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Sorgen um die Einheitswährung Theo Waigels Plädoyer für den Euro

Der ehemalige deutsche Finanzminister wehrt sich entschieden gegen die Kritik der Populisten an der Gemeinschaftswährung.

Legende: Audio Theo Waigel, der Vater des Euro abspielen. Laufzeit 26:56 Minuten.
26:56 min, aus Tagesgespräch vom 07.06.2018.

«Der Euro ist wie ein ungeborenes Kind: Niemand weiss, ob es ein Genie oder ein Dummkopf wird.» So kommentierte der ungarische Börsenexperte André Kostolany einst das abenteuerliche Projekt, dem vereinten Europa eine gemeinsame Währung zu geben.

In Italien halten gewisse Kreise den Euro heute weder für einen Dummkopf noch für ein Genie – sondern vielmehr für einen perfiden Plan Deutschlands. Der streitbare italienische Ökonom Paolo Savona betitelt die Währungsunion als ein Mittel der Kolonisation, einen «deutschen Käfig.»

Tauben vor Euro-Symbol
Legende: Italienische Turbulenzen: Kaum dachte man, die Krise sei überwunden, gerät der Euro erneut unter Druck. Keystone

Zum italienischen Wirtschafts- und Finanzminister hat es Savona nach präsidialer Intervention nicht gebracht. Doch die Kritik der populistischen Regierungskoalition in Rom bleibt unüberhörbar: Sie droht offen mit dem Austritt aus Währungsunion.

Vor allem in Südeuropa ist der Euro zum Prügelknaben der Populisten geworden. Die Gemeinschaftswährung, die auch eine gemeinsame europäische Identität stiften sollte, droht die Europäische Union zu spalten.

Hätten wir heute 20 oder 30 verschiedene Währungen, wären wir ein Spielball der Amerikaner – zumal unter Trump.
Autor: Theo WaigelEhemaliger deutscher Finanzminister

Einer, der sich entschieden gegen die Kritik stellt, ist Theo Waigel. Der ehemalige deutsche Finanzminister gilt als einer der Väter des Euro, und er gab ihm seinen Namen. Im «Tagesgespräch» von Radio SRF erinnert er sich: «Mein erster Vorschlag war Franken. Ich dachte, das würde auch den Franzosen gefallen.»

Theo Waigel

Theo Waigel

Ehemaliger dt. Finanzminister

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Von 1989 bis 1998 war der CSU-Politiker Theo Waigel Bundesfinanzminister unter Helmut Kohl. 1992 hat der heute 79-Jährige den Maastricht-Vertrag unterschrieben und war sechs Jahre später bei der Geburt der neuen Währung dabei.

Allerdings sei das in Spanien weniger gut angekommen: den «Franco» in der Hosentasche zu tragen, hätte dort unschöne Erinnerungen an die Diktatur geweckt. Der «Euro» sei dann besser angekommen: «Auch weil er in allen Ländern gut aussprechbar war.»

Theo Waigel (links) mit Helmut Kohl
Legende: Der Mann der Einheit und sein Mann für den Euro: Das Tandem Helmut Kohl und Theo Waigel prägte vor der Jahrtausendwende die deutsche und europäische Politik. Keystone

Trotz dem Stolz darüber, den Euro getauft zu haben: Bereut Waigel manchmal, was er den Europäern mit der Einheitswährung eingebrockt hat? «Nein, im Gegenteil», antwortet der Schwabe mit den markanten Augenbrauen: «Hätten wir heute 20 oder 30 verschiedene Währungen, wären wir ein Spielball der Amerikaner – zumal unter Trump. Und wir würden in der Welt keine Rolle spielen.»

Hausgemachte Probleme

Also alles eitel Sonnenschein im Euro-Land? Jein, sagt Waigel: Aber der Euro sei nicht das Problem. Eigentliche «Euro-Krisen» habe es nicht gegeben in den vergangenen Jahren: «Es gab Krisen der Finanzpolitik einiger Länder.» Waigel holt aus bis zur US-Immobilienkrise, die Ende der 00er-Jahre über den Atlantik nach Europa schwappte; schliesslich habe sich herausgestellt, dass einige Länder der Euro-Zone über ihre Verhältnisse gelebt hätten.

Zudem hat das europäische Krisenmanagement Früchte getragen, ist Waigel überzeugt: Irland, Spanien, Portugal und Zypern hätten erfolgreich durch Hilfsprogramme wiederaufgerichtet werden können: «Und auch Griechenland ist heute – trotz der Regierung Tsipras – wieder auf dem richtigen Weg.»

Theo Waigel vor Karikaturen
Legende: Gottes Geschenk an die Karikaturisten? 2010 widmete das deutsche Finanzministerium seinem langjährigen Chef sogar eine Ausstellung. Ihr Titel: «Die Augenbraue». Reuters

Waigel erinnert an Krisen der Nationalwährungen – lange vor der Einführung des Euro: Alleine in den 1980er- bis in die 1990er-Jahre habe es in Europa über 20 Währungskrisen gegeben. «Es muss mir niemand erzählen, dass es früher eine heile, wunderbare Welt gegeben hat und die Probleme erst jetzt kamen.»

