«Spaniens Schnellzug-Netz ist ein Flickenteppich»

Beim Zugunglück in Spanien deutet viel auf eine technische Ursache hin. Zu dieser Einschätzung kommt der langjährige Iberien-Korrespondent von SRF, Alexander Gschwind: «Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz ist ein Flickenteppich und bei den Ortseinfahrten aus Spargründen erst provisorisch ausgebaut.»

Entgleister Talgo 730.

Bildlegende: Entgleister Talgo 730: 78 Menschen starben bei der Katastrophe an der Einfahrt zu Santiago de Compostela. Keystone

SRF: Wie muss man sich die Örtlichkeit an der Unfallstelle vorstellen?

Alexander Gschwind: Es ist eine sehr enge Kurve bei der Einfahrt zum Bahnhof Santiago. Sie ist Teil eines Provisoriums. Wegen der Krise in Spanien hat man bisher eigentlich nur die offenen Hochgeschwindigkeitsstrecken fertig ausgebaut und die Ortseinfahrten mit Provisorien angebunden, weil diese technisch und finanziell sehr anspruchsvoll sind.

Welche Probleme stellen sich für die Lokführer?

Sie müssen den Zug zuerst von Tempo 250 auf 80 km/h abbremsen und dann in der Einfahrt noch verlangsamen. Gleichzeitig passt sich der Zug auf die wechselnde Spurweite an. Denn auch vor Santiago geht die Strecke von der europäischen Normalspur auf die konventionelle iberische Breitspur über. Es könnte sein, dass das hochkomplexe System zu einer Störung in der Bordelektronik geführt hat. Die technische Untersuchung wird Antworten geben.

Kann ein Lokführer im Talgo 730 bei einem Notfall noch eingreifen und manuell bremsen?

Theoretisch ja, aber das europäische Zugkontrollsystem ETCS ist in jedem Fall viel schneller und zuverlässiger als jeder Mensch. Der Lokführer wäre wahrscheinlich auch im konkreten Fall zu spät gekommen.

Was könnte die Unfallursache gewesen sein?

Ich kann mir nur einen technischen Defekt vorstellen. Dafür spricht auch der Umstand, dass der Süd-Kopf des Bahnhofs noch im Umbau steht. Denn dort kommen zwei konventionelle und eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zusammen, die alle nur provisorisch miteinander verknüpft sind. Es könnte sehr wohl sein, dass auch das Sicherheitssystem erst aus einem Provisorium bestanden hat.

Ist es denkbar, dass der Zug aus Spargründen nicht richtig gewartet war?

Der Talgo 730 ist das Spitzenprodukt der spanischen Eisenbahntechnik. Der Zug wurde erst vor 15 Monaten in Betrieb genommen und wird intensiv in ganz kurzen Abständen gewartet. Eine schlechte Wartung ist für mich kaum vorstellbar. Dann eher ein Ausfall der Elektronik. Hitzebedingte Zugstörungen gibt es auch im milderen Mitteleuropa immer wieder.

Lassen sich schon Konsequenzen abschätzen oder ist das noch zu früh?

Der Unfall wird die Diskussion über den Flickenteppich des spanischen Hochgeschwindigkeitsprogramms wieder intensivieren. Es ist ohnehin höchst umstritten, weil es die finanziellen Möglichkeiten des Landes bei weitem überfordert. Der Unfall ist aber auch für die spanische Bahnindustrie eine schlechte Nachricht, die mit dem ambitiösen Hochgeschwindigkeitsprogramm technologisch zu den Spitzennationen aufgestiegen ist. Es gibt etwa einen heftigen Wettbewerb mit Alstom über einen Exportauftrag in Brasilien.

(srf/brut;krua)

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Der entgleiste Zug in der Nähe von Santiago de Compostela im Norden Spaniens.

    Mindestens 77 Tote und 140 Verletzte bei Zugsunglück in Spanien

    Aus Rendez-vous vom 25.7.2013

    Der Zug mit etwa 250 Reisenden war von Madrid in die Küstenstadt El Ferrol im Nordwesten Spaniens unterwegs, als er kurz vor Santiago de Compostela entgleiste. Scheinbar ist er mit rund 190 Stundenkilometern in eine Kurve gefahren, obwohl höchstens Tempo 80 zulässig gewesen sei.

    Gespräch mit dem ehemaligen Iberien-Korrespondenten Alexander Gschwind.

    Martin Durrer und Ivana Pribakovic