewusst ist. Die Betroffenen dagegen betrachten das Urteil als Sieg. Es sei auch weniger ums Geld, sondern vielmehr um Genugtuung und um Gerechtigkeit gegangen, betonte eine Klägerin. Es sei wichtig, dass nun ein unabhängiges Gericht die Schuld der russischen Behörden festgestellt habe.

David Nauer

David Nauer

David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.