Die deutsche DNA des Euro

Die Bundesregierung, angeführt von Kanzler Kohl und Finanzminister Waigel, verankerte deutsche Disziplin in der Einheitswährung: Doch gleich sorgten die strengen Stabilitätsstandards für Unmut in der europäischen Nachbarschaft. Waigel weist Vorwürfe, Deutschland habe Europa «seinen» Euro aufgezwungen, aber entschieden zurück: «Niemand hat irgendjemanden gezwungen, dem Euro beizutreten.»

Italien wird nicht aus dem Euro austreten. Auch Komiker in der Politik können rechnen.
Autor: Theo WaigelEhemaliger deutscher Finanzminister

Und gerade Italien habe nach Einführung des Euro enorm von den niedrigen Zinsen profitiert: «Allein Italien hat eine Euro-Rendite von 30, 40 Milliarden pro Jahr erreicht. Diese Länder hätten nur einen Teil dieses Geldes stärker in Strukturreformen und die Reduzierung ihrer Staatsschulden stecken müssen.»

Das strenge Maastricht-Kriterium, die Defizitgrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht zu überschreiten, stellte Ende der 1990er-Jahre allerdings auch Deutschland vor Probleme. Der Grund: Die horrenden Kosten der deutschen Wiedervereinigung.

Waigel vor Euro-Münzen
Legende: Auch Deutschland versündigte sich schon am Euro: «Leider ist der Stabilitätspakt 2002-2003 auch von Deutschland gebrochen worden», erinnert sich Waigel. Das habe das Vertrauen in die Währung nicht gerade gestärkt. Reuters

Klagen, die italienische Wirtschaft werde durch Stabilitätskriterien beschränkt und Investitionen in die Infrastruktur würden verhindert, seien eine «völlige Fehleinschätzung: Wenn Italien aus dem Euro austreten würde, würden Zinsen und Inflation gewaltig ansteigen, die Realeinkommen sinken und die Staatsschulden wären nicht mehr zu bewältigen.» Kurz: «Ein Austritt aus dem Euro wäre eine Katastrophe für die italienischen Bürger.»

Dass der lautstarken Kritik der Populisten Taten folgen, glaubt Waigel ohnehin nicht: «Auch Komiker in der Politik können rechnen.» Doch auch ohne die drittgrösste Volkswirtschaft hält Waigel den Euro-Raum für überlebensfähig. Die Euro-Zone sei heute besser aufgestellt als vor ein paar Jahren: «Eine Ansteckungsgefahr für andere Länder besteht nicht.»

Der Euro als Friedensstifter

Einen Austritt Italiens aus dem Euro würde der 79-Jährige aber ausserordentlich bedauern. Auch wegen eines unheilvollen politischen Signals. Schon 2011, auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise, warnte der deutsche Altkanzler Helmut Kohl vor einem Auseinanderbrechen Europas: Der Euro und die EU seien eine «Frage von Krieg und Frieden.»

Und auch Kohls Weggefährte bricht eine Lanze für das «Friedensprojekt Europa». Auch mit Blick auf Osteuropa: «Es war nicht ganz einfach, diese Staaten zu integrieren. Es war aber richtig und notwendig, um die Länder zu stabilisieren und ihnen Schutz zu geben – sodass sie heute nicht mehr dem Zugriff von Putin ausgesetzt sind.» Die EU sei trotz aller Defizite die beste Friedensgarantie der letzten 150 Jahre.

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26 Kommentare

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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Eine Eurowährung kann man nur den Staaten vergeben, die ein geprüftes BIP vorweisen können und den Schuldenberg offen gelegt haben . Die Einheitswährung ist eigentlich der einzige Kitt der EU - solange die Deutsche Wirtschaft die halbe EU durchfüttert mag das funktionieren aber das Ganze Gebäude wackelt dann ,wenn D selbst ins schlingern kommt. Die einzige Möglichkeit ist die Abwertung des Euro um diese Dauerkriese zu bewältigen. Aber wir schaffen das ( Raute ) bei Niederlöhnen der Arbeiter :-)
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  • Kommentar von L. Leuenberger (L.L.)
    Forza Italia! Raus aus der Euro-Zone! Genug der Experimenten mit dem €! Die Gemeinschaftswährung € hat den Europäern keine gemeinsame europäische Identität gebracht.Im Gegenteil,sie machte DE zum Gewinner in der Eurozone,während andere Länder zum Ausverkauf von nationalen Vermögen gezwungen wurden,um den deutschen Normen nachzukommen. Sogar in den südlichen Teilen Europas steht ein Lidl oder Aldi, als hätten es die Bürger vor 2001 nötig gehabt.Zu viele Verlierer, zu viel unnötiger Zentralismus.
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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Was es mE braucht ist ganz schlicht gesagt eine Weltwaehrung... dann gibt es keine Wechselgewinne noch Verluste, alles kostet praktisch ueberall das Gleiche und auch die Loehne wuerden mehr oder weniger gleich sein... alles etwas gerechter weil die Manipulation abgeschafft waere, aber das taete gewisse Finanzkreise erschuettern...zerstoeren..und Diese wissen es zu verhindern!
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