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International «Stadt der Verlorenen» droht der Untergang

Die kenianische Regierung will das grösste Flüchtlingslager der Welt, Dadaab, schliessen: Es sei eine Brutstätte des Terrors. Der Menschenrechtsaktivist Ben Rawlence bezweifelt die offiziellen Verlautbarungen – und fordert, diese Metropole der Vertriebenen endlich anzuerkennen.

Während fast 25 Jahren beherbergte Kenia mehr als eine halbe Million Menschen aus den benachbarten Ländern Somalia und Südsudan. Nun will die Regierung die Flüchtlingslager Dadaab und Kakuma schnellstmöglich schliessen. «Die Gastfreundschaft ist zu Ende», verkündete Kenias Regierungssprecher vor wenigen Tagen.

Seit dem Terroranschlag auf das vornehmste Einkaufszentrum in Nairobi vor drei Jahren sei für die kenianische Regierung klar, dass das Flüchtlingslager Dadaab unweit der somalischen Grenze ein Versteck für Kämpfer der islamistischen Terrormiliz Al-Shabaab sei – und jetzt werde aufgeräumt: «Wir starten mit der Räumung in wenigen Tagen. Das ist nicht ein Prozess, der von heute auf morgen beendet ist, aber wir beginnen jetzt.»

Inspiriert von Europas Flüchtlingspolitik?

Auf die Frage, ob sich die Regierung bewusst sei, dass sie mit diesem Schritt internationales Recht breche, entgegnete der Regierungssprecher: «Kenia ist nicht das erste Land auf der Welt, das Flüchtlinge nach Hause schickt. Auch Europa löst Lager auf und schickt Flüchtlinge in ihre Länder zurück.»

Legende: Video Eindrücke aus dem Flüchtlingslager (unkommentiert) abspielen. Laufzeit 00:28 Minuten.
Aus News-Clip vom 12.04.2015.

Diese Aussagen machen den britischen Menschenrechtsaktivisten und Buchautor Ben Rawlence hellhörig. Er bezweifelt die offiziellen Verlautbarungen der kenianischen Regierung: «Es gibt keinen Beweis, für terroristische Aktivitäten in diesen Flüchtlingslagern. Die Aussagen sind politisch motiviert.»

Das Bild der Flüchtlingscamps als Brutstätte des Terrorismus hinkt für Rawlence gewaltig: «Die meisten Menschen sind arm, leben auf engem Raum und können auch nicht weg. Klar suchen auch die Terroristen nach neuen Kämpfern. Sie tun das aber in Somalia – genau davor flüchten ja viele Menschen erst.»

Die kenianische Regierung wolle die Flüchtlinge dämonisieren, um von den eigenen Problemen abzulenken: «Sie hat von den europäischen Erfahrungen gelernt, dieser nicht sehr offenen Haltung Flüchtlingen gegenüber.»

In Kenia sage man sich nun: «Wenn ihr euch in Europa nicht an der Lösung beteiligt, warum sollten wir das dann tun?» Tatsächlich gehe es Kenia darum, an Gelder für ihren Militäreinsatz in Somalia zu kommen, da die internationale Gemeinschaft dort nicht selber intervenieren wolle.

Der Ausnahmezustand ist hier normal

Rawlence besuchte die Lager in Dadaab in den letzten sechs Jahren wiederholt. Zuerst als Mitarbeiter von Human Rights Watch, dann für die Recherchen für sein Buch «City of Thorns» (Stadt der Dornen). Darin beschreibt Rawlence das Leben in einem einstigen Provisorium des Elends, in dem so etwas wie Normalität eingekehrt ist: «Klar gibt es viel arme Menschen, die um ihr Leben kämpfen. Aber es gibt auch so etwas wie eine Mittelklasse; es gibt Schulen, eine funktionierende Wirtschaft und Spitäler.»

Legende: Video Drohnenflug über Flüchtlingscamp (tonlos) [CNN] abspielen. Laufzeit 00:11 Minuten.
Aus News-Clip vom 10.05.2016.

Manche Menschen führten ein Geschäft, andere hätten über das Internet Abschlüsse gemacht: «Es gibt hier die ganze Palette des sozialen Lebens, sogar Hotels oder eine Fussballliga. Es ist die drittgrösste Stadt Kenias.» Mitunter siedelten sogar Kenianer selbst nach Dadaab, um dort eine Arbeit zu finden.

Unvorstellbarer Wahnsinn

Die Pläne von Kenias Regierung, das Lager aufzulösen, hält Rawlence für «völligen Wahnsinn»: «Damit wird die Lebensgrundlage abertausender Menschen zerstört.» Auch eine Umsiedlung der Menschen sei unvorstellbar: «Das würde bedeuten, eine Stadt von der Grösse von Zürich 100 Kilometer über die Grenze eines anderen Landes zu verlegen.» Ein Wahnsinn der, wie Rawlence anfügt, für Kenia auch nicht zu bewältigen wäre, weder finanziell noch logistisch.

Der Aktivist fordert ein radikales Umdenken: «Statt das Lager zu eliminieren, sollte die kenianische Regierung versuchen, von der Dynamik der Stadt zu profitieren.» Doch Kenia wolle das Camp nicht dauerhaft akzeptieren. Alles müsse auf einer temporären Basis aufgebaut werden. Die UNO sei deswegen gezwungen, Zelte zu verteilen anstatt Häuser zu bauen: «Niemand darf offiziell arbeiten, also müssen Hilfsgüter verteilt werden.» Diese Einschränkungen würden die Entfaltung der Menschen, und damit der «Stadt der Dornen», behindern.

