Russlands neues Tor ins Weltall – das Kosmodrom Wostotschny

Die Sojus-Trägerrakete auf der Startrampe des neuen Weltraumbahnhofs Wostotschny ist gestartet. Es geht weniger um die drei Satelliten an Bord. Viel wichtiger ist das Zeichen, das mit dem neuen Raketenstartgelände gesetzt wird: Russland hat ein neues Tor zum Weltall. Die wichtigsten Fakten.

Luftbild auf das Raketen-Startgelände in Wostotschny.

Bildlegende: Für das Startgelände wurden während sechs Jahren riesige Infrastrukturbauten in Wostotschny realisiert. roscosmos

Wo liegt das Kosmodrom Wostotschny?

Der russische Weltraumbahnhof, auch Kosmodrom Wostotschny («Östlicher Weltraumbahnhof») genannt, liegt in der Region Amur im Süden Sibiriens, rund 100 Kilometer nord-östlich der Grenze zu China. Rund 900 Kilometer weiter im Osten liegt das Japanische bzw. Ochotskische Meer, getrennt von Sachalin, der grössten Insel Russlands. Der neue Weltraumbahnhof entstand auf dem Gelände des ehemaligen Militärkosmodroms Swobodny, das von 1996 bis 2007 in Betrieb war, aber wenig benutzt wurde.

Warum so weit im Osten Russlands?

Weltraumbahnhöfe liegen idealerweise in der Nähe des Äquators. Wegen der Erdrotation muss eine Rakete am Äquator mit weniger Energie beschleunigt werden, damit sie die Erdanziehung überwinden kann. Darum werden Raketen in Richtung der Erdrotation nach Osten gestartet. Von Wostotschny in Richtung Ost liegen fast 1000 Kilometer dünn besiedeltes Gebiet, dann die Insel Sachalin, das Ochotskische Meer und schliesslich die Halbinsel Kamtschatka – alles russisches Territorium.

Nach dem Start fliegt eine russische Rakete somit nur im eigenen Luftraum und bei einem Fehlstart und dem Absturz von Raketentrümmern wären die Schäden überschaubar. Mit dem Bau wurde zudem ein Wirtschaftsförderungsprogramm im fernen Osten Russland gestartet, das Arbeitsplätze für hochqualifizierte Mitarbeiter und Wissenschaftler schafft.

Wie verlief der Bau des Weltraumbahnhofs Wostotschny?

Startgebäude für eine Sojus-Rakete im Kosmodrom Wostotschny.

Bildlegende: Ein neu gebauter Startturm für eine Sojus-Rakete im Kosmodrom Wostotschny. roscosmos

Im November 2007 hat Russlands Präsident Wladimir Putin den Erlass für den Bau des «Östlichen Weltraumbahnhof» unterzeichnet. Der Spatenstich auf dem ehemaligen Militärkosmodroms Swobodny, rund 8000 Kilometer östlich von Moskau, erfolgte 2010. Die Inbetriebnahme war bereits für 2015 geplant.

Wegen Korruption verzögerte sich aber die Fertigstellung. Zudem waren Arbeiter wegen ausstehender Löhne wiederholt in Streik getreten. Putin persönlich verschob im Oktober den ersten Starttermin ins Jahr 2016. Eröffnet wurde die Anlage am 12. April, am 55. Jahrestag des ersten Raumflugs des Kosmonauten Juri Gagarin, der die Erde damals in rund 100 Minuten einmal umrundete.

Braucht es den Weltraumbahnhof Baikonur nicht mehr?

In der ehemaligen Sowjetunion starteten seit 1957 Raketen vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Der weltweit grösste Raktenstartort heisst eigentlich Tjuratam und liegt in Kasachstan.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Kasachstan 1991 unabhängig und Russland verlor damit «seinen» Weltraumbahnhof. Seit 1994 pachtete Russland das Gelände. Der Pachtvertrag läuft bis 2050. Aus geopolitischen Gründen wollte Russland die Abhängigkeit von Kasachstan verringern und begann 2010 mit dem Bau eines Kosmodroms auf eigenem Staatsgebiet.

Wohin fliegen die russischen Raketen von Wostotschny?

Russland sieht Wostotschny als sein neues Tor ins Weltall. Von hier aus soll erstmals ein Kosmonaut zum Mond fliegen. Russland plant zudem später auch bemannte Missionen zum Mars. Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos will auch in Zukunft mit der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) zusammenarbeiten um auf dem Mond nach Wasser zu suchen. Später soll mit dem ExoMars-Progamm eine Sonde, gestartet mit einer russischen Proton-Rakete, die Atmosphäre des Planeten Mars untersuchen. Ursprünglich sollten bereits 2018 Kosmonauten ins All fliegen.

Was für Raketen werden von Wostotschny aus gestartet?

Ein Sojus-Rakete steht auf der Startrampe in Baikonur.

Bildlegende: Startvorbereitungen für eine Sojus-Trägerrakete. roscosmos

Die erste Rakete, die am 27. April starten soll, ist eine Sojus-2 (Sojus-2.1a/Volga), die drei Satelliten transportieren soll.

Die Sojus-Raketen mit einer Startmasse von rund 300 Tonnen wurden bislang nur von Baikonur aus gestartet und versorgten unter anderem auch die Internationale Raumstation ISS.

Die schwerere Angara 5 mit einer Startmasse von 770 Tonnen soll erst ab 2023 in Wostotschny starten. Sie soll Nutzlasten zwischen 1,5 und 35 Tonnen ins All transportieren können.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Russische Rakete in Sibirien

    Aus Tagesschau vom 28.4.2016

    Die stolze Raumfahrt-Nation Russland will künftig Raketen vom eigenen Territorium aus starten. Heute wurde eine erste Träger-Rakete mit drei Satelliten abgeschossen.