«Saudi-Arabien muss sich erklären»

Salman spricht zur Nation – die Welt hört zu. So zumindest die Hoffnung. Denn das Wüstenkönigreich spielt politisch, militärisch und ideologisch eine zwiespältige Rolle in den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten. Unser Korrespondent Fredy Gsteiger sieht Klärungsbedarf.

König Salman.

Bildlegende: Zögerlich, aber offenbar reaktionärer als sein Vorgänger: Der 79-jährige Salman gibt Rätsel auf. Keystone

SRF News: Was ist von der Rede für heute angekündigte Salmans zu erwarten?

Fredy Gsteiger: In Saudi-Arabien selber sind die Erwartungen relativ hoch. Der König wird sie vor der beratenden Versammlung, der Madlisch asch-Schura, halten. Deren Vorsitzender hat bereits angekündigt, er gehe davon aus, die Rede werde eine Art «Roadmap» für Saudi-Arabien sein. Also zumindest ein Regierungsprogramm. Saudische Medien berichten, der König wolle sich innenpolitisch, wirtschaftspolitisch und aussenpolitisch äussern – also wirklich die ganze Palette.


Fredy Gsteiger zu Salmans bevorstehender Rede

4:26 min, aus SRF 4 News aktuell vom 23.12.2015

Tatsache ist: Im Zusammenhang mit Saudi-Arabien und dem Kurs, den das Wüstenkönigreich steuern will, sind sehr viele Fragen offen: Was will Saudi-Arabien künftig für ein Staat sein? Wird es irgendwann eine Abkehr vom Feudalsystem geben? Und eben auch die Frage, was der neue König eigentlich will. Er ist mittlerweile ein Jahr im Amt, trotzdem weiss man noch sehr wenig über ihn.

Wie ist Salman denn bisher in Erscheinung getreten?

Hauptsächlich fällt einem der Begriff «zögerlich» ein. Man hat nicht den Eindruck, dass da wirklich ein energischer König an der Macht ist. Das hängt auch damit zusammen, dass er zwar neu als König ist, aber alt an Jahren – Salman ist rund 80-jährig. Er hat viele Jahrzehnte Politik auf dem Buckel. Er gilt als gesundheitlich angeschlagen. Und während man von seinem Vorgänger Abdullah den Eindruck hatte, dass er eine Art Reformer sei, wenn auch ein sehr zögerlicher, weiss man das bei Salman noch nicht so richtig. Es überwiegt der Eindruck, dass Salman wesentlich konservativer ist als sein Vorgänger.

Das äussert sich etwa darin, dass er nach wie vor nicht bereit ist, den weltweit bekannten Blogger Raif Badawi, der letzten Woche den Sacharow-Menschenrechtspreis bekommen hat, zu begnadigen. Sein Vorgänger Abdullah hätte das wahrscheinlich getan. Salman scheint relativ viel Energie darauf zu verwenden, dass einer seiner Söhne aus seinem Zweig der Saud-Familie die Nachfolge übernimmt. Hingegen hat man politisch noch nichts Visionäres oder Perspektivisches von Salman gehört.

«  Man möchte wissen, ob Saudi-Arabien die Förderung fundamentalistischer, reaktionärer Tendenzen im Islam aufgibt.  »

Saudi-Arabien steht international wegen seiner offensiven Militärpolitik in der Kritik. Wie wichtig ist es, dass Salman dazu Stellung bezieht?

Es ist sehr wichtig. Man hofft auch, dass er das tut. Denn dann könnte man ein bisschen klarer sehen, wohin die Reise von aber auch mit Saudi-Arabien geht. Das Land ist schlichtweg wichtig – wegen seiner gigantischen Gelder, die es verteilen kann; wegen seiner regionalen Rolle; und auch seiner ideologischen Rolle als sunnitische Führungsmacht. Man hätte von König Salman gerne Antworten auf viele Fragen. Etwa darauf, wie es im Jemen-Krieg weitergehen soll.

Saudi-Arabien unterstützt dort die Regierung gegen die Huthi-Rebellen, das Ganze verläuft aber nicht wirklich erfolgreich. Weiter möchte man wissen, was Saudi-Arabien im Zusammenhang mit einer Syrien-Lösung denkt. Das Land hat dort Einfluss auf viele Gruppierungen und muss eine Rolle spielen. Zuletzt möchte man von Saudi-Arabien auch wissen, ob es endlich eine Abkehr von der Förderung fundamentalistischer, reaktionärer Tendenzen im Islam gibt. Denn diese legen letztlich die Basis für den Terrorismus in der ganzen Welt.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

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