Kein wirklicher Plan B

Kein wirklicher Plan B

Die staatliche Flüchtlingsbehörde Kenias wurde bereits aufgelöst. Das Innenministerium publizierte einen Plan, wie das Lager beseitigt werden kann. Wohin die 600'000 Menschen gehen sollen, die in den Lagern geboren wurden oder leben, scheint die Regierung nicht zu wissen. Im benachbarten Südsudan und in Somalia herrscht Bürgerkrieg.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Man könnte den Flüchtlichen ein Stück Land geben in Afrika +sie könnten darauf Landwirtschaft betreiben. Die Wirtschaftstreiber, die Gierigen, die Geizigen, die grossen Konzerne, diejenigen die mit Flüchtlingen Geld machen, Obama, EU, Schweiz, China, Moslems, IS usw. wollen das nicht. Die Welt will die Bevölkerung in Afrika nicht in Ruhe lassen. Sie lügen dazu noch die Bevölkerung von Afrika an und sagen ihnen, dass die Wirtschaft gefördert werden müsse! Genau wie bei uns, nur noch schlimmer.
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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Es ist zu befürchten, dass solche grosse Lager immer häufiger werden. Mann kann Menschen relativ günstig versorgen und hat sie mit minimalem Aufwand unter Kontrolle. Genau solche "Einrichtungen" schweben den Verantwortlichen in Europa vor. So wird das Problem der Migranten günstig und kontrolliert ausgelagert. Libyen und andere Gebiete in Nordafrika bieten sich da für Europa an. Die Hauptursachen für das Entstehen sind skrupellose Ausbeutung und die ungesunde Bevölkerungszuwachs.
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    1. Antwort von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
      Naja, man könnte ja mal den Finger aus dem Hintern nehmen und ein kleines Geschäft aufbauen, eine kleine Produktionsstätte etc. Und genau das geschieht auf dem Afrikanischen Kontinent nicht ohne Anstoss von aussen. Afrika wäre derart reich, das Marktpotential derart gross... und was macht man? Warten bis Kohle aus Europa kommt. Wobei Europa die Situation zu seinen Gunsten ausnutzt (siehe Gratis-Geflügel aus Deutschland, welches den lokalen Markt in Ghana zerstört...).
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Wie viel Elend muss es noch geben, bis auch der "Letzte" merkt, dass es viel zu viele Menschen auf dieser Erde gibt? Die Welt muss Wege finden, zu weniger Menschen + zwar überall! Immer mehr werden Menschenleben "künstlich" verlängert +Kinder die "natürlich" nie überleben würden, werden mit allen Mitteln gerettet, auch wenn sie kein würdiges Leben vor sich haben.Ich bin überzeugt, dass gerade die "Gutmenschen" die ja nur Gutes wollen, noch lange brauchen, um zu sehen, das sie das Elend fördern.
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    1. Antwort von roland goetschi (pandabiss)
      Und wer entscheidet was ein "würdiges Leben" ist? Und hören Sie bitte auf mit diesem "Gutmenschen". Was soll das sein? Überall dort wo etwas nicht nach Ihren Vorstellungen läuft sind angeblich "Gutmenschen" schuld. Würde Sie ja auch nicht als "Schlechtmenschen" betiteln.
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    2. Antwort von Samuel Nogler (semi-arid)
      Es gibt nicht zu viele Menschen, sondern zu viele Egoisten. Der Grossteil der heutigen Not wurde durch den enormen Egoismus und Gier des Nordens verursacht, welches über Jahrhunderte die Menschen des Südens ausgebeutet hat und immer noch ausbeutet. Eines Tages wird die Gier aufhören, an jenem Tag wird auf dieser Erde auch die Not enden - Menschen werden es nicht tun, sondern Gott wird eingreifen.
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    3. Antwort von Walter Schmid (W. Schmid)
      Herr Nogler. Gott wird eingreifen! Dann kommt er aber seit Jahrhunderten immer zu spät. Aber ist ja gut, glauben Sie doch an menschgemachte Kulte. Jede Glaubensrichtung ist menschgemacht. Wo ich Ihnen jedoch 100%zig Recht gebe ist, der Mensch und seine Gier. Diese Gier treibt uns eines Tages sicher Richtung Untergang, weil Menschen aus Gier den Klimawandel, die Abholzungen, das Ausfischen der Weltmeere etc in Kauf nehmen. Leid tun mir unsere Grosskinder, auch in der jetzt noch heilen Schweiz.
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    4. Antwort von Samuel Nogler (semi-arid)
      Herr Schmid, Es stimmt, dass Religionen und Kulte menschgemacht sind. Andererseits hat Gott den Menschen gemacht und ihm gesagt, wie er leben soll, weil er die Menschen liebt und für sie nur das Beste will. Krieg, Not und Elend kommen nicht von Gott, sondern sind eine Konsequenz der Ignoranz gegenüber Gottes geboten. Gott kommt nie zu spät, sondern aus Liebe, Langmut und Geduld wartet er mit dem Gericht zu, damit Menschen errettet werden können.
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