Spaniens Krise kann noch lange dauern

Spaniens Wirtschaft wächst wieder, die Arbeitslosenzahlen sinken, wenn auch langsam. Die konservative Regierung feiert das als ihren Erfolg und hofft auf einen Wahlsieg am kommenden Sonntag. In Barcelona aber sitzt der Mann, der die Krise vorhergesagt hatte. Und der warnt vor Euphorie.

Schlange vor dem Eingang zu einer staatlichen Arbeitsvermittlung

Bildlegende: Schlangestehen für einen Job: Arbeitssuchende in Madrid. Keystone

An der traditionsreichen Jesuitenuniversität Ramón Llull in Barcelona sind die Büros der Professoren spartanisch. Ein kleiner Schreibtisch, zwei Stühle, drei, vier Fotos behelfsmässig an die Wand geklebt. Santiago Niño Becerra, Professor für Ökonomie, erhebt sich von einem kleinen Schreibtisch und begrüsst seinen Gast mit den Worten: «Es geht schlecht. Spanien geht es sehr schlecht.»

Das Spielfeld ist abgesteckt. Auf den Einwand, die jüngsten Daten seien doch ermutigend, reagiert Niño Becerra mit einer wegwerfenden Handbewegung. «Das Wachstum, von dem Sie in den Zeitungen lesen, ist eine Fiktion. Das basiert auf Faktoren, die sich schnell ändern können.»

Neue Jobs sind meist nur auf Zeit

Der Tourismus habe weiter zugenommen, weil Ägypten und Tunesien unsichere Länder seien. «Wenn das Geschäft dort wieder läuft, haben wir 5 Millionen Touristen weniger.» Die niedrigen Ölpreise, die tiefen Zinsen, das seien keine Erfolge der spanischen Regierung, sondern konjunkturelle Vorteile, nichts, was bleibt.

Spanien ist hoch überschuldet. «Die Arbeitslosigkeit ist immer noch über 20 Prozent», sagt der Professor, «und die neuen Stellen, von denen die Regierung spricht, sind überwiegend zeitlich limitiert. Selbst einen Festangestellten werden Sie mit dem heutigen Arbeitsrecht schnell wieder los. 20 Tage gearbeitet und raus. Kein Problem.»

Arbeitslosenquote in Spanien Die Quote wird jeweils in Prozent angegeben. Bei der Angabe zum Jahr 2015 handelt es sich um eine Schätzung des IWF.

Kaum Investitionen möglich

Das ist noch keine dauerhafte Erholung. Und Spanien, sagt Niño Becerra, fehlten die Voraussetzungen, daran schnell etwas zu ändern. Die Wirtschaft sei zu wenig produktiv und liege deutlich hinter andern Ländern der Eurozone zurück.

«Schauen Sie, die Produktivität steigert man mit Investitionen und indem man das Unternehmen besser organisiert. Porsche in Deutschland kann sich teure Berater leisten, um die Produktion zu optimieren. Und das Unternehmen erwirtschaftet genug, um zu investieren. Aber wer spielt in Spanien in der Porsche-Liga? Sehr wenige.» Die meisten spanischen Betriebe haben kein Kapital und Kredite sind zu teuer, also wird nicht investiert.

Rentenreserven reichen noch knapp vier Jahre

Wie sollten unter solchen Umständen Spaniens Steuereinnahmen steigen? Die Löhne sind niedrig, die Wirtschaft schreibt mehrheitlich keine Gewinne. Die Sozialausgaben aber werden (obschon sie gekürzt wurden) hoch bleiben. Und die Pensionen, warnt Niño Becerra, sind gefährdet: «Die Sozialversicherung Spaniens wird dieses Jahr mit einem Defizit von etwa 15 Milliarden Euro abschliessen.»

Die spanischen Pensionen würden weiter bezahlt, weil die Regierung Zapatero eine Schwankungsreserve geschaffen hat. Aus dieser Kasse seien in den letzten vier Jahren etwa 30 Milliarden Euro ausbezahlt worden. «Jetzt reichen die Reserven noch für dreieinhalb oder vier Jahre. Die Regierung, die dann antritt, wird sie leer vorfinden. Und dann: Renten senken, was sonst?»

Santiago Niño Becerra ist nicht der einzige Zweifler. Die EU hält die spanischen Budgetberechnungen 2016 für zu optimistisch – und verlangt neuerliche Einsparungen zwischen 8 und 10 Milliarden Euro. «Auch der Internationale Währungsfonds zweifelt an Spaniens Berechnungen, und im jüngsten Rapport der OECD steht, Spaniens Prognosen hätten keine Grundlage.»

2016, sagt Niño Becerra, wird ein schwieriges Jahr. Ganz generell. Und sicher für Spanien.

Wachstum des BIP in Spanien Jeweils im Vergleich zum Vorjahr in Prozent. Die Angabe zum Jahr 2015 ist eine Schätzung des IWF.

Wahlkampf beendet

Wahlkampf beendet

Spanien wählt am Sonntag ein neues Parlament. Letzten Umfragen zufolge ist der Ausgang der Wahlen ungewiss – auch, weil viele Spanier unentschieden sind. Der konservative Premier Rajoy darf zwar hoffen, dass seine PP wieder stärkste Kraft werden. Allerdings dürfte das Ergebnis weit von der absoluten Mehrheit entfernt unter 30 Prozent liegen.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Spanien vor der Wahl

    Aus Tagesschau vom 19.12.2015

    Morgen wählen die Spanier ihr neues Parlament. Die konservative Regierung muss ich gegen den Angriff der Protestparteien wehren, die in den vergangen Krisenjahren erstarkt sind.

  • «Die alte Politik wird zusammenbrechen»

    Aus Echo der Zeit vom 19.12.2015

    «Bufón» nennen ihn seine politischen Gegner: Narr. Dem Katalanen Albert Boadella gefällt das. Er ist Direktor der Teatros del Canal in Madrid. Der Narr hat die Freiheit zu sagen, was ihm in den Sinn kommt.

    Der 72-jährige ist einer der geistigen Väter der neuen Mitte-Rechts-Partei «Ciudadanos», die bei den spanischen Parlamentswahlen auf einen grossen Erfolg hofft.

    Martin Durrer

  • Podemos wird auch argwöhnisch beobachtet - als spanische Version der griechischen Regierungspartei Syriza. «Solche Parteien wecken grosse Hoffnungen auf Veränderungen; man muss einfach wissen, dass es dann vielleicht ganz anders kommt», sagt Celia Sanz Pérez.

    Podemos und die Hoffnung auf ein neues Spanien

    Aus Echo der Zeit vom 15.12.2015

    Die spanische Linkspartei Podemos will bei den Wahlen vom 20. Dezember einen Spitzenplatz erreichen. Podemos ist für viele die einzige Alternative zum traditionellen spanischen Parteiensystem. Auch für die 66-jährige Celia Sanz Pérez.

    Sie hat Francos Diktatur erlebt und war bei Spaniens Übergang zur Demokratie dabei. Eine Begegnung in Madrid.

    Martin Durrer