Soziologe Ulrich Beck ist tot

Der deutsche Soziologe Ulrich Beck ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Sein zentraler Befund: In der heutigen Gesellschaft würden die Risiken der Industrie zunehmend von allen Schichten der Gesellschaft getragen. Radioaktivität unterscheide aber nicht zwischen Arm und Reich, schrieb er.

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Mit seinen jeweiligen Themen traf Beck den Nerv der Zeit

1:36 min, aus Tagesschau vom 3.1.2015

Ulrich Becks Tod wurde am Samstag vom Suhrkamp-Verlag in Berlin bestätigt. Nach einem Bericht von «Süddeutsche.de» starb Beck bereits am 1. Januar an den Folgen eines Herzinfarkts. Beck war einer der einflussreichsten und bekanntesten Sozialwissenschafter der vergangenen Jahrzehnte. Viele Politiker holten sich bei ihm Denkanstösse.


Becks Thesen erregten Aufsehen

1:34 min, aus SRF 4 News aktuell vom 03.01.2015

Berühmt wurde er mit dem Bestseller «Risikogesellschaft», der 1986 erschien. Er war noch an der Niederschrift seines Werks, als sich die Atomkatastrophe von Tschernobyl ereignete und seine These bestätigte.

Das Buch wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt. 2007 aktualisierte Beck sein Standardwerk mit dem Buch «Weltrisikogesellschaft». Darin beschrieb er die verlorene Sicherheit im Zeichen von Terrorismus, Klimawandel und Finanzkrise. Diese Risiken seien nicht mehr von einzelnen Nationalstaaten einzudämmen, sondern nur im internationalen Verbund.

Der Umgang mit weltweiten Risiken

Ulrich Beck war leidenschaftlicher Verfechter für ein vereinigtes Europa. Im Jahr 2012 schrieb er gemeinsam mit dem grünen Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit ein Europa-Manifest. Cohn-Bendit würdigt seinen Kollegen: «Er ist der Soziologe, der die Entwicklungen unserer Gesellschaft am besten und prägnantesten beschreiben konnte. Er war der politische Soziologe unserer Zeit. Er hat gemerkt, welche Potentiale und Risiken in der Moderne liegen.»

Politik nutzt Angst aus

Die globalen Weltrisiken, so argumentierte Beck, entziehen sich der Kontrollierbarkeit. Er kritisierte, dass die Politik mitunter den Schrecken inszeniere und die Terrorangst nutze, um ungehemmt Sicherheitsgesetze und Überwachungsinstrumente auf den Weg zu bringen.

Mit Humor, griffigen Bildern und Bodenhaftung publizierte Beck – gelegentlich gemeinsam mit seiner Frau und Kollegin Elisabeth Beck-Gernsheim – einen Bestseller nach dem anderen. In «Das ganz normale Chaos der Liebe» (1990) und «Fernliebe: Lebensformen im globalen Zeitalter» (2011) beschrieb das Paar das Zerbrechen traditioneller Werte und Bindungen sowie die Folgen der Individualisierung.

Akademiker von Weltruf

Beck wurde am 15. Mai 1944 in Stolp/Pommern (heute Slupsk/Polen) geboren. Nach der Übersiedlung der Familie in den Westen wuchs er mit seinen vier Schwestern in Hannover auf.

Von 1973 bis 1979 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität München, anschliessend als Professor für Soziologie an den Universitäten Münster und Bamberg. 1992 kehrte er nach München zurück. Als Direktor des Soziologischen Instituts blieb er dort bis zu seiner Emeritierung (2009).

Als Gastprofessor lehrte er 1995 bis 1998 in Cardiff (Wales) und ab 1997 an der London School of Economics and Political Science (LSE). 2011 wurde er Professor der Pariser Wissenschaftsstiftung Fondation Maison des Sciences de l'Homme (FMSH).

Beck war einer der meistzitierten Soziologen der vergangenen Jahrzehnte. Als Professor für Soziologie lehrte er unter anderem an den Universitäten Münster, Bamberg und München.

Beck über den «eigenen Gott»

Auch «Gott» war ein Thema für Beck. In seinem Buch «Der eigene Gott» reflektierte er über die Friedensfähigkeit und das Gewaltpotential der Religionen. Im Jahr 2008 sprach er mit SRF darüber. Hier gehts zum Audio.