Sprachenfrage entzweit die Navajo

Die Navajo in den USA wählen ihren Präsidenten. Doch die Sprache entzweit die Menschen im Indianer-Reservat im Südwesten der Vereinigten Staaten: Ein populärer Kandidat wurde aus dem Rennen genommen, weil er die Navajo-Sprache nicht fliessend spricht.

Wahlkampf im Land der Navajo

Der alteingesessene Politiker Joe Shirley wirbt im Radio um die Stimmen der Navajo, die heute ihren Präsidenten wählen. Sein grösster Konkurrent ist der junge Chris Deschene. Dieser erzielte in den Vorwahlen letzten Herbst fast so viele Stimmen wie Shirley. Der 43-jährige Ingenieur und ehemalige Marine-Leutnant wurde aber von der Wahl ausgeschlossen, weil er die Navajo-Sprache nicht beherrscht. Das macht viele seiner Stammesgenossen wütend.

«Meine Stimme zählt nicht»

Auf einem Markt in Shiprock verkauft eine Frau frittiertes Brot und Fleisch. Sie sagt, was viele denken, die bei der Vorwahl Deschene gewählt haben: «Ich stimme nicht ab, denn meine Stimme zählt nicht.» Sie wirft ein rundes Stück Teig von einer Hand in die andere und drückt es es flach.

«Deschene ist gut ausgebildet und hätte bessere Arbeit geleistet als die anderen. Was hat Shirley in seinen acht Jahren als Präsident gemacht? – Nichts», meint die Frau abschätzig und wirft den Teig ins heisse Öl. Sie sieht die Sprachvorgabe als Manöver, um junge Menschen von der Macht fernzuhalten.

Leben in grosser Armut

Korruption und Unfähigkeit prägten die Navajo-Regierung in den letzten Jahren. Das Reservat am Grand Canyon im Südwesten der USA ist mehr als anderthalb mal so gross wie die Schweiz. Die Regierung bestreitet ihr Budget vorab aus Abgaben aus Öl-, Gas- und Kohleabbau, Casinos und dem Tourismus. Nur ein kleiner Teil der Einnahmen kommt den einzelnen Stammesmitgliedern zu Gute.

Diese leben oft in grosser Armut: Vierzig Prozent der Navajo haben kein fliessendes Wasser, dreissig Prozent keinen Strom, jeder zweite hat keine Arbeit. Die meisten Strassen sind ungeteerte Schotterwege.

Eine 21-jährige Studentin hat alte Kleider auf einem Tisch ausgebreitet. Sie kosten einen Dollar pro Stück. Dazu, dass ein Präsidentschaftskandidat die Navajo-Sprache beherrschen muss, meint sie: «Das ist Bullshit, das sollte keine Bedingung sein». Sie selber könne ja nichts dafür, dass ihre Eltern ihr diese Sprache nicht beigebracht hätten.

Immer weniger sprechen Navajo

Weniger als die Hälfte der gut 300'000 Navajo sprechen die Sprache heute noch, Tendenz sinkend. In erster Linie sind das ältere Generationen. «Wenn für die Präsidentschaft die Navajo-Sprache verlangt wird, so fühle ich mich unerwünscht. Ich spreche kein Wort Navajo», erklärt die junge Frau kopfschüttelnd.

Andere Menschen auf dem Reservat finden es hingegen äusserst wichtig, dass der Präsident die Navajo-Sprache spricht. Einer davon ist Florian Jonathan, Lehrer für Navajo-Kultur und Sprache. Er sagt: «Solange unsere Politiker Englisch reden, senden wir das Signal aus, dass dies die Sprache der Macht ist, dass unsere Sprache weniger wert ist.»

Und so kämpft Jonathan für die Erhaltung der Sprache, denn mit ihr sterbe auch die Kultur der Navajo, warnt er. Sein Ziel ist es, dass alle Mitglieder seines Stammes die Wahlkampf-Spots verstehen – auch wenn sie in der Sprache der Navajo gesendet werden.