Sierra Leone: Viele Überlebende nach Ebola-Epidemie

Ganze Familien hat Ebola vor einem Jahr dahingerafft. Damals, als die Epidemie in Westafrika ausbrach, sprach man von einer tödlichen Seuche. Doch viele haben Ebola überlebt. In Sierra Leone zum Beispiel. Ein Besuch im «District Six», der von der Viruskrankheit besonders betroffen war.

Blindenunterschrift: Eine Frau zeigt einer Gruppe von Männern und Frauen, wie sie ihre Hände waschen sollen. Im Hintergrund Wellblechhütten.

Bildlegende: Händewaschen gegen eine Ansteckung: Ein lokales Gesundheitsteam informiert die Bevölkerung in der Nähe von Freetown. Keystone

Es ist laut im «District Six» in Freetown. Strassenhändler, Passanten und Motortaxis drängen sich auf engstem Raum. Aus Lautsprechern plärrt an jeder Ecke ein anderer Song. Giorgiana Bangura, die als Freiwillige für das Rote Kreuz arbeitet und die Quartierbewohner betreut, hat da mit ihrem Megafon einen schweren Stand.

«Auch wenn es jetzt nicht mehr so schlimm ist mit Ebola, wir müssen die Leute daran erinnern, dass sie Vorkehrungen einhalten», erzählt sie. Konkret heisst das, «dass sie melden, wenn jemand krank ist und, ganz wichtig, immer die Hände waschen.» Giorgiana hilft bei Schwierigkeiten, sorgt für ein ein zufriedenes Zusammenleben.

«District Six» besonders von Ebola betroffen

Das ist kein einfacher Job, im «District Six», dem Quartier, das so viele Menschen an Ebola verloren hat wie kein anderes in Freetown. Von den 100 Bewohnern hier waren fast alle mit Ebola infiziert, 46 starben.

Überlebt hat zum Beispiel Eisata Mansary. Das schweigsame Mädchen hat mit ihren 10 Jahren schon viel erlebt. Letztes Jahr starb ihre Mutter an Ebola, dann ihr Vater, schliesslich ihre Tante, die die kranke Mutter versorgt hatte. Und dann wurde auch Eisata krank. Jetzt sorgt die Grossmutter für das Mädchen. Eisata wisse nicht die ganze Wahrheit, sagt diese, nur, dass die Mutter gestorben sei. «Eisata fragt oft nach ihrer Mutter», sagt die alte Frau bekümmert. Den Vater glaube sie in Amerika.

Dabei hat die Grossmutter von Eisata selber Probleme. Vor sechs Monaten hat sie ihr Heim in einem anderen Quartier verlassen, um hier für ihre Enkelin zu sorgen. «Ich dachte, das sei nur vorübergehend, bis die Eltern aus dem Spital zurück sind», erzählt sie. «Aber jetzt sind sie tot. Und ich kenne hier niemanden, und ich habe keine Arbeit.»

«  Wenn man die Diagnose Ebola bekommt, denkt man, man stirbt. Das hat sich geändert. »

Komba Songu-Mbriwana
Hat in einem Spital gearbeitet

Demba Mansaray hat seine Frau an Ebola verloren. Auch er wurde infiziert und hat überlebt. «Es geht mir gut», sagt er knapp. Ausgrenzung ist hier kein Thema. «Im Gegenteil», erzählt Giorgiana. «Die Überlebenden erklären den Leuten hier, wie gefährlich Ebola ist.» Doch die Harmonie täuscht. Viele der Überlebenden sind traumatisiert, haben, wie Demba, während der langen Krankheit Job und Freunde verloren.

Für manche ist das soziale Gefüge ganz zusammen gebrochen. Keiner weiss das besser als der Arzt Komba Songu-Mbriwana. Auch er erkrankte an Ebola, während seiner Arbeit im Spital. «Wenn man die Diagnose Ebola bekommt, denkt man, man stirbt. Das war so, zu Beginn der Seuche. Aber», sagt der Doktor, «das hat sich nun geändert.» Denn inzwischen beträgt die Überlebensrate 70 Prozent.

gala; krab

Zahlen zur Ebola-Epidemie:

Die Zahl der Neuansteckungen mit Ebola hat in den drei am stärksten betroffenen Ländern Liberia, Sierra Leone und Guinea deutlich abgenommen. Während der Spitzenzeiten 2014 haben sich bis zu 500 Menschen pro Woche mit dem Virus infiziert. Zum Vergleich: Mitte Juli 2015 waren es 30. Ganz überwunden ist die Epidemie aber nicht. Insgesamt forderte die Ebola-Epidemie seit ihrem Ausbruch in den drei Ländern knapp 11‘300 Tote, rund 27‘700 Personen sind erkrankt.