Zum Inhalt springen

International Spaniens unsichtbare Armut – eine tickende Zeitbombe

Warum funktioniert in Griechenland nicht, was andere Länder auf Kurs gebracht hat? Beispiel Spanien: Hier wächst die Wirtschaft wieder. Allerdings sind die neuen Stellen meist zeitlich beschränkt und schlecht bezahlt. Zudem ist Armut ein grosses Problem – eines, das viele nicht sehen.

Dutzende Menschen allen Alters stehen auf dem Trottoir in einer Reihe und warten.
Legende: Unter denen, die heute für eine Mahlzeit anstehen, sind auch welche, die früher selber Essen an Arme verteilt haben. Keystone

Arm sind immer die anderen. Was heisst schon arm? Wer ist arm? Viele können sich darunter nichts vorstellen. Arm sein in Spanien ist wie eine schwere Krankheit, von der man lieber nichts Genaues wissen möchte. Sogar Menschen, die alles verloren haben, wissen oftmals nicht, dass sie zur Sozialhilfe gehen könnten.

Abgestürzte Mittelklasse

Juan Antonio Herrera vom spanischen Roten Kreuz erlebt das oft. «Viele glauben, Sozialhilfe sei für die Armen – nicht für sie», sagt er. So denke die Mittelklasse, die abgestürzt sei. «Wir sehen die Leute manchmal vor unserem Fenster stehen. Sie laufen wieder weg, ihr Stolz erlaubt ihnen nicht, um Hilfe zu bitten. Am Ende kommen sie dann doch zurück und treten ein, weil ihre Lage so verzweifelt ist.»

Herrera arbeitet im Viertel Hortaleza im Nordosten Madrids. In dieser gesichtslosen Vorstadt leben knapp 200'000 Menschen. Wohntürme beherrschen das Bild. Es ist zwar kein gastlicher Ort, aber auch kein Elendsviertel. Wer auch immer Hortaleza beschreibt, braucht das gleiche Wort – so, als hätte es noch Bedeutung: Mittelklasse. Vor der Krise war «Mittelklasse» die Verheissung. Jetzt bedeutet das Wort für viele «Absturz».

Alle waren plötzlich Mittelklasse – niemand sah sich mehr als Arbeiter.
Autor: Claudia PerrondoAktivistin bei den «Indignados»

Die Aktivistin Claudia Perrondo gehört zur Bewegung «15M» – zu den «Indignados», die mit ihren Protestmärschen gegen Krise und Korruption bekannt geworden sind. Sie erinnert sich an den allgemeinen Rausch – und an die Ernüchterung. «In den Jahren vor der Krise stiegen im Bewusstsein alle in die Mittelklasse auf, niemand sah sich mehr als Arbeiter.» Alle hätten konsumiert, man habe geglaubt, es werde ewig so weitergehen.

Dauernd sei die Botschaft verkündet worden: ‹Wir sind super, wir sind der Wirtschaftsmotor Europas›. «Das war eine Lüge, aber die Leute glaubten sie. Jetzt zuzugeben, dass man zum Opfer, zum Betrogenen in diesem System wurde, fällt schwer», sagt die Aktivistin. So verschwinden Armut und soziale Not, sie werden unsichtbar. Sie bleiben hinter den Fassaden. «Man weiss nichts voneinander», sagt Mar Sánchez, Perrondos Kollegin.

Aus Isolation wird Armut

«Wenn du zu Hause die Heizung im Winter nicht mehr anstellst, um Geld zu sparen, weisst nur du das. Wenn du nicht mehr zum Zahnarzt gehst, weisst das auch nur du. Die Gesellschaft, die Nachbarn, wissen nichts davon.» Aus dieser Isolation könne Armut werden. Die Linie zwischen dem Hier und dem Dort sei sehr fein, so Sánchez weiter.

«Und weil diese Not nicht sichtbar ist, existiert sie statistisch kaum und ist keine politische Grösse», fügt Perrondo an. Auch die Medien widmeten sich dem Thema nur selten. «Man spricht lieber von Erholung und Aufschwung. Vom Ende der Krise.»

Ein Drittel hat kein fixes Einkommen

Doch man habe gewusst, dass es eine andere Realität gibt. Deshalb haben die «Indignados» von Hortaleza, angeleitet von einem Soziologen, eine eigene Untersuchung gemacht. Das Ergebnis ist eine 60-seitige Studie über die Armut in Hortaleza. Demnach verfügt fast ein Drittel der Haushalte über kein Einkommen aus geregelter Arbeit. Es fehlt Geld für Schulbücher der Kinder oder für Kleider. Vergnügungen wie Kino, Theater oder gar Ferien sind kein Thema. Für viele wohl nicht mal mehr ein Traum.

Das ist eine Zeitbombe.
Autor: Juan Antonio HerreraSpanisches Rotes Kreuz

Enrique del Arbol versucht, ihnen zu helfen. Er leitet die lokalen Büros der Diaconía, dem evangelischen Pendant zur Caritas. Seit 30 Jahren arbeitet er in der Entwicklungs- und Sozialhilfe. «Nie hätte ich geglaubt, dass ich in meinem Land wieder Leute sehen würde, die in Abfallcontainern wühlen», sagt er. Plötzlich sei seine Organisation wieder damit beschäftigt, den Leuten Essen zu geben, Kleider zu verteilen, Stromrechnungen zu bezahlen. «Das ist reine Nothilfe.»

Es gebe auch Leute, die früher als Freiwillige geholfen hätten, den Notleidenden Essen zu verteilen, und die heute in den gleichen Gassenküchen anstehen, in denen sie zuvor als Helfer waren. «Das ist sehr ernst, das erfüllt sie mit Scham und Selbstzweifeln», so del Arbol.

Für viele gibt es keine Sicherheit mehr

Was einst als sicher galt, ist ins Rutschen geraten. Für viele Spanier gibt es keine Sicherheit mehr. Und die Erfolgsstatistiken vom Stellenmarkt erzählen nie die ganze Wahrheit. Herrera vom Roten Kreuz übersetzt die Zahlen in Bilder des Alltags. «Vollzeitstellen mit unbeschränktem Vertrag sind Vergangenheit.» Heute seien die Verträge meist zeitlich beschränkt, nach vier Monaten stehe man wieder auf der Strasse, suche einen neuen Job und finde nach einigen Monaten vielleicht wieder einen. Zudem: «Der Lohn ist niedrig, und er ist nicht dauerhaft.»

Familien könnten so nichts mehr planen, sagt Herrera. «Zukunft? Das ist nicht nächstes Jahr; das ist morgen, übermorgen, vielleicht nächste Woche. Weiter denkt kaum jemand. Auch die Jungen nicht, wenn sie aus armen Familien kommen.» Entsprechend könnten die Jugendlichen nicht an eine Berufskarriere denken; daran, etwas zu lernen, besser zu werden, aufzusteigen.

«Alles dreht sich nur um die Frage, wie komme ich zu etwas Geld fürs Nötigste?» Das muss man sich vorstellen – bei einer Arbeitslosigkeit, die immer noch über 20 Prozent liegt. «Das ist eine Zeitbombe», sagt Herrera. Sie tickt – und wir schauen zu.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Jürg Sand, Zürich
    So geht das: schnell! Kurz bevor die finanzielle Katastrophe hereinbricht, ist die Party noch voll im Gang. Also, liebe Mitbürger, lasst es euch gesagt sein, reich wird man nicht von den Einnahmen, sondern von dem was man nicht ausgibt. Was ich meine ist nicht Askese und Geiz, aber ein den Verhältnissen angepasster Lebensstil.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von D. Schmidel, St. Gallen
    Das traurigste an dieser Meldung ist, dass die Grünen und Linken in der Schweiz genau diese Tatsachen tabuisieren und eine beispiellose Gleichgültigkeit zugunsten der EU-Schikimiki an den Tag legen. Europa ist viel tiefer gesunken als man es darstellt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M. Kaiser, Rebstein
    Es wird immer so bleiben , den Salat den die Neureichen samt ihrem Filz in der Wirtschaft und Politik hinterlassen, haben die einfachen Büezer zu beheben - das geschieht ganz subtil über die Niederlohnschiene und Arbeitslosigkeit . Die Ratten verlassen das sinkende Schiff auf dem sie noch fette Gewinne machten , zurück bleibt der dumme Sklave mit leeren Taschen . Leider fängt auch bei uns das Gehirn erst bei Hunger an zu arbeiten , das scheint ein Naturgesetz zu sein , eine sehr üble Sache .
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von D. Schmidel, St. Gallen
      @Kaiser, Wenn man in der Schweiz tief gestürzt ist, weil man Mist gebaut hat, muss man halt die ganze Schuld anderen zuschieben. Aber man kommt dabei nicht weiter und wird zum unglaubwürdigen Frustbürger.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen