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International Russlands Leichtathleten droht Ausschluss von Olympischen Spielen

In der russischen Leichtathletik-Szene herrscht offenbar eine tief verwurzelte Doping- und Betrugskultur bis in höchste Ämter vor. Das Land soll deshalb aus dem Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF ausgeschlossen werden – das fordert eine Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).

Legende: Video Russland soll ausgeschlossen werden abspielen. Laufzeit 04:34 Minuten.
Aus Tagesschau vom 09.11.2015.

Eine unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hat in Genf den Ausschluss des russischen Leichtathletik-Verbandes (Araf) aus dem Weltverband IAAF gefordert. Grund: Die Nicht-Einhaltung des Anti-Doping-Codes.

«Tief verwurzelte Betrugskultur»

«Es ist schlimmer, als wir dachten», sagte der Kommissionsvorsitzende Richard Pound in Genf. Gemäss dem ehemaligen Wada-Präsident und IOC-Vize wurde das systematische Doping-System offenbar von höchsten Stellen der Moskauer Regierung gedeckt. «Sie können es nicht nicht gewusst haben.»

Systematische Dopingkultur im russischen Sport, ein Korruptionsgeflecht mit der IAAF-Spitze und sogar das Mitwirken des russischen Geheimdienstes FSB: Die Wada-Kommission sieht es als erwiesen an, dass in der russischen Leichtathletik eine «tief verwurzelte Betrugskultur» geherrscht habe. Zudem bestätigte der Bericht Korruption und Bestechung auf höchster Ebene der IAAF.

Lamine Diack
Legende: Diack wurde bereits von der französischen Justiz wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche angeklagt. Keystone

Schwere Vorwürfe gegen Ex-IAAF-Präsident

Drahtzieher bei der IAAF soll der langjährige Präsident Lamine Diack sein. Gegen den 82-jährigen Senegalesen und weitere Beschuldigte, darunter zwei seiner Söhne, wurde in der vergangenen Woche in Frankreich wegen des Verdachts der Korruption und Bestechlichkeit ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Kommission hatte den staatlichen Ermittlern entsprechende Hinweise gegeben. Die Beschuldigten sollen gegen Zahlung von mehr als einer Million Euro positive Dopingproben vertuscht haben.

«Die unabhängige Kommission hat systematische Fehler innerhalb der IAAF und in Russland identifiziert, die die Möglichkeit eines effektiven Anti-Doping-Kampfes vermindern», hiess es in dem Bericht der Kommission unter der Leitung des ehemaligen Wada-Präsidenten Richard Pound: «Dies geht bis zu dem Punkt, dass weder die Araf, die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada) noch die russische Föderation als regelkonform mit dem Wada-Code angesehen werden können.»

Sanktionen gegen fünf Sportler

Auf insgesamt 320 Seiten zerstört der Bericht der Kommission jeden noch vorhandenen Rest an Glaubwürdigkeit in den russischen Sport und die Arbeit des Weltverbandes IAAF. Und er enthüllte dabei Mafia-Methoden, die die Sportwelt bis ins Mark erschüttern. Schliesslich offenbarte der Bericht selbst im Vergleich zur Krise im Fussball-Weltverband Fifa eine neue Dimension.

Erstmals wurde nachgewiesen, dass ein Weltverband durch die Vertuschung positiver Dopingproben selbst dafür sorgte, dass die Ergebnisse internationaler Wettbewerbe verfälscht wurden. So hätten unter anderem die spätere 800-m-Goldmedaillengewinnerin Marina Sawinowa nicht in London an den Start gehen dürfen. Die unabhängige Kommission befürwortet in ihrem Bericht eine lebenslange Sperre wegen Dopings. Insgesamt forderte die Kommission Sanktionen gegen fünf Sportler, vier Trainer und einen Mediziner sowie Nachuntersuchung in zahlreichen weiteren Verdachtsfällen.

Legende: Video Kommissionsleiter Pound: Keine Olympischen Spiele für Russland abspielen. Laufzeit 00:09 Minuten.
Aus News-Clip vom 09.11.2015.

Moskauer Labor zerstörte Proben

Heftig beschuldigt wurden auch das Moskauer Anti-Doping-Labor und dessen Chef Gregori Rodschenkow. Nach Angaben der Kommission sei das Labor nicht in der Lage, eigenständig zu handeln, Mediziner und Laborpersonal hätten den Betrug ermöglicht. Zudem seien «mut- und böswillig» mehr als 1400 Proben zerstört worden, nachdem die Wada-Zielkontrollen angeordnet hatte. Dem Labor soll die Akkreditierung entzogen und Rodschenkow «dauerhaft» von seinem Posten entfernt werden.

Sollte die Wada das Massnahmenpaket der Kommission übernehmen und offiziell an die IAAF und das Internationale Olympische Komitee weiterreichen, läge ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte des Sports in der Luft: der Ausschluss eines kompletten Landesverbandes von internationalen Wettbewerben wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen.

Wenig Spielraum für harmlose Sanktionen

Unabhängig vom Fortgang der Dinge setzt der Paukenschlag der Kommission die Wada, die IAAF und auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) enorm unter Druck. Denn die Untersuchungsergebnisse übertrafen die schlimmsten Befürchtungen und lassen den grossen Organisationen wenig Spielraum für harmlose Sanktionen.

Spannend wird nun die Frage sein, wie die verantwortlichen Stellen den Massnahmenkatalog des Berichts umsetzen. IAAF-Präsident Sebastian Coe zeigte sich jedenfalls von den neuen Erkenntnissen alarmiert und kündigte an, dass sich das Council seines Verbandes mit der Frage nach Sanktionen gegen Russland beschäftigen werde.

Interpol nimmt Ermittlungen auf

Derweil nahm Interpol im Zuge des Skandals Ermittlungen auf. Die länderübergreifende Polizei-Behörde gab kurz nach der Präsentation der Kommissions-Ergebnisse bekannt, dass sie eine weltweite Untersuchung unter französischer Leitung koordinieren werde. Interpol will mit Behörden in allen Ländern zusammenarbeiten, die von dem Skandal betroffen seien.

Reaktion aus Russland

Russland hat die Forderung der Wada nach drakonischen Strafen für die russische Leichtathletik in ersten Reaktionen als politisch motiviert zurückgewiesen. Zugleich wies Sportminister Witali Mutko darauf hin, dass die Wada zwar Empfehlungen aussprechen könne, aber niemanden selbst von Wettbewerben ausschliessen könne.

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40 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Man google mal "cia drogen" oder "usa doping scandal" .... Also da ist wohl niemand wirklich besser als der andere bezüglich Drogen- und Betrugskultur... Bemerkenswert die Beissfreudigkeit, wenn es sich um Betriebe, Länder, Organisationen usw. handelt, welche nicht zum "US-Freundeskreis" gehören und die Beisshemmung, wenn es sich um die USA und deren Verbündete oder Freunde handelt...
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    1. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      @Bernoulli: Antwort siehe eins weiter unten "Schweine, die sich im Schlamm suhlen......."etc.pp. Aber mich würde schon Ihre Meinung zu obiger Rubrik sehr interessieren. Wenn die USA wieder mal aufgrund aktueller Ereignisse als Sau durchs Dorf getrieben wird, können Sie sich ja dann dazu äußern. Jedes Ding hat seine Zeit.
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    2. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      @ MC: Es geht nicht darum, Tatsachen schön zu reden oder zu relativieren. Es geht um die Berichterstattung, die damit transportierte Emotionalitätund und die Heftigkeit der Massnahmen, welche die einen aber nicht die anderen treffen... Es geht wie ich geschrieben haben um Beissfreudigkeit und Beisshemmung, die ganz offensichtlich nicht für alle gleich sind.
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  • Kommentar von Marcel Chauvet (xyzz)
    @Stanic Drago: Wenn ich Ihre Statements lese, kommt es mir vor, als ob die Schweine, die sich im Schlamm suhlen, gucken, welche Sau nun denn die dreckigste von allen sei und der es gilt, nachzueifern.
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  • Kommentar von Albin Schleiss (albino)
    ....wann kommt Fussball Doping ?!
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