Ausnahmezustand vor G20-Gipfel So rüstet sich Hamburg für den grossen Gipfel

Der G20-Gipfel in Hamburg wirft seine Schatten voraus: In Deutschlands zweitgrösster Stadt werden nicht nur die Delegationen der Teilnehmerländer erwartet, sondern auch tausende Demonstranten. Die wichtigsten Fragen und Anworten.

Wo sind die Gipfelteilnehmer untergebracht? Hamburgs Hotels sind an Wochenenden Ansturm gewohnt. Doch der G20-Gipfel am 7./8. Juli wird selbst für die Hansestadt zur Herausforderung. Die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer reisen teilweise mit grossen Delegationen an. Die können mehrere hundert Mitglieder umfassen. Deshalb werden in Hamburg die Unterkünfte knapp. Sämtliche Spitzenhotels sind ausgebucht. So musste sich US-Präsident Donald Trump ein Ausweichquartier suchen. Er kommt Medienberichten zufolge während des Gipfels im Gästehaus des Senats unter.

Wie wird die Sicherheit gewährleistet? 15'000 bis 20'000 Polizisten sollen das Spitzentreffen vor militanten Gegnern und Anschlägen schützen. Spezialeinheiten wie die GSG9, aber auch Sondereinsatzkommandos, sogenannte SEKs sowie Mobile Einsatzkommandos (MEKs) aus dem gesamten Bundesgebiet werden in Hamburg zusammengezogen. Unterstützt wird die deutsche Polizei aber auch von ausländischen Sicherheitskräften, wie etwa von der österreichischen Spezialeinheit Cobra. Hinzu kommen 140 Diensthunde, 110 Polizeipferde, elf Helikopter, 7,8 Kilometer Absperrgitter und über 300 Einsatzfahrzeuge. Auch die Bundeswehr ist involviert. Sie stellt unter anderem Unterwasserdrohnen zur Verfügung. Damit kann der Hafenboden auf Sprengsätze abgesucht werden. Die Luftwaffe hält zwei Kampfjets bereit, um das Flugbeschränkungsgebiet über der Hamburger Innenstadt zu überwachen.

Ist mit Demonstrationen zu rechnen? Mehr als 30 Kundgebungen und Protestzüge sind bis zum Ende des Gipfels am 8. Juli angekündigt. Zu ersten grossen Demonstration – der «Protestwelle» am Sonntag kamen nach Polizeiangaben 8000 Menschen. Die Veranstalter sprachen von 25‘000 Teilnehmern. An der Elbe verhinderte die Polizei ein Protest-Camp, obwohl das Verwaltungsgericht ein entsprechendes Verbot der Stadt aufgehoben hatte. Die grösste Demonstration mit bis zu 100‘000 erwarteten Teilnehmern ist für kommenden Samstag angekündigt. Die mutmasslich gewalttätigste wird die Autonomen-Demo «Welcome to Hell» am Donnerstag sein.

Gibt es eine linksautonome Szene in Hamburg? Die «Rote Flora», ein seit 1989 besetztes Theater, ist eines der wichtigsten Zentren der Autonomen in ganz Deutschland. Es liegt nur «einen Steinwurf entfernt» von den Messehallen, dem zentralen Austragungsort des Gipfels. Insgesamt umfasst die linksextremistische Szene in Hamburg rund 1100 Personen. Rund 650 davon sind gewaltbereit.

Was passiert mit festgenommenen Demonstranten? Zur Unterbringung festgesetzter mutmasslicher Randalierer hat Hamburg im Süden der Stadt eine Gefangenensammelstelle eingerichtet. In einer 11‘000 Quadratmeter grossen Halle wurden 70 Sammel- und 50 Einzelzellen eingerichtet. Insgesamt können bis zu 400 Personen untergebracht werden. Für ein rechtsstaatliches Verfahren sollen rund um die Uhr mehr als 130 Richter in einem danebengelegenen Container-Gerichtsgebäude sorgen.

Wie reisen die Gipfelteilnehmer? Am Flughafen «Helmut Schmidt» werden zum Gipfel mehr als 100 Regierungsmaschinen erwartet, darunter auch die Air Force One von US-Präsident Donald Trump. Vor allem für Planespotter ein Highlight. So sind die Regierungsmaschinen aus Japan, Südkorea, Argentinien oder Saudi-Arabien selten in Europa zu sehen. Aus ganz Europa werden bis zu 3000 Flugzeugfans erwartet. Rund 40 Gipfelteilnehmer beim G20-Gipfel werden von der Polizei als gefährdet eingestuft, darunter US-Präsident Trump, Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Sie werden sämtlich in Kolonnen mit bis zu 60 Fahrzeugen durch die Stadt kutschiert. Sie dürfen nicht halten und müssen mit einer möglichst konstanten Geschwindigkeit fahren, um die Gefahr von Anschlägen zu minimieren.

Wie viele Journalisten berichten über den Gipfel? Das Medieninteresse am G20-Gipfel in Hamburg ist enorm. Insgesamt haben sich rund 4800 Journalisten aus 65 Ländern angemeldet. Das Medienzentrum in der Messe erstreckt sich über vier Hallen. Neben 942 Arbeitsplätzen wurden Büros, Besprechungs- und Aufenthaltsräume und Schnittplätze für TV-Sender eingerichtet – zusammen mehr als 200 Räume. 70 Kilometer Strom- und Kommunikationskabel wurden verlegt, dazu 25 Kilometer Glasfaserkabel.

Wo finden die Gespräche statt? Die Messehallen sind zentraler Austragungsort des G20-Gipfels im Zentrum der Stadt. Die neueren Hallen A1 bis A4 sind den Beratungen der Staatsgäste vorbehalten. Die Hallen B1 bis B4 wiederum beherbergt das internationale Pressezentrum. Die beiden Bereiche sind durch eine Brücke verbunden. Die Staatschefs kommen über diese Brücke in eine Begegnungszone mit den Medienvertretern und können dort Interviews oder Pressekonferenzen geben.

Neben den Messehallen dient die Elbphilharmonie als Austragungsort des Gipfels. Im Konzerthaus am Hafen ist am Freitag ein Abendessen für die Staatsgäste geplant.

G20 kurz erklärt


Der G20 gehören die 19 führenden Industrie- und Schwellenländer sowie die Europäische Union an. Zusammen stehen sie für fast 90 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft. Die Gruppe ist das wichtigste Abstimmungsforum in der internationalen Finanz- und Wirtschaftspolitik. Sie ist eine Antwort auf Krisen, die die globale Finanzstabilität in Gefahr zu bringen drohten. 1999 war es die asiatische Finanzkrise, welche die Finanzminister aus den USA, Kanadas und Deutschlands zur Einsicht brachte, dass ökonomische Einbrüche von globaler Bedeutung künftig auf einer breiteren Ebene angepackt werden müssen. Die G20 wurde daher als eine Runde der wichtigsten Finanzminister aus der Taufe gehoben. Ihr gehörten nicht nur die etablierten Industrieländer an, sondern auch die wichtigsten aufstrebenden Staaten wie China, Indien und Brasilien.