Zum Inhalt springen

International «Schlepper haben schon Kinder über Bord geworfen»

Laut zwei Überlebenden des letzten Flüchtlingsdramas im Mittelmeer sollen Schlepper ein Boot mit rund 500 Menschen absichtlich gerammt haben. Christopher Hein vom italienischen Flüchtlingsrat hält das für wahrscheinlich – und fordert die Wiedereinführung des Botschaftsasyls.

Legende: Video Skrupellose Methoden der Schlepper abspielen. Laufzeit 3:20 Minuten.
Aus 10vor10 vom 16.09.2014.

Nach dem Untergang eines Schiffes mit vermutlich 500 Flüchtlingen im Mittelmeer haben Rettungskräfte bislang insgesamt nur zehn Überlebende geborgen. Zudem seien drei Leichen entdeckt worden, teilte die Internationale Organisation für Migration IOM in Rom mit. Sie berief sich dabei auf Angaben aus Italien, Malta und Griechenland. Demnach wurden zwei der Überlebenden nach Malta gebracht, sechs nach Kreta und zwei weitere nach Sizilien.

Bei den nach Sizilien gebrachten Flüchtlingen handelt es sich um die beiden 27 und 33 Jahre alten Palästinenser, die der IOM als erste vom Untergang ihres Schiffes am Mittwoch vergangener Woche berichtet hatten. Die Organisation geht von bis zu 500 Vermissten aus.

«Die Schlepper können absolut brutal sein»

Den geretteten Palästinensern zufolge war das Flüchtlingsschiff mit Menschen aus Syrien, Ägypten, dem Sudan und den Palästinensergebieten am 6. September vom ägyptischen Hafen Damietta aus aufgebrochen. Während der Fahrt hätten die Passagiere mehrmals das Boot wechseln müssen. Als sie sich am Mittwoch geweigert hätten, in ein noch kleineres Boot zu steigen, hätten die wütenden Schleuser das Schiff absichtlich gerammt. Vor Malta sei das Schiff untergegangen. Die beiden Palästinenser wurden am folgenden Tag von einem Frachter aus dem Meer gerettet.

Christopher Hein, Direktor der Nichtregierungsorganisation italienischer Flüchtlingsrat hält die Schilderung der Überlebenden für glaubwürdig. «Bestätigen kann ich das nicht. Aber wir wissen von vielen früheren Ereignissen im Mittelmeerraum, dass die Schlepper absolut brutal sein können. Dass sie Menschen einfach über Bord geworfen haben, Kinder über Bord geworfen haben, schwangere Frauen über Bord geworfen haben.»

Nordische Länder blockieren Botschaftsasyl

Die EU sei angesichts der unzähligen Flüchtlinge, die trotz der Gefahr die Reise nach Europa antreten, in der Verantwortung. «Man kann die Flüchtlinge nicht davon abhalten, ihre Zukunft an einem sicheren Ort zu suchen. Es gibt keine Mauern, keine Barrieren, die das leisten könnten.» Also müsse man Möglichkeiten eines legalen Zugangs zu Europa eröffnen, sagt Hein. «So wie das die Schweiz bis 2012 mit dem Botschaftsasyl gemacht hat. Sie wurde aber darin von Europa allein gelassen und hat diese Möglichkeit wieder abgeschafft.»

Es gebe den Willen von einigen Ländern, diese Möglichkeit wieder einzuführen. Das Vorhaben werde aber von anderen Ländern blockiert, die weiter weg vom Mittelmeer seien. Trotz all dieser Dramen hätten diese die Dramatik der Situation noch nicht verstanden, sagt Hein. «Was bleibt, ist die Hoffnung auf den Druck der öffentlichen Meinung, die sagt, ‹das ist eure Aufgabe, eure Verantwortung, da etwas zu unternehmen›.»

Massengrab Mittelmeer

«Die Zahl der Menschen, die vor den Küsten Europas sterben, ist schockierend und inakzeptabel», sagte IOM-Generaldirektor William Lacy Swing mit Blick auf die Tragödien im Mittelmeer. Dabei starben allein in diesem Jahr bereits fast 3000 Flüchtlinge.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

13 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Feld, Basel
    Ein Sudanese, zieht es vor nach Europa zu kommen und nicht z.B. nach Saudi-Arabien, Emirate etc zu fliehen, weil er weiss, dass das Europäische Sozialsystem für ihn finanziell attraktiver ist. Wäre es nicht vorteilhafter, wenn er in ein muslimisches Land flüchten würde? Fazit: Über 90% der Flüchtlinge sind in Wirklichkeit, Wirtschaftsmigranten. Wäre Europa finanziell weniger verlockend, würden die vom Leben bedrohten Flüchtlinge in ein näherliegendes muslimische Land flüchten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Albert Planta, Chur
    Die Flüchtlingsdramen schreibe ich der globalisierten und vernetzten Welt zu. Es ist den Leuten in Afrika oder gar in Kriegsgebieten schwer, glaubhaft zu erklären, dass sie nun halt auf der Schattenseite des Lebens stehen. Es wäre an den westlichen Staaten sich vermehrt mit diesen Problemen zu befassen und Druck auf die meist korrupten Regierungen auszuüben.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von M.Schmid, Bern
      Naja, so neu ist das nicht. Die meisten Länder der Welt -auch wir- haben Flüchtlingen häufig auch schon nicht oder nur weit unter den eigentlich existierenden Möglichkeiten geholfen, als die Nachbaren grosse Katastrophen und Kriege hatten. Dass man wirklich auch nur annähernd bis zu den eigentlichen Möglichkeiten aushilft, das passiert selten - egal ob zu Hause oder vor Ort. Meiner Meinung nach ist das das eigentliche Problem, nicht dass es auch in fernen Ländern Probleme gibt.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Karl Müller, Düdingen
      Das mit den westl. Staaten und Druck ausüben geht meist in die Hose (s. Libien, Irak, Syrien, Sudan und Eritrea). Die Einflussnahme des Westens hat dort die Lage destabilisiert. Wo die Regierung gestürzt wurde hat sich ein Machtvakuum gebildet, in welchem sich gut organisierte Extremisten wohl fühlen und die Bevölkerung terrorisieren. Uebrigens: auch diese Gruppen wollen vor allem eines: Geld. Damit geht es Ihnen besser als dem Rest der Bewohner.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ch. Gerber, Basel
    Und solche Menschen erhalten u.a. von unseren Linken noch unterstützung. Mir tun alle Menschen leid, die nicht überlebt hatten, doch für richtig massnahmen gibt es wiederstand von links. Nun, es wir noch weitere Tode gaben...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen