Russlands Informationskrieg «Sie können es Propaganda nennen – oder politische Analyse»

Neben mutmasslichen Cyber-Attacken oder Desinformation im Internet gibt es weitere Propaganda-Waffen, die Russland im Informationskrieg einsetzt. Zum Arsenal gehören auch konventionelle TV-Sender: «Russia Today» ist das Medium, mit dem der Kreml seine Sicht auf die Dinge in die Welt hinaussendet.

Der Auftrag des Staatssenders Russia Today (kurz RT) ist klar: das «Monopol der angelsächsischen Medien zu brechen», wie es Präsident Wladimir Putin einmal formulierte. Dabei sind die Russen ziemlich erfolgreich: Nach eigenen Angaben erreicht der Sender wöchentlich 70 Millionen Menschen rund um den Erdball. RT sendet unter anderem auf Englisch und Arabisch – auch eine kleine deutschsprachige Redaktion gibt es.

Boyko Nahaufnahme.

Bildlegende: «Wir Russen haben auch Ambitionen». Bojko sieht ihr Schaffen mehr als Mission, denn als blossen Journalismus. rt

Das Hauptquartier von RT liegt in einem ehemaligen Industrieviertel östlich vom Moskauer Stadtzentrum. Die Medienstelle des Senders hat Oksana Bojko zum Interview mit SRF geschickt. Sie ist eines der Aushängeschilder von RT: In ihrer Talkshow spricht sie mit internationalen Gästen über geopolitische Fragen.

«Den Zuschauer von unseren Ideen überzeugen»

Ihre prorussische, kremlfreundliche Haltung unterschlägt Bojko dabei nicht, sie zelebriert sie geradezu. «Sie können das, was wir machen, Propaganda nennen – oder politische Analyse. RT beleuchtet die Welt durch das Prisma einer bestimmten Weltanschauung und natürlich versuchen wir auch, den Zuschauer von unseren Ideen zu überzeugen. Aber mir scheint, wir machen das auf eine ehrliche Weise.»

Im Grunde würden grosse westliche Medien das Gleiche tun wie RT, sagt Oksana Bojko. Sie bezweifelt auch, dass es überhaupt einen Journalismus gibt, der völlig unabhängig ist von politischen Überzeugungen. «Der Unterschied ist aber, dass wir bei RT verstehen, dass unser Standpunkt nur ein Standpunkt ist von vielen. Sender wie der amerikanische CNN dagegen sind überzeugt, dass ihr Standpunkt der einzig richtige ist. Im Westen glaubt man ganz generell, dass man die Wahrheit kennt – und alle, die etwas anderes sagen, bloss Propaganda betreiben.»

«  Sender wie CNN sind überzeugt, dass ihr Standpunkt der einzig richtige ist. Im Westen glaubt man ganz generell, dass man die Wahrheit kennt. »

Oksana Bojko
Moderatorin bei RT

Das Beispiel Aleppo

Oksana Bojkos Sendung heisst «Worlds Apart», zu Deutsch: «Welten voneinander entfernt». Das ist ein ziemlich programmatischer Name für ein Format auf RT. Der Sender berichtet oft genau das Gegenteil von dem, was westliche Medien als Realität darstellen.

Ein gutes Beispiel ist die Eroberung von Aleppo durch die Armee des syrischen Präsidenten Assad im vergangenen Dezember:

  • Der Fernsehsender CNN berichtet von der rücksichtslosen Bombardierung der Rebellengebiete. Ein regelrechter Regen aus Artilleriegeschossen und Bomben gehe auf die Stadt nieder, sagt der Korrespondent. Es ist ein Bericht über tragisches, brutales Kriegsgeschehen.
  • Bei RT ist die Stimmung ganz anders: Die Journalistin des Senders ist mitten in einer Freudenfeier von Assad-Anhängern in Aleppo. «Es ist der grösste Sieg der Regierungstruppen», sagt sie und schildert lachende Gesichter.

Es ist eine eigentliche Gegenthese zur westlichen Weltanschauung, die RT entwirft: Der Syrien-Krieg ist nicht ein Volksaufstand gegen einen brutalen Diktator – sondern der Kampf einer legitimen Regierung gegen Terroristen. Ähnlich ist es auch in der Ukraine und bei anderen Konflikten in der Welt: Was aus westlicher Sicht weiss ist, ist bei RT schwarz. Und umgekehrt.

Mehr Mission als Journalismus

Für Oksana Bojko ist diese Arbeit mehr als Journalismus. Es hat schon fast etwas von einer Mission. «Russland ist eine Grossmacht. Wer sonst hätte die Autorität des grossen, westlichen Mainstreams erschüttern können? China? Die Araber? Nein. Wir mussten es tun. Wir Russen haben auch Ambitionen. Und der Westen muss endlich verstehen, dass er das Denken auf der Welt nicht mehr einfach so dominieren kann. Dasselbe gilt für die Nachrichtenströme. Die Amerikaner von CNN glauben bis heute, sie könnten die News-Agenda rund um den Globus bestimmen. Das funktioniert nicht mehr.»