Schweizer Mandat auf Kuba: Schon länger eher eine formelle Sache

Während über 50 Jahren vertrat die Schweiz im kommunistischen Kuba als Schutzmacht die Interessen der USA. Mit der Eröffnung der US-Botschaft am Montag endet auch das Schweizer Mandat. Botschafterin Anne-Pascale Krauer Müller blickt zurück.

SRF News: Frau Krauer Müller, bereits seit 1977 sind die USA wieder mit einer so genannten Interessensektion in Kuba vertreten. Wenn auch offiziell der Schweizer Botschaft angegliedert. Welche Bedeutung hatte das Schutzmachtmandat zuletzt noch?

Anne-Pascale Krauer Müller: In der Tat war das in den letzten Jahren vor allem noch eine formelle Sache. Sichtbar war das Mandat zum Beispiel noch auf Briefköpfen der US-amerikanischen Interessensektion, die unter dem Namen der Schweizer Botschaft auftrat.

Das heisst, auch die Annäherungen zwischen den USA und Kuba der letzten zwei Jahre kamen ohne die Vermittlung durch die Schweizer Botschaft aus?

Genau. Die Gespräche zwischen den beiden Ländern laufen schon seit mehreren Jahren wieder direkt ab. Davor hat die Schweiz jedoch über viele Jahre durchaus ihren Beitrag an die Annäherung der beiden Länder geleistet.

Den aktuellen Normalisierungsprozess betrachten wir als sehr positiv. An der aktuellen Rolle der Schweiz ändert Botschafts-Eröffnung in der Praxis jedoch aus genannten Gründen kaum etwas. Bis auf einige administrative Dinge natürlich, die noch zu regeln sind.

Anders war die Situation 1961. Die USA und Kuba hatten ihre diplomatischen Beziehungen komplett abgebrochen. Welche Aufgaben übernahm die Schweiz als Schutzmacht damals?

Das Mandat aufgrund des Wiener Übereinkommens sollte ein Minimum an Kommunikation zwischen den Ländern sicherstellen. Eine grosse Bedeutung kam dabei dem Weiterleiten von Dokumenten zu. Beispielsweise während der Verhandlungen zwischen Kuba und den USA über die Meeresgrenze in den frühen 70er Jahren. Oder für ein Abkommen zum Umgang mit Flugzeugentführungen, die sich in jener Zeit gehäuft hatten.

In der ersten Phase des Mandates konnten meine Vorgänger ausserdem mehrfach durch diplomatische Interventionen eine Enteignung des Gebäudes der amerikanischen Interessensektion verhindern. In den sechziger und siebziger Jahren spielte die Schweiz auch eine aktive vermittelnde Rolle zwischen den USA und Kuba im Bereich des konsularischen Schutzes.

Gleich zu Beginn des Mandats 1961 steuerte der Kalte Krieg auf seinen Höhepunkt zu. Die Welt schrammte möglicherweise um Haaresbreite an einem Atomkrieg vorbei. Welche Rolle spielte das Schutzmachtmandat in dieser Phase und dann während der Kubakrise?

Nun, dass die Schweiz mit dem Mandat den Atomkrieg verhindert hätte, kann ich natürlich nicht sagen. Es ist aber bekannt, dass Botschafter Emil Stadelhofer in der heissen Phase des Konflikts 1962 eine wichtige Rolle spielte. Es gelang ihm damals in einer heiklen Mission, Fidel Castro die Botschaft zu überbringen, dass die USA keine Absicht hatten, Kuba zu bombardieren. Solche Beispiele zeigen, dass die Schweiz im Rahmen dieses Schutzmachtmandats insbesondere in dessen erster Phase durchaus wichtige Aufgaben erfolgreich wahrnahm.

Das Interview führte Balint Kalotay.

Botschafterin Krauer Müller neben Schweizer Fahne

SWI

Anne-Pascale Krauer Müller ist seit 2013 Botschafterin in Kuba. Davor war die Lausannerin Schweizer Missionschefin in Lima, Peru.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Schweizer Mandat in Kuba endet

    Aus Tagesschau vom 18.7.2015

    Auch die Beziehungen zwischen den USA und Kuba haben sich markant verbessert: das hat direkte Konsequenzen für die Schweizer Diplomatie. Bislang hat die Schweiz die amerikanischen Interessen in Kuba vertreten, am Montag läuft nun dieses «Schutzmachtmandat» aus.