Sozialhilfe vom Islamischen Staat

Geld für Familien getöteter Kämpfer, Krankenversicherung, Unterstützung zur Heirat: Die Terrorgruppe Islamischer Staat hat viele Strukturen aufgebaut, die demjenigen eines Staates ähneln. Das belegen Dokumente, die deutschen Medien vorliegen.

Menschen auf Motorrädern im Zentrum der Stadt Rakka

Bildlegende: Unter der Kontrolle des IS: Einwohner der syrischen Stadt Rakka fahren eine Hauptstrasse entlang. Reuters

Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) unterdrückt alle Menschen, die auf ihrem Gebiet leben und ihre Weltsicht nicht teilen. Diejenigen aber, welche die Miliz unterstützen, kommen in den Genuss von quasi-staatlichen Leistungen. So gibt es innerhalb des IS eine Krankenversicherung, Heiratsbeihilfen und Sozialleistungen für die Familien von getöteten Kämpfern.

Dies berichten die «Süddeutsche Zeitung», NDR und WDR unter Berufung auf interne IS-Dokumente. Die Papiere lieferten einen bisher unbekannten und umfassenden Einblick in die Organisation.

Datei mit «Märtyrern»

In den Akten seien etwa die Namen der Kämpfer aufgelistet. In einer gesonderten Datei seien «Märtyrer» für Selbstmordattentate erfasst. Dort sei meist eine Telefonnummer vermerkt, damit Familien oder Freunde über den Tod des Attentäters unterrichtet werden könnten.

Detaillierte Angaben gebe es auch über Waffeneinkäufe. So enthalte eine Einkaufsliste amerikanische M4-Sturmgewehre zum Stückpreis von 8200 US-Dollar. Es bestehe der Verdacht, dass die Waffen von korrupten irakischen Militärs stammten.

Finanzausgleich zwischen IS-Gebieten

Die Unterlagen zeigten auch, dass die vom IS kontrollierten Provinzen im Irak offenbar über einen eigenen Haushalt verfügen. Zwischen den einzelnen Provinzen findet demnach wohl eine Art Länderfinanzausgleich statt, bei dem reiche Bezirke Hilfszahlungen an ärmere leisten. Um die Macht im Inneren zu sichern, investiere der IS zudem viel Geld in Sozialleistungen. Der IS verfüge über grosse Summen, die offenbar auch aus Schutzgeldzahlungen stammten.

«Rational und durchdacht»

Die Dokumente zeigten, dass der IS sich selbst als Staat ernst nehme, sagte der Experte Peter Neumann vom Londoner King's College. Die Dokumente machten klar, dass der IS gut organisiert sei und selbst brutale Akte der Gewalt gezielt einsetze. «Diese Dokumente bestätigen im Prinzip, dass diese gesamte Organisation eigentlich viel rationaler und viel durchdachter ist, als wir uns das bisher vorgestellt haben», sagte Neumann.

Das ausgewertete Material stammt den Berichten zufolge aus dem Jahr 2013 und reicht bis ins Frühjahr 2014. Die Unterlagen beziehen sich demnach fast ausschliesslich auf den Irak. Nach Angaben der irakischen Regierung wurden die Dokumente auf Speichermedien gesichert und im Juni bei einer Razzia im Versteck eines hochrangigen IS-Führers entdeckt.

Im Juni hatte erstmals der britische «Guardian» über den Dokumentenfund berichtet. Die irakische Regierung stellte einen Teil der Unterlagen nun den deutschen Medien zur Verfügung.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Bundesrat macht Dampf für IS-Verbot

    Aus Tagesschau vom 12.11.2014

    Der Bundesrat will die Organisation Al-Kaida und die Gruppierung Islamischer Staat mit einem dringlichen Gesetz verbieten. An seiner Sitzung heute hat er einen Entwurf vorgelegt. Nötig wurde dies, weil die bisher gültige Verordnung ausgelaufen wäre Ende Jahr. Um eine Lücke zu vermeiden, muss das Parlament das Gesetz in der Winter-Session durchpauken.

  • Neue Phase im Kampf gegen IS

    Aus Tagesschau vom 10.11.2014

    In einem Fernsehinterview kündigt der US-Präsident Barack Obama gestern eine neue Phase an im Kampf gegen den Islamischen Staat. Die Luftangriffe seien sehr effektiv gewesen, so Obama. Nun brauche es den Einsatz irakischer Bodentruppen.