Zum Inhalt springen
Inhalt

International «Sindschar ist ein Trümmerhaufen»

Vor gut einer Woche konnten die kurdischen Peschmerga-Truppen Sindschar aus den Händen des IS befreien. Von einer veritablen Schwächung der Terrormiliz könne man noch nicht sprechen, sagt Birgit Svensson. Die Journalistin fand eine völlig zerstörte Stadt vor.

Ein Miliziönär patroulliert in einem zerstörten Viertel von Sindschar.
Legende: Mitte November konnten die kurdischen Peschmerga-Truppen die Stadt Sindschar zurückerobern. Reuters

SRF News: Wie waren Ihre ersten Eindrücke in Sindschar?

Birgit Svensson: Ich war zuerst entsetzt. Die Stadt ist völlig platt gemacht, ein Trümmerhaufen. Als ich nach Sindschar hineingefahren bin, kamen mir Autos entgegen, beladene Pick-Ups und Pkws. Zum Teil handelte es sich um Plünderungen. Es waren auch Jesiden, die nach langer Zeit zurück in die Stadt gekommen sind und schauen, was von ihren Häusern und Habseligkeiten übrig geblieben ist. Sie haben ihre Sachen dorthin gebracht, wo sie in der Zwischenzeit untergekommen sind.

Bewohnbar ist Sindschar also nicht mehr?

Überhaupt nicht. Die Stadt muss zunächst wieder aufgebaut werden. Einige Peschmerga-Offiziere haben gesagt, sie hätten drei Massengräber gefunden, in denen zwischen 100 und 200 Jesiden begraben liegen. Sie vermuten, dass es noch andere Gräber gibt. Im August letzten Jahres ist der IS in die Stadt einmarschiert und hat die Kontrolle übernommen. Damals haben die Leute die Stadt fluchtartig verlassen und alles zurückgelassen. Viele haben mir aber gesagt, dass sie jetzt noch nicht zurückkommen, denn sie sind auch skeptisch, ob die Lage so bleibt.

Durch die Luftangriffe der Amerikaner wurde die Zahl der IS-Kämpfer stark minimiert.

Weshalb verlief die Rückeroberung der Stadt so schnell?

Legende: Video Tunnelsysteme des IS entdeckt abspielen. Laufzeit 01:16 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 24.11.2015.

Das hat mich auch überrascht. Die anderen Rückeroberungen in Tikrit oder der Raffinerie von Baidschi zogen sich über Monate hin. In Sinjar soll der IS die Stadt schon verlassen haben, als die Peschmerga mit 7500 Mann anrückte. Die Stadt wurde in den letzten Monaten von den Amerikanern bereits sehr stark bombardiert – deshalb die grosse Zerstörung. Dadurch wurde die Zahl der IS-Kämpfer bereits stark minimiert.

Wohin sind denn die IS-Kämpfer geflohen?

Man hat mir gesagt, dass sie teilweise nach Mosul gegangen sind, woher sie auch vor einem Jahr gekommen sind. Ein Teil soll aber auch nach Syrien geflohen sein. Wobei man dies nicht so genau weiss. Die Kämpfer seien in alle Richtungen geflohen. Jedes Mal wenn bombardiert wurde, waren wieder ein paar weg.

Die Millionenstadt Mosul ist immer noch unter der Kontrolle des IS. Könnte die Stadt das nächste Ziel der kurdischen Peschmerga sein?

Für die Peschmerga alleine wäre Mosul wohl zwei Nummern zu gross – das sagen sie auch selber. Mosul hatte über zwei Millionen Einwohner, als der IS die Stadt im Juni letzten Jahres überrannte. Die Hälfte davon ist in der Zwischenzeit geflohen. Die Peschmerga sagen, dass sie bereit sind, mitzumachen, aber sie werden das nicht alleine tun. Es muss eine kooperierte Aktion zusammen mit der irakischen Armee, vielleicht einigen Schiiten-Milizen und vor allen Dingen mit den Amerikanern sein.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass wenn der IS auf der einen Seite geschwächt wird, wird er auf der anderen Seite stärker.

Kann man nach der Eroberung Sindschars von einer Schwächung des IS reden?

Aus der Erfahrung der letzten Monate wäre ich da skeptisch. Erinnern wir uns an Tikrit: Die Stadt wurde in ganz harten Kämpfen mit vielen Toten zurückerobert. Zwei Wochen später bereits hat der IS Ramadi eingenommen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass wenn der IS auf der einen Seite geschwächt wird, wird er auf der anderen Seite stärker.

Der IS wird an mehreren Fronten bekämpft und aus der Luft bombardiert. Wie verhält sich da die Terrormiliz?

Es könnte ihnen zum Verhängnis werden, dass sie an so vielen Fronten kämpfen und diese zum Teil auch selbst aufgemacht haben; Syrien, Irak, Europa – da verheddern sie sich. Ich glaube, dass der IS mit der Zeit besiegt werden kann, aber dies erfordert unbedingt ein koordiniertes Handeln aller Kräfte, die gegen den IS arbeiten.

Das Gespräch führte Urs Gilgen.

Birgit Svensson

Die deutsche Journalistin berichtet seit dem Sturz von Saddam Hussein aus dem Irak. Sie arbeitet für die «Zeit», Deutschlandradio, die Deutsche Welle und für SRF.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    «Durch die Luftangriffe der Amerikaner wurde die Zahl der IS-Kämpfer stark minimiert.» Fremdwörter sind halt Glücksache ... minimiert, dezimiert, einfach irgendwie -iert ... sorry - ist das ein staatliches Fernsehen? Einfach kein Bock auf Gegenlesen (lassen)?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von u. Felber (Keule)
    Es wird sicher wieder viel gespendet für den Wiederaufbau, damit man anschliessend wieder alles in Grund und Boden schiesst.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Lutz Bernhardt (lb)
    Es ist ein offenes Geheimnis, dass Länder wie Saudi Arabien den IS massgeblich unterstützen, direkt und indirekt. Die EU und die Schweiz wetteifern darin, dass für möglichst alle Produkte die Herkunft deklariert werden muss. Bei Treibstoff, Heizöl und anderen Erdöl-Produkten - Fehlanzeige! Sicher würde nicht nur ich alle Produkte mit saudi-arabischem Ursprung schlicht nicht mehr kaufen. Eine echte Chance zur Profilierung für Politiker! Und ein kleiner Beitrag zum Frieden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen