Singapur trauert um Staatsgründer

Lee Kuan Yew ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Bereits Anfang Februar war er mit einer Lungenentzündung ins Spital eingeliefert worden. Er gilt als treibende Kraft hinter dem Aufstieg des boomenden Stadtstaates – und als Verfechter eines autoritären Führungsstils.

Der Staatsgründer Singapurs, Lee Kuan Yew, ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Das teilte das Büro seines Sohnes, des Ministerpräsidenten Lee Hsien Loong, mit.

Lee Kuan Yew war Anfang Februar mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus gekommen und wurde zuletzt künstlich beatmet.

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Singapurs Staatsgründer ist tot

1:33 min, aus Tagesschau am Mittag vom 23.3.2015

Strafen für Kaugummi-Kauer

Der Staatsgründer hat aus dem Nest Singapur eines der reichsten Finanzzentren gemacht. Gegner bekämpfte er scharf. Zu seinem Erbe zählt bis heute, dass selbst Kaugummi-Kauer hart bestraft werden.

Mit seinem alten Freund Helmut Schmidt hat Lee Kuan Yew seine intellektuelle Brillanz im hohen Alter noch einmal funkeln lassen. 2012 war das, als Schmidt zu einer Art Abschiedsbesuch nach Singapur kam und die beiden einflussreichen Politiker vor gebanntem Publikum über Chinas Aufschwung, Amerikas Selbstzweifel und Europas Krise parlierten.

Studienabschluss in Cambridge

Wie der deutsche Ex-Kanzler hat Lee bis ins hohe Alter als scharfer Denker in nationalen und internationalen Debatten mitgemischt. Der winzige Stadtstaat in Asien nahe dem Äquator ist ohne Lee undenkbar. Der smarte Jurist mit Studienabschluss aus Cambridge hat die kleine ärmliche Insel erst in die Unabhängigkeit von den Briten und dann in die Spitzengruppe internationaler Finanzzentren geführt.

31 Jahre lenkte er als Regierungschef selbst die Geschicke. Dann sass er noch 20 Jahre als wichtigster Chefberater mit am Kabinettstisch. Seit 2004 ist sein Sohn Lee Hsien Loong Regierungschef. Lee senior machte das rohstoffarme Singapur mit heute 5,4 Millionen Einwohnern zwar zum Exzellenzzentrum für Logistik, für Gen-Forschung, für Nano-Technologie und die Finanzwirtschaft. Das Land hat heute eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt.

«Ehrlich, effektiv und effizient»

Aber Lee trieb immer die Sorge, sein «Baby» könnte doch noch untergehen. «Auf was ist Singapur schon gebaut?» fragte er etwa. «700 Quadratkilometer und jede Menge clevere Ideen, die bislang funktioniert haben – aber das könnte alles schnell den Bach hinunter gehen.» Mit dieser Sorge im Nacken dirigierte er das Land mit fester Hand.


«Disziplin ist wichtiger als Demokratie»

2:02 min, aus SRF 4 News aktuell vom 23.03.2015

Seine Partei ist seit der Unabhängigkeit an der Macht, und hält mehr als 90 Prozent der Sitze. Die Medien sind nicht frei, Demonstrationen verboten. Die Regierungspartei kann Wahlkreise nach Belieben umformen. «Ein Autokrat» war die freundlichste Charakterisierung seiner Kritiker.

«Im Westen schätzt man die Freiheiten des Einzelnen. Aber als Asiat mit chinesischen Wurzeln sind meine Werte: eine gute Regierung, ehrlich, effektiv und effizient», sagte er einmal.

«  Wir verhindern, dass Armleuchter ins Parlament oder die Regierung kommen. »

Lee Kuan Yew
Staatsbegründer Singapurs

Mit Leuten, die seine Vision nicht teilten, machte er kurzen Prozess. Er zog gegen viele politische Gegner mit Verleumdungsklagen ins Feld. Sie zogen unter den Singapurer Gesetzen stets den Kürzeren, bekamen Millionenstrafen aufgebrummt, gingen bankrott und konnten so nicht mehr für politische Ämter antreten. Es sei halt manchmal nötig, Oppositionspolitiker zu «vernichten», sagte Lee ohne Reue 2011. Die Regierung verhindere keine politische Konkurrenz. «Wir verhindern, dass Armleuchter ins Parlament oder die Regierung kommen.»

In Lees Kleinstaat bleibt Homosexualität per Gesetz bis heute verboten, ebenso Kaugummi auf die Strasse zu spucken oder nackt in seiner eigenen Wohnung herumzuspazieren. Die Prügelstrafe gilt noch.

Ein Tod, der Reformen erzwingt

«Kindermädchenstaat», der Bürger bevormundet – so wird das Land oft belächelt. Doch Investoren kommen in Scharen. Mit null Toleranz für Korruption hat Lee Singapur zum bevorzugten Asienstandort zahlreicher internationaler Banken und Unternehmen gemacht.

Lees Tod dürfte das Land zu Reformen zwingen, schrieb Sally Andrews von der Universität Sydney jüngst in der Zeitschrift «The Diplomat». Zu Lebzeiten Lees sei die Dominanz seiner Partei PAP garantiert gewesen, aber: «neue Generationen werden den wirtschaftlichen Erfolg nicht mehr als Quelle der Legitimation nutzen können». Wenn sie den Untergang des Regimes verhindern wollten, wäre es hilfreich, die politische Arena für Konkurrenten zu öffnen, argumentiert Andrews.

