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International «Seit dem Erdbeben haben wir keinen Appetit mehr»

Mehr als drei Monate sind vergangen, seit Nepal von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde. Die Provinz Sindhupalchowk traf es besonders schlimm. Hier steht kaum ein Haus mehr. Die Hilfsorganisation Caritas baut in dieser Provinz Schulen, finanziert durch Gelder der Glückskette.

Es ist die Zeit des Monsun. «Der Regen prasselt auf mich nieder und ich bin alleine. Sag mir, wie ich glücklich sein kann?», singen die Sekundarschüler der Sri Mahindra Schule. Die Tropfen knallen hart auf das Wellblechdach ihres provisorischen Klassenzimmers.

Der Lärm lenke ihn zwar ab, aber er sei froh, wieder in der Schule zu sein, sagt der 15jährige Ram Kumar Pandit. «Meine Familie wohnt seit dem Erdbeben in einer provisorischen Hütte. Tagsüber ist es darin heiss, in der Nacht kalt. Es ist bedrückend und eng. Deshalb war ich glücklich, als ich wieder in die Schule konnte. Hier fühle ich mich unbeschwert.»

Geld aus der Schweiz ist grosse Hilfe

Ram Kumars Sekundarschule ist durch das Erdbeben vom 25. April vollständig zerstört worden. 6 der 500 Schüler starben. Er sei verzweifelt gewesen, erzählt der junge Schulleiter Netra Bhattarai. Er verlor im Erdbeben seine Mutter. «Als ich nach den Ritualen für die Toten zum ersten Mal hierher zurück kam, sah ich die Zerstörung. Früher hätten die Dorfbewohner mitgeholfen, eine neue Schule zu bauen, aber jetzt sind auch ihre Häuser zerstört. Niemand hat weder das Geld noch die Zeit eine Schule aufzubauen.»

Hilfe ist aus der Schweiz gekommen. Caritas hat in den Bergen Sindhupalchowks einen Monat nach dem Beben die erste von mehr als vierzig temporären Schulen gebaut. Die Hilfsorganisation Helvetas unterstützte sie dabei mit dem Bau von Toiletten.

Temporäre Schulbauten von Caritas

Auf das Schulgelände, auf dem jetzt sieben lange Wellblechhütten stehen, ist Leben zurück gekehrt. Peter Eppler, Caritas-Chef in Nepal, inspiziert das Werk seiner Organisation und ist zufrieden: «Trotz der Regenzeit haben wir es geschafft, alle temporären Schulräumen fertigzustellen.»

Caritas konnte sogar mehr Schulräume bauen als geplant, da auch altes Wellblech verwendet wurde. In den nächsten drei Jahren will die Schweizer Hilfsorganisation die vierzig temporären Schulen durch erdbebensichere Bauten ersetzen.

Früher habe ich mich nie gefürchtet, aber seit dem Erbeben habe ich ständig Angst.
Autor: Ram Kumar Pandit15jähriger Schüler

Sekundarschüler Ram Kumar paukt an diesem Nachmittag Algebra. Als der Regen langsam nachlässt, packt er seine Bücher zusammen und macht sich auf den Heimweg. Sein Schulweg führt über kleine Trampelpfade, vorbei an Reisterrassen, und über einen reissenden Fluss. Überall sind die Spuren des Bebens noch sichtbar.

Ram Kumar zeigt auf Felsbrocken, die auf der Strasse liegen: «Schau hier, wieder ein Steinschlag. Und dort drüben rutschte ein ganzer Hang ab. Früher habe ich mich nie gefürchtet, aber seit dem Erbeben habe ich ständig Angst.»

Noch fehlt ein richtiges Haus

Nach einer halben Stunde ist Ram Kumar zuhause. Vom traditionellen Bauernhaus stehen noch zwei Aussenmauern, die anderen sind eingefallen. Ein Büffel und ein paar Ziegen stehen in einem Unterstand. Die Familie hat sich aus Wellblech ein neues Zuhause gebaut.

Von der Regierung erhielt sie umgerechnet 150 Franken, von Helvetas und Caritas, Kochutensilien, Wolldecken und Reis. Das hilft, zum Überleben, zum Wiederaufbau ihres Hauses reicht es nicht. Die Mutter hat in ihrer improvisierten Küche Tee zubereitet. Der Vater schlürft ihn genüsslich.

Wie viele Nepalesen wirkt die Familie trotz der Katastrophe positiv und tatkräftig. Doch das Erbeben hat ihre Welt erschüttert, nicht nur äusserlich: «Wir haben nach dem Erbeben die Toten aus ihren Häusern geborgen und sie verbrannt. 116 Menschen. Seither sind wir appetitlos. Manchmal wachen wir mitten in der Nacht auf, geweckt von einem Geist.»

Ein richtiges Zuhause, das sei jetzt das Wichtigste, sagt der Vater. Doch dafür fehle das Geld. «Das Zweitwichtigste ist die Ausbildung meiner Kinder. Ich bin glücklich, dass wenigstens das wieder möglich ist.»

3 Kommentare

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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Die Bevölkerung von Nepal ist durch die Herausforderung ihres Landes der Mentalität der (früheren) CH in vielen Fällen ähnlich. Sie waren und sind auf Selbsthilfe und Eigeninitiative angewiesen. Das die Regierung Nepals die direkte Hilfe verkompliziert, ist leider den meisten Ländern eigen. Doch der Herbst/Winter die Situation das Leben der Opfer bald verschlimmert, sind schnelle, pragmatische Lösungen unabdingbar. Die beste Hilfe wird durch kleinere, effiziente Organisationen geleistet.
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  • Kommentar von Angela Keller, Sirnach
    Es ist bedrückend dieses Leid und Elend mitanzusehen. Die neuesten Nachrichten (neueste Filmdokus) aus Nepal zeigen, dass noch nicht allzuviel gemacht wurde. Viele haben heute noch kein Trinkwasser und eine anständige Bleibe. Was wird mit dem vielen Geld gemacht. Es muss mehr und schneller am Wiederaufbau ihres Hauses geholfen werden. Die Menschen die in weit entlegen Regionen leben haben von Hilfe noch nicht viel gesehen. Das macht traurig. Der Schnee kommt und es sehr kalt wird - was dann?
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  • Kommentar von M. Tisserand, Maumere, Indo
    Genau diese Hilfe will ich als Schweizer sehen. Diese Art von Hilfe müssen wir ausbauen. Wir müssen den Armen mit Infrastruktur und Ausbildung vor Ort helfen. Ich schäme mich, wenn sich die Schweiz (und andere europäische Nationen) ein paar Flüchtlinge herauspickt und unser Land damit massiv destabilisiert. Wir könnten Millionen von Menschen mit sauberem Trinkwasser, Unterkünften, Bildung (zur Selbsthilfe) unterstützen. Es sind diese Leute, die in ihrem eigenen Land etwas bewegen müssen.
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