Sicherheit an der EM: Experte übt Kritik an den Behörden

In weniger als drei Monaten soll der Ball bei der Fussball-EM in Frankreich rollen. Sicherheitskräfte simulieren bereits den Ernstfall: eine Terrorattacke. Wie sicher wird das Turnier nach den Anschlägen von Paris? Helmut Spahn war Sicherheitschef der WM 2006. Er schätzt die Lage ein.

Am 13. November 2015 beginnt am Rande des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland eine blutige Terrorserie von Islamisten in Paris. Am Ende sterben 130 Menschen.

In diesem Jahr startet am 10. Juni die Fussball-Europameisterschaft in Frankreich. Die Behörden wappnen sich deshalb für den Ernstfall. Erst am Donnerstag simulierten die Sicherheitskräfte in Nîmes einen Terrorangriff bei einer Übung.

Helmut Spahn hat die Weltmeisterschaft 2006 sicherheitstechnisch verantwortet. Er schätzt die Lage ein.

SRF News: Herr Spahn, Frankreich steht nach den Terrorattacken von 2015 vor einer sicherheitstechnischen Herausforderung bei der Europameisterschaft 2016. Was sind die Herausforderungen für die Organisatoren?

Helmut Spahn: In den Bereichen Social Media und Cyber Sicherheit hat sich die Welt rasant weiterentwickelt. Auch die Lage in der Welt hat sich verändert. Konfliktherde wie aktuell in Syrien hatten wir beispielsweise 2006 nicht. Das sind neue Herausforderungen, aber nicht gänzlich neue. Was die Franzosen im Einzelnen tun, kann ich nicht sagen.

Sie sind demnach nicht in die Planungen eingebunden?

Das bin ich nicht, und viele andere Experten sind es ebenfalls nicht. Ich unterhalte mich aber mit vielen Polizeibehörden in Deutschland, England, den Niederlanden und nationalen Sachverständigen des Fussballs. Überall höre ich, dass sich die Franzosen extrem abschotten, dass sie nicht bereit sind, internationale Expertisen aufzunehmen. Ich gehe davon aus, dass sie ihr Bestes tun. Aber es ist ein sehr ungewöhnliches Vorgehen, wie ich es bei bisherigen Veranstaltungen von der Grössenordnung nicht wahrgenommen habe.

Wie lässt sich das erklären?

Das hat sicher auch mit der Mentalität und einem gewissen Selbstverständnis zu tun. Es gibt immer Unterschiede, aber alle Veranstalter wie zum Beispiel der Olympischen Spiele in Sotschi und London oder der Fussball-WM in Brasilien haben Wert auf die internationale Expertise gelegt. Wichtig ist eben, Wissen zu teilen und offen zu sein für Diskussionen. Das betrifft auch den Austausch mit den Nachrichtendiensten. Was nun das Verhalten der Franzosen angeht, so habe ich gehört, es sei «verbesserungswürdig».

Bei der EM werden die Stadien und die Mannschaftslager von der Uefa betreut. Kann das überhaupt grösstmögliche Sicherheit gewährleisten?

Grundsätzlich muss der Bewerber einer Welt- oder Europameisterschaft ein Sicherheitskonzept vorlegen. Es bedarf auch immer einer Garantie des Landes, dass die Sicherheit während der Veranstaltung gewährleistet ist. Natürlich ist in den Stadien, in den Mannschaftslagern, auf den Trainingsplätzen – also innerhalb der nicht-öffentlichen Bereiche – der Veranstalter zuständig. Aber die Sicherheit im klassischen Sinne wird vom ausrichtenden Land verantwortet.

Die Konzepte, die es von der Uefa für die Stadionsicherheit und die Sicherheit in den Mannschaftslagern und auf den Trainingsplätzen gibt, entsprechen höchstem internationalen Standard. Die Frage ist nur: Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Behörden vor Ort? Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Wir wären in Deutschland gescheitert, wenn wir nicht sämtliche Polizeibehörden, die medizinische Versorgung, den öffentlichen Nahverkehr, die Feuerwehren etc. in ein Konzept integriert hätten. Wenn ich isoliert arbeite, werde ich scheitern.

Französische Sicherheitskräfte vor dem Stade de France in Paris.

Bildlegende: Französische Sicherheitskräfte vor dem Stade de France in Paris. Können sie eine sichere EM garantieren? Keystone

Sind die Stadien wirklich so sicher? Schliesslich gelingt es Besuchern regelmässig, Bengalos oder Ähnliches ins Stadion zu schmuggeln.

Es ist nun einmal nicht möglich, 60‘000 Menschen wie am Flughafen zu kontrollieren und gleichzeitig das Stadion innerhalb von zwei Stunden zu befüllen. Da sind Grenzen gesetzt. Die Leute kommen ausserdem nicht vier Stunden früher. Man kann es auf einen grösseren Bereich durch einen äusseren Sicherheitsring verteilen – mit beispielsweise 250 Eingängen statt 80 und dort die Qualität der Kontrollen erhöhen. Aber irgendwo hört der Kontrollbereich natürlich auf.

Es gibt Spekulationen über die kurzfristige Verlegung von EM-Spielen bis hin zu Geisterspielen. Was halten Sie davon?

Also zumindest sollte man alle Szenarien in der Schublade haben. Das beinhaltet auch die kurzfristige Verlegung von Spielen oder ein Spiel ohne Zuschauer. Das ist aber natürlich das «Worst-Case-Szenario».

Wenn Sie entscheiden könnten. Würden Sie die EM in Frankreich verschieben oder gar absagen?

Sollten nicht völlig neue Erkenntnisse kommen, soll und muss diese Europameisterschaft in Frankreich stattfinden. Wir dürfen uns nicht von den Terroristen unser Leben diktieren lassen.

Das Gespräch führte Oliver Roscher.

Helmut Spahn

Helmut Spahn in Nahaufnahme

ICSS

Der Deutsche Helmut Spahn ist Generaldirektor des International Centre for Sport Security (ICSS). Als Sicherheitschef des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) verantwortete er unter anderem die Sicherheit bei der Fussball-WM 2006. Für die Uefa war er auch für die Sicherheit der EM 2012 und bei verschiedenen Europapokalspielen verantwortlich.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Frankreich übt Antiterror-Einsatz für Fussball-EM

    Aus Tagesschau vom 19.3.2016

    Um auf einen Terroranschlag an der EURO 2016 vorbereitet zu sein, üben französische Einsatzkräfte diese Woche den Ernstfall – ein Gas-Angriff auf eine Fanzone im südfranzösischen Nîmes. Frankreich-Korrespondent Michael Gerber war bei der Übung dabei.