Obama kondoliert

US-Präsident Barack Obama hat den verstorbenen Ex-Premier gewürdigt. Der Politiker sei ein «Visionär» und ein «Gigant der Geschichte» gewesen, der Singapur in eines der wohlhabendsten Länder der Welt verwandelt habe, erklärte er. Den kommenden Generationen werde Lee als «Vater des modernen Singapurs» im Gedächtnis bleiben, so der US-Präsident.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Dass man zumindest über demokratische Entwicklungen spricht, ist schon ein gewaltiger Schritt für das selbstbewusste Singapur.

    Singapur liebäugelt mit der direkten Demokratie

    Aus Echo der Zeit vom 9.7.2014

    Singapur hat eine gelenkte Demokratie, in der Politik von oben nach unten funktioniert. In der direkten Demokratie der Schweiz verläuft vieles von unten nach oben. Nun will Singapur von der Schweiz lernen.

    Fredy Gsteiger

  • Die hängenden Gärten von Singapur

    Aus 10vor10 vom 6.1.2014

    Ein Wolkenkratzer in den Tropen muss ganz anderen Bedingungen standhalten, als vergleichbare Bauten weiter nördlich. In Singapur hat eine deutsche Architektin das Tropenhochhaus entwickelt: Eine Gebäudeart durchwachsen und umrankt von exotischen Pflanzen.

  • In Singapur nimmt man Datenleck gelassen

    Aus Tagesschau vom 5.4.2013

    Die Millionen von Daten über Steueroasen, die verschiedenen Medien zugespielt wurden, stammen zu einem grossen Teil von einem Finanzdienstleiter aus Singapur. Doch ausgerechnet hier schlagen die spektakulären Enthüllungen kaum Wellen.

  • Steuerhinterziehung: Auch Singapur betroffen

    Aus Tagesschau vom 5.4.2013

    Die aus anonymen Quellen stammenden Daten, die gestern teilweise veröffentlicht wurden, rücken nun auch Singapur in den Fokus. Auf dem asiatischen Finanzplatz sollen Vermögende ihre Einkommen deponiert und möglicherweise Steuern hinterzogen haben.

  • Bei den Offshore Leaks im Fokus: Singapur.

    Welche Rolle spielt Singapur?

    Aus SRF 4 News aktuell vom 4.4.2013

    Medien wie die Washington Post oder der Guardian stützen sich in ihren Berichten zum Offshore-Skandal auf Dokumente zweier Finanzdienstleister. Eine der beiden Firmen, Portcullis Trustnet hat ihren Sitz in Singapur.

    Marco Kauffmann, NZZ-Korrespondent in Singapur beschreibt die betroffene Firma näher und beschreibt was die Enthüllungen in Singapur auslösen.

    Salvador Atasoy

  • SNB mit Filiale in Singapur

    Aus Tagesschau vom 18.12.2012

    Die Schweizerische Nationalbank SNB eröffnet eine Niederlassung in Singapur. Die südostasiatische Kleinstrepublik gilt als einer der weltweit bedeutendsten Finanzplätze. In Singapur gibt es bereits über 150 Banken, die umgerechnet ein Vermögen von 500 Milliarden Franken verwalten. Einschätzungen von SRF-Wirtschaftsredaktorin Marianne Fassbind.

  • Singapur als sicherer Hafen für UBS-Steuerflüchtlinge?

    Aus Echo der Zeit vom 10.8.2012

    Die «Financial Times Deutschland» schreibt, es gebe Beweise, dass die UBS Steuerflüchtlingen helfe, ihr Geld in Singapur in Sicherheit zu bringen. Es existiere sogar ein Schulungsvideo für UBS-Mitarbeiter dazu.

    Casper Selg und Eveline Kobler

  • Das rigide Bankgeheimnis von Singapur

    Aus Echo der Zeit vom 26.2.2009

    Nicht nur die Schweiz hat ein Bankgehemnis, welches sensible Daten von Bankkunden schützen. Auch in Singapur profitieren die Finanzinstitute von einer bankfreundlichen Gesetzgebung. Doch der Druck von aussen ist weniger hoch als in der Schweiz.

    Der Tagesanzeiger-Korrespondent Oliver Meiler kennt den asiatischen Finanzplatz. Die Frage an ihn: Wie strikt ist das Bankgeheimnis in Singapur?

    Casper Selg

  • Singapur boomt als Finanzplatz

    Aus Echo der Zeit vom 23.6.2008

    Der winzige Stadtstaat Singapur ist einer der wichtigsten Finanzplätze in Asien und für westliche Firmen Sprungbrett für ihre Geschäfte in Fernost.

    Der Aufstieg Singapurs zum Bankenzentrum hat schon vor einem Jahrzehnt begonnen. Noch besteht keine Gefahr, dass Singapur dem Finanzplatz Schweiz den Rang abläuft.

    Doch der Inselstaat schneidet sich einen immer grösseren Teil vom weltweiten Wachstum im Finanzsektor ab. Das geht bereits jetzt zulasten traditioneller Bankenplätze wie Zürich, Genf, New York oder London.

    Fredy Gsteiger