Schlechte Aussichten für Friedensgespräche in Afghanistan

Die afghanische Regierung und ihre Alliierten haben die Taliban zu Friedensgesprächen eingeladen. Doch angesichts der militärischen Erfolge der Gotteskrieger in den letzten Monaten sei die Aussicht auf einen Erfolg gering, sagt Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig.

Symbolbild: Ein Aussichtsposten der afghanischen Armee über einem breiten Tal, ein Soldat blickt unter einer Afghanistan-Flagge in die Ebene.

Bildlegende: Im schwierigen afghanischen Gelände ist die Armee gegen die Taliban oftmals auf verlorenem Posten. Reuters

Wer in Afghanistan Frieden will, muss mit den radikalislamischen Taliban an einen Tisch sitzen. Das glauben inzwischen auch die USA, China, Pakistan und die afghanische Regierung. Sie bilden die Friedensallianz für Afghanistan. Derzeit trifft sich das Gremium in Kabul. Es wird vermutet, dass es bald ein Datum für neue Friedensgespräche mit den Taliban bekannt gibt.

Derweil sind die Gotteskrieger in Afghanistan weiter auf dem Vormarsch. Es scheint sogar, als ob die afghanische Regierung in der Defensive ist, seit ein Grossteil der westlichen Truppen das Land verlassen hat.

Entsprechend dürfte die Bereitschaft für Gespräche bei den Taliban eher klein sein, wie auch Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig im Gespräch vermutet. Zumal in Kürze ihre alljährliche Frühjahrs-Offensive beginnen dürfte, die angesichts der derzeitigen Kräfteverhältnisse die Taliban noch näher an ihr Ziel bringen könnte: Eine Machtübernahme in Kabul.

«  Am besten wäre es wohl, sich mit den Taliban auf eine Machtteilung zu einigen.  »

SRF News: Afghanistans Regierung und ihre Alliierten wollen möglichst rasch Friedensgespräche mit den Taliban aufnehmen. Können wir damit schon in den nächsten Tagen rechnen?

Thomas Ruttig: Ich bin nicht sehr optimistisch. Schon allein deswegen, weil die Einladung zu den Gesprächen in sehr undiplomatischer Form veröffentlicht worden ist. Man hat die Taliban dazu aufgefordert zu kommen – ich weiss nicht, ob sie dem Ruf einfach so folgen werden. Bislang haben sie es stets abgelehnt, direkt mit der Regierung zu sprechen, so lange ausländische Truppen im Land sind.

Nach dem Tod ihres Chefs Mullah Omar galten die Taliban als zerstritten. Sind sie sich in ihrer Haltung inzwischen einig, ob sie Friedensgespräche wollen oder nicht?

Der Tod Mullah Omars war tatsächlich ein Schock für die Taliban und es gab danach gewisse Spaltungstendenzen. Doch das hat sich inzwischen weitgehend konsolidiert. Es gibt nun eine grosse «Mainstream»-Fraktion der Taliban und eine kleine Dissidenten-Gruppe, die sich aber nicht offiziell abgespalten hat. Zudem gab es schon immer Streit innerhalb der Taliban, ob man eine Strategie der Gespräche vorantreiben oder ob der militärische Kampf Priorität haben soll. Derzeit haben die Taliban militärisch Oberwasser und einge Geländegewinne erzielt. Insofern befinden sie sich eher nicht in einer Phase, in der sie wirklich reden wollen. Zwar ist der Druck zu Gesprächen gross, doch die Taliban sind nicht sehr gut darin, auf solchen Druck zu reagieren. Andererseits sind sie in gewissem Masse von Pakistan abhängig, das jetzt den Druck zu Gesprächen ausübt. Doch wenn man Friedensgespräche zu einem guten Abschluss bringen will, müssen alle Beteiligten aus eigenem Antrieb dazu bereit sein.

Dem jetzigen Taliban-Chef Mullah Mansur werden enge Verbindungen zu Pakistan nachgesagt. Was kann der Druck aus Pakistan zur Aufnahme von Gesprächen nun bewirken?

Pakistan kann nicht nur politisch auf die Taliban einwirken, sondern könnte auch verhindern, dass die Gotteskrieger Pakistan als Rückzugsgebiet oder Ausgangsgebiet für Operationen in Afghanistan nutzen können. Dies müsste allerdings auch in die pakistanische Strategie passen. Islamabad denkt weit in die Zukunft voraus, in eine Zeit, da die ausländischen Truppen vollständig auf Afghanistan abgezogen sein werden. Und da sind die Taliban für Pakistan eine wichtige Karte im strategischen Spiel in der Region. Dieses dreht sich nicht nur um Afghanistan, sondern auch um Indien.

Wenn Taliban und die afghanische Regierung trotz allem Friedensgespräche aufnehmen sollten: Unter welchen Umständen wären erfolgreiche Gespräche denkbar?

Sicher müssten die Taliban freiwillig zu den Verhandlungen kommen. Die Einsicht, dass es besser ist für das Land, den Krieg zu beenden, müsste auch bei ihnen Motivation für echte Gespräche sein. Auch sollte bei allfälligen Gesprächen nicht allzu viel Druck auf die Taliban ausgeübt werden. In den vergangenen 15 Jahren ist viel Vertrauen verspielt worden, Gesprächsversuche wurden jeweils mit grossem Misstrauen beendet. Zuerst muss nun ein Kapital aus gegenseitigem Vertrauen aufgebaut werden. Sowohl Regierung wie Taliban müssen dafür etwas tun. Letztere operieren immer wieder mit terroristischen Methoden, bei denen viele afghanische Zivilisten ums Leben kommen, behaupten aber, sie würden die Afghanen schützen. Das müssten die Taliban aber erst beweisen, damit sie als verlässliche Partei in solche möglichen Gespräche gehen könnten – sofern sie denn dazu bereit wären.

«  Islamabad könnte verhindern, dass die Taliban Pakistan als Rückzugsgebiet nutzen. »

Die Taliban fordern als eine ihrer Vorbedingungen für Gespräche, dass alle ausländischen Truppen das Land verlassen müssen. Wieso tut das der Westen nicht einfach? Traut man den Taliban nicht?

Natürlich nicht. Die Taliban sind ein starker militärischer Faktor bei den anhaltenden Kämpfen. Deshalb will die afghanische Regierung nicht, dass die Soldaten vollständig abziehen, und auch die Bevölkerung will in der Mehrheit, dass die ausländischen Soldaten im Land bleiben. Sie fürchten, dass die Taliban die Macht übernehmen könnten und erneut ein rückständiges Regime errichten würden. Zwar haben sich die Taliban etwas geöffnet; das betrifft etwa den Zugang für humanitäre Organisationen in der Entwicklungszusammenarbeit oder die Bildung für Mädchen. Doch diese kleinen Schritte müssen zuerst den Praxistest bestehen. Am besten wäre es wohl, sich auf eine Machtteilung in Kabul zu einigen. Doch man könnte nicht sicher sein, dass dies beide Seiten wirklich ehrlich meinen würden.

Wird es für Afghanistan in dem Fall keinen Frieden geben, wenn man die Taliban nicht irgendwie an der Macht in Kabul beteiligt?

Ja, aber die Taliban müssten auch bereit sein, in einem pluralistischen Staatsgebilde konstruktiv mitzuarbeiten und ihre eigenen Interessen nicht in den Vordergrund zu stellen, sondern jene der Bevölkerung. Denn die Haltung der Menschen in Afghanistan ist klar: Sie wollen, dass der Krieg, der nun schon seit 35 Jahren anhält, endlich zu Ende geht.

Das Gespräch führte Andrea Christen.

Bildung in Afghanistan

Thomas Ruttig

Thomas Ruttig

Ruttig ist Mitbegründer und Co-Direktor des «Afghanistan Analysts Networks», eines unabhängigen Think Tank mit Sitz in Kabul und Berlin. Er beschäftigt sich seit den 1980er-Jahren mit Afghanistan, er hat über zehn Jahre dort gelebt und gearbeitet.

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