Zum Inhalt springen

International «Russlands Angriffe nützen Assad – und indirekt auch dem IS»

Der Kreml sagt: Die Luftangriffe gelten dem IS. Aktivisten sagen: In den angegriffenen Gebieten befinden sich gar keine Kämpfer des IS. Für Experten und Korrespondenten ist klar: Russlands Angriffe dienen vor allem dem syrischen Regime – und destabilisieren das Krisengebiet zusätzlich.

Karte Syrien.
Legende: Die Situation im umkämpften Syrien. Das grosse Gebiet des IS besteht zu grossen Teilen aus Wüste. SRF

Nach wochenlangen Spekulationen über eine russische Intervention in Syrien macht Kremlchef Putin ernst. Kampfjets bombardieren erste Ziele. Gilt der Einsatz wirklich nur dem Kampf gegen den Islamischen Staat - oder will Moskau seinen Partner Assad an der Macht halten?

So schätzen Korrespondenten und Experten die Lage ein:

Legende: Video Einschätzungen von Kriegsreporter Kurt Pelda abspielen. Laufzeit 00:29 Minuten.
Aus 10vor10 vom 30.09.2015.

Kriegsreporter Kurt Pelda: «In der bombardierten Region ist kein IS, sondern da sind gemässigte bis islamistische Rebellen. Diese kämpfen gegen Assad und haben ihm schwere Niederlagen bereitet. Das ist der Grund, warum die Russen nun dort bombardieren.

Die Angriffe nützen Assad, aber sie nützen indirekt auch dem IS. Denn wenn man diese Rebellen, die auch Feinde des IS sind, bombardiert, wie dies nun passiert, dann stärkt man so auch die Terrormiliz.»

Legende: Video Einschätzungen von Syrien-Experte Reinhard Schulze abspielen. Laufzeit 00:30 Minuten.
Aus 10vor10 vom 30.09.2015.

Reinhard Schulze, Syrien-Experte und Islamwissenschafter: «Gestärkt durch die Angriffe wird das Assad-Regime selbst. Denn: Das Assad-Regime bekommt eine Anerkennung, dass ein grosser internationaler Player auf seine Bitte nach Militärhilfe reagiert hat. Damit tritt Syrien wieder auf die internationale Bühne. Syrien und somit Assad wird somit als Partner möglicher Verhandlungen annerkenungsfähig.

Für die Region bedeutet die neue Situation eine Verstärkung der Blockbildung. Das heisst: Syrien wird als Teil eine Blockes identifiziert mit Russland als Schutzmacht. Dagegen stehen Saudi-Arabien, Katar oder die Golfstaaten. Die hätten klar gemacht: Entweder Assad geht, oder es gibt Krieg. Die Fronten im Gebiet werden also durch diese Blockbildungen verhärtet.»

Legende: Video Studiogespräch mit Erich Gysling abspielen. Laufzeit 03:15 Minuten.
Aus 10vor10 vom 30.09.2015.

Erich Gysling, Nahost-Experte: «Man darf annehmen und darauf vertrauen, dass die Akteure Russland sowie die USA und Frankreich im Gebiet einigermassen Kontakt haben und sich koordinieren. Da kann man sagen, dass in erster Linie alle das gleiche Ziel haben, nämlich im weitesten Sinne die Bekämpfung des IS.

Wie immer stehen aber auch strategische Überlegungen hinter den Angriffen. Neben der Angst vor islamistisschem Terror, pocht Russland mit der Stärkung Assads natürlich auf die Stärkung ihrer Stützpunkte wie in Tartus oder Lathakia zum Beispiel. Sie wollen dort weiterhin präsent bleiben»

Legende: Video Einschätzungen von Christof Franzen, SRF-Korrespondent in Moskau abspielen. Laufzeit 00:48 Minuten.
Aus 10vor10 vom 30.09.2015.

SRF-Korrespondent Christof Franzen, Moskau: «Die Ziele Putins in seinem Konflikt in der Ukraine waren klarer. Er wollte verhindern, dass die Ukraine der Nato beitritt und sich der EU zuwendet. Ähnlich zum Konflikt in Syrien ist die Mischung zwischen Waffengewalt und Diplomatie. Auch wenn die Waffengewalt gegen die Ukraine verdeckt stattgefunden hat.

Es zeigt sich, dass Putin ein gewiefter Taktiker ist, der das gute Gefühl hat für den richtigen Moment. Seine strategischen Ziele aber sind in Syrien, im Gegensatz zum Ukraine-Konflikt, schwer zu verstehen.»

Legende: Video Einschätzungen von Pascal Weber, SRF-Korrespondent in Beirut abspielen. Laufzeit 01:30 Minuten.
Aus 10vor10 vom 30.09.2015.

SRF-Korrespondent Pascal Weber, Beirut: «Assad ist immer mehr in Bedrängnis geraten. Wenn wir das strategisch anschauen, dann ist Assad in seinem Kerngebiet an der Mittelmeerküste entlang in Gefahr.

Die Anti-Assad-Truppen werden dabei von der Türkei unterstützt. Und weil die Türkei immer noch eine No-Fly-Zone befürwortet, musste Russland befürchten, dass eine solche ad hoc eingesetzt werden könnte. Eine Flugverbotszone hatte in Libyen bereits die Rebellen unterstützt und letztlich Gaddafi gestürzt. Ein solches Szenario fürchtet Russland möglicherweise und ist darum eingeschritten. Ausserdem hatte Assad bereits im Sommer in Interviews gesagt, dass seine Kräfte schwinden, um das ganze Land zu beherrschen.»

