Wegen «America first» Schweizer Wirtschaft lanciert Charmeoffensive in den USA

Fast eine halbe Million Arbeitsplätze bieten Schweizer Firmen in allen US-Bundesstaaten. Und es sollen noch mehr werden.

«Wie wird Donald Trump mit uns umgehen?» Diese Frage stellen sich viele Länder, die wirtschaftlich mit den USA verbandelt sind. Und die meisten stellen sich gleich eine zweite: «Wie können wir ihn davon überzeugen, nicht allzu unzimperlich mit uns umzugehen?» Die offizielle Schweiz glaubt einen Weg gefunden zu haben: Sie setzt auf Schweizer Firmen, die in den USA Stellen schaffen und Steuern bezahlen.

Martin Dahinden

Bildlegende: Martin Dahinden ist seit Oktober 2014 Schweizer Botschafter in den Vereinigten Staaten. Davor war er DEZA-Chef in Bern. Reuters

Martin Dahinden, Schweizer Botschafter in Washington, hat an der Schweiz Interessierte zu einem Lunch in ein Verwaltungsgebäude des amerikanischen Parlaments eingeladen. Gekommen sind Beamte, Mitarbeiter von Denkfabriken und auch ein paar Politiker.

Der republikanische Kongressabgeordnete Andy Barr stellt seinen Wahlbezirk in Kentucky vor: Dieser sei bekannt für Bourbon, Basketball und Pferderennen, aber auch für die «Hot Pockets» von Nestlé. Die Teigtaschen für die Mikrowelle sind landesweit ein Begriff und geben dort über 1000 Menschen Arbeit.

Vor allem gut bezahlte Jobs geschaffen

Barr ist nicht der einzige Politiker in Washington, der dank Schweizer Unternehmen zufriedene Wählerinnen und Wähler hat. Fast eine halbe Million Arbeitsplätze sind von Schweizer Firmen in allen US-Bundesstaaten geschaffen worden – überdurchschnittlich viele Stellen im höheren Lohnsegment.

«  Die Schweizer Investitionen sind gleich gross wie die deutschen und grösser als die französischen. »

Martin Dahinden
Schweizer Botschafter

Die Schweiz ist bei den Direktinvestitionen die Nummer sieben. «Wir werden zu wenig wahrgenommen», sagt Botschafter Dahinden. «Wer hätte das Gefühl, dass die Schweizer Investitionen in den USA gleich gross sind wie die deutschen Investitionen, und grösser als die französischen?»

Die Schweiz ist für die USA ökonomisch also wichtig. Und das will Dahinden den Entscheidungsträgern in Washington bewusster machen. Er hat die Wirtschaftsdaten in einer Broschüre zusammenstellen lassen.

Abbildung einer Schachtel Hot Pockets.

Bildlegende: Über 1000 Menschen sind in Kentucky mit der Produktion von «Hot Pockets» beschäftigt. Nestlé USA

Die Schweiz ist nicht das einzige Land, das derzeit seine wirtschaftliche Bedeutung für die USA besonders herausstreicht. Japan, Kanada und weitere Länder mit einer einigermassen ausgeglichenen Handelsbilanz tun es ebenfalls – in der Hoffnung, in der Trump-Ära die für beiden Seiten fruchtbaren bilateralen Handelsbeziehungen weiter pflegen zu können.

Trotz markiger Worte, trotz «America First»: Wenn’s nach Andy Barr geht, dann soll alles beim Alten bleiben. Das US-Parlament habe auch noch ein Wort mitzureden, sagt er.

Entwicklung in den USA genau beobachten

Auch andere anwesende Politiker versuchen zu beruhigen: Die geplante Steuerreform sei gut für ausländische Firmen, die Tochterunternehmen in den USA haben, meint der Republikaner George Holding aus North Carolina, einem Bundesstaat, indem sich 55 Schweizer Firmen niedergelassen haben.

Und der Demokrat Jim Himes aus Connecticut sagt, alle hätten inzwischen realisiert, wie unberechenbar Trump sei, und viel, was er im Wahlkampf gesagt habe, komme nun vielleicht doch anders. Nichtsdestotrotz: Schweizer Firmen beobachten genau, was nun geschieht – auch wenn alles noch im Fluss ist.

«  Ich habe Trump zweimal kurz gesehen. »

Martin Dahinden
Schweizer Botschafter

Dennis Kerrigan, Chefjurist des Versicherungskonzerns Zurich in den USA, ist einer der anwesenden Wirtschaftsvertreter. Zurich beschäftigt in den USA 10'000 Leute. Er schaut vor allem, was sich im Steuer- und Handelsbereich verändert: «Handel ist wichtig für uns. Wir sind der zweitgrösste Getreideversicherer in den USA. Falls es zu einem Handelskrieg käme oder wenn der Dollar plötzlich sehr hart würde, würde das unseren Kunden, den Bauern, schaden.» In einer globalisierten Welt seien Firmen wie Zurich auf offene Märkte und Rechtssicherheit angewiesen.

Überzeugungsarbeit bei Entscheidungsträgern

Der Schweizer Botschafter Dahinden hofft, dass beides eine Realität bleibt – im Interesse der Schweiz und der USA. Präsident Trump hat er die Broschüre noch nicht geschickt. «Ich habe ihn zweimal kurz gesehen. Aber ich will vor allem sicherstellen, dass die Leute die in der Administration, die in Handelsfragen arbeiten, und die Kongressabgeordneten wissen, wie wichtig die Schweiz ist.»

Am Anlass waren vor allem jene Politiker, bei denen die Schweiz sowieso schon offene Türen einrennt. Nun wird es Aufgabe des Schweizer Botschafters sein, auch die übrigen Leute an den Machthebeln in Washington davon zu überzeugen, dass gute bilaterale Beziehungen mit der Schweiz auch für die USA eine gute Sache sind.