«Sinn der Satire ist es, zu provozieren»

Nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo äussern sich zwei Koryphäen aus der Karikaturisten-Szene. Ihre Meinung: Meinungsfreiheit steht über allem – und die Angreifer verstünden Satire nicht.

Eine gezeichnete Karikatur.

Bildlegende: Satire solle provozieren, denn das zeuge von Respekt, sagen Karikaturisten. Keystone

Für den Chefredaktor der Westschweizer Satirezeitschrift Vigousse ist heute ein Teil der Familie gestorben: Thierry De Barrigue sagt, nicht einfach Karikaturisten seien heute gestorben, sondern Menschen, die sich für eine freie Welt eingesetzt hätten.

«Diese Leute verstehen Satire nicht»

Erschüttert ist auch der Karikaturist der Westschweizer Zeitung «Le Temps» und der «NZZ am Sonntag», Patrick Chappatte. Er lebt in Los Angeles. Ihn hat die Nachricht heute geweckt. «Ein Horror, der Realität wird», sagt Chappatte. Eine solche Tat entziehe der Satire jeglichen Sinn. Diese Leute verstünden nicht, was Satire sei – und beantworteten sie mit Morden. Die Satire und damit auch Charlie Hebdo sei der Raum der absoluten Freiheit, wo man sich ganz sicher nicht zensieren lassen dürfe.

Meinungsfreiheit über alles

Für beide Karikaturisten ist eines klar: Der Kampf für eine freie Meinung müsse weitergeführt werden. Barrigue, wie sich der Chefredaktor von Vigousse mit Künstlernahmen nennt, hält die Fahne der Pressefreiheit hoch. Doch, lohnt es sich denn, das Leben für Karikaturen zu riskieren?

«  Provokation zeugt von Respekt für das Gegenüber. »

Thierry de Barrigue
Chefredaktor der Westschweizer Satirezeitschrift Vigousse

Was lohne sich mehr, ängstlich im Versteck zu leben oder für einen Moment frei und aufrecht – fragt Barrigue zurück. Es sei keine Frage, dass Charly Hebdo mit seinen Karikaturen provoziere, sagt Thierry de Barrigue. Das sei Sinn und Zweck eines Satiremagazins. Doch ist für ihn die Provokation nicht Schlechtes. Die Provokation zeuge letztlich von Respekt für das Gegenüber. Wenn man zum Beispiel eine Diskussion provoziere, dann heisse das doch, dass man mit der Person reden wolle.

zu provokativ?

Doch die Karikaturisten, die heute getötet wurden, können nicht mehr reden. In der aktuellen Nummer von Chalie Hebdo verhöhnt der Zeichner Charb die Islamisten. «Immer noch keine Attentate in Paris», schrieb er. Die Antwort kam prompt, Charb gehört zu den Opfern.

Sicherlich könnte man sagen Charlie Hebdo habe Öl ins Feuer gegossen, meint Thierry de Barrigue. Doch wolle er seinen heute getöteten Kollegen nicht kritisieren. Ob Charlie Hebdo in seiner Provokation zu weit gegangen ist, diese Frage lässt Patrick Chappatte nicht zu. Wenn man nun beginne, diese Frage zu stellen, hiesse das, dass die Extremisten gewonnen hätten. Eine Zeichnung bleibe eine Zeichnung, ob sie nun übertrieben ist oder nicht, sagt Chappatte.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Er fühle sich, als wäre ein Teil seiner Familie gestorben, sagt Barrigue, selber Karrikaturist und Chefredaktor des Westschweizer Satiremagazins Vigousse.

    Bestürzung in der Karikaturisten-Szene

    Aus Echo der Zeit vom 7.1.2015

    Westschweizkorrespondent Thomas Gutersohn hat mit zwei Persönlichkeiten aus dieser Szene gesprochen: mit Chappatte, der für «International Herald Tribune», «Le Temps» und «NZZ am Sonntag» arbeitet, und mit Thierry Barrigue, dem Chefredaktor der Satirezeitschrift «Vigousse» aus Lausanne.

    Thomas Gutersohn