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

54 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Marcel Chauvet (xyzz)
    @Hans Bernoulli: Neben den USA und Saudi-Arabien ist auch die Türkei ein Assad Gegner. Und Putin gießt bei diesem Teufelsgebräu in unverantwortlicher Weise Öl ins Feuer. Wenn es gegen den Westen geht, ist ihm jedes Mittel recht. Aber wie gesagt, das kann ins Auge gehen. Hätte er wirklich gute Absichten wie er behauptet, müsste er Bodentruppen gegen den IS einsetzen. Aber in seiner feigen und hinterhältigen Art wird er das niemals tun.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von A. Schulze (A. Schulze)
      @Chauvet. Genauso feige und hinterhältig ist nach Ihrer Argumentation dann auch die NATO. Da sie auch keine Bodentruppen einsetzt. Also haben wir auch keine guten Absichten mit unserer westlichen Anti-IS Koalition. Ihre Logik.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      @Schulze: Sie sind doch auch jemand, der den Westen verteufelt und Putin als Strahlemann mit Gloriole lobpreist. Also könnten selbst Sie doch von Putin mal ein besseres Engagement erwarten. Aber Putin ist alles andere als ein Menschenfreund, dem geht es ja nur um Russen-Vormachtstellung im Nahen Osten. Unzählige Tote und Flüchtlinge säumen also weiterhin den politischen Weg Putins. Er geht buchstäblich über Leichen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      @Schulze: Ihre Logik geht ins Leere. Putin verfolgt im Nahen Osten eigene Ziele, nämlich dem Mordbuben Assad zu helfen und sein Terror-Regime am Leben zu erhalten, um damit eine Vormachtstellung zu erlangen und die Russen-Militärbasis am Mittelmeer aufzurüsten. An der Terrormiliz IS, so die Denke Putins, hat sich bisher der Westen die Finger verbrannt, also soll er das auch weiterhin tun.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      Die Kritik an Handlungen einer Seite bedeutet meistens nicht das "Zujubeln" für die Gegenseite, M.Chauvet. Manchmal braucht es differenzierte Sichtweisen - es gibt nämlich nicht nur schwarz und weiss. Kennen Sie den genauen Unterschied zwischen Rebellen und Terroristen? - Oder kommt das einfach auf die Parteinahme an??? Mal so - mal so??? Es gibt auch Standpunkte gegen alle Kriege. Der Krieg gegen den IS scheint mir heute der einzig legitime.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    5. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      @ mitula: "Kampf gegen den IS als einzig legitim" ? Das ist es ja gerade, was Putin nicht tut. Er verfolgt zusammen mit sein Freund Assad seine eigenen Ziele. Das ist auch der Grund, warum er es verabscheut mit dem Westen konzertiert zusammen zu arbeiten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Verena Eberhard (Verena Eberhard)
    Na ja welcher Blödsinn wird nun wieder erzählt. Wenn sich der Westen nicht in jeden Bürgerkrieg einmishen würde, hätten wir keine Flüchtlinge. Was würden die Schweizer sagen, wenn plötzlich die EU mit Waffen uns ihren Willen aufzwingen würde.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Jürg Baltensperger (Baltensperger)
      @Eberhard: Ihre Aussage halte ich für komplett falsch. In Syrien kämpfen Assad gegen Rebellen gegen IS und umgekehrt. Dies ganz ohne Zutun der EU oder sonstjemandem. Die Bevölkerung steht zwischen diesen Fronten. Glauben Sie mir, auch Sie würden fliehen wollen! Ich bitte Sie um etwas Menschlichkeit diesen Opfern eines Krieges gegenüber. Mit ihnen Politik zu machen ist schändlich.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Marc Hofer (M. Hofer)
      So wie es Putin in der Ostukraine gemacht hat?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      @J.B: Es ist eine Tatsache, dass einge Rebellengruppen gegen Assad zumindest von Saudi-Arabien und den USA trainiert und aufgerüstet wurden. Es gibt genügend Hinweise, dass diese Unterstützung nicht nur gemässigten Rebellen zu gute kam. Ebenfalls bekannt ist, dass die USA, SA u.a. Assad weg haben wollten. Ohne Dazutun der USA u. SA wäre es niemals zu solcher Gewalt in Syrien gekommen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      Frage an J.Baltensperger: Wie unterscheiden Sie "gute" und "böse" Rebellen? Sind diejenigen Rebellen, die durch CIA trainiert und ausgerüstet worden sind die Guten? und wenn sie aus Mudschaheddin zu Taliban werden - plötzlich die Bösen? Ein Diktator wie Assad darf nicht mit Krieg bekämpft werden, denn Krieg bringt dem ganzen Volk Elend. Ein Diktator muss greichtlich zur Rechenschaft gezogen werden - jedenfalls wenn man den westlichen Werten folgen will.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Tobias Waibel (Tobias Waibel)
    Dass SRF immer sehr einseitig berichtet, kennen wir ja schon vom Ukraine-Konflikt. Auch die "Experten" werden immer entsprechend ausgesucht. Grundsätzlich habe ich keine Probleme damit, es gibt ja glücklicherweise zumindest im Internet noch unabhängige Quellen. Es kann aber nicht sein, dass ich das ganze mit meinen Zwangsgebühren finanzieren muss. Soll doch die USA / Nato für ihre Propaganda selber bezahlen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen