«Steuerhinterziehung wird oft mit Schwarzfahren gleichgesetzt»

Die «Panama Papers» umfassen viele prominente Namen. Weshalb greifen gerade reiche Menschen immer wieder zu Tricks, um Geld am Fiskus vorbeizuschleusen? Ein bestimmtes Verständnis von Gerechtigkeit spiele eine wichtige Rolle, sagt der Steuerpsychologe Stephan Mühlbacher.

Lionel Messi im freien Flug nach einem Foul.

Bildlegende: Eine Briefkastenfirma von Lionel Messis Vater taucht in den «Panama Papers» auf. Reuters

Ranghohe Politiker aber auch Grössen aus Sport und Showbusiness werden in Zusammenhang mit den «Panama Papers» genannt. Auch wenn Offshore-Firmen zur legalen Steueroptimierung genutzt werden können, steht der Verdacht der Steuerhinterziehung im Raum.

Schon viele Prominente mit einem gut gefüllten Bankkonto haben sich zur Steuerhinterziehung hinreissen lassen. Doch wozu der Aufwand, wenn das korrekte Bezahlen der Steuern problemlos möglich wäre?

SRF News: Steuern werden zum Nutzen der Allgemeinheit erhoben. Weshalb werden immer wieder Fälle von so genannten Superreichen publik, die Steuern hinterziehen?

Stephan Mühlbacher: Medial diskutiert werden natürlich vorrangig prominente Steuersünder, also Celebrities und Superreiche. Diese Persönlichkeiten kennt jeder und ihre Fälle sind interessanter oder schwerwiegender als der Durchschnittsfall.

Nicht selten sind die angewendeten Praktiken durchaus legal – man denke beispielsweise an Starbucks, Apple oder Amazon – weil sich eine ganze Armada an spezialisierten Anwälten darum kümmert, dass alle Buchstaben des Gesetzes eingehalten werden. Aber auch diese Spezialisten kosten viel Geld, das nur Reiche und Grosskonzerne aufzubringen vermögen. Deren Verhalten wirkt sich auch nachteilig auf die Steuermoral des «kleinen Mannes» aus. Dieser beginnt sich zu fragen, warum er ehrlich sein soll, wenn sogar seine verehrten Vorbilder aus Sport wie Uli Hoeness oder Politik betrügen.

Täuscht der Eindruck oder sind es tatsächlich vor allem Superreiche, welche Steuern hinterziehen? Wie sieht es beim «Otto-Normalverdiener» aus?

Hinterzogen wird auch von «Otto-Normalverdienern», allerdings meist auf andere Art und Weise: Schwarzarbeit wird als die Steuerhinterziehung des «kleines Mannes» bezeichnet. Methoden wie in den «Panama-Papers» aufgezeigt, sind sehr aufwendig. Sie «rentieren» sich nur, wenn es um höhere Summen geht.

«  Gerade Superreiche argumentieren häufig, dass sie lieber selber entscheiden möchten, an wen sie Ihr Geld spenden, als es der Politik zu überlassen. »

Wo liegen die Motive für Steuerhinterziehung? Liegt es am Geld, das eingespart werden kann?

Ein Motiv der Hinterziehung liegt sicher in der egoistischen Vermögensmaximierung. Da Geld auch Macht bedeutet, kann man davon scheinbar nie genug haben. Fairness ist ein oft genanntes, weiteres Motiv: Viele fühlen sich vom Staat ungerecht behandelt, oder im Vergleich zu anderen als zu hoch besteuert.

Gerade Superreiche argumentieren häufig, dass sie lieber selber entscheiden möchten, an wen sie Ihr Geld spenden, als es der Politik zu überlassen. Diese würde ohnehin immer das Falsche damit machen und die Steuergelder unsinnig verprassen. Somit verwundert es nicht, wenn Unternehmen wie Facebook sich auf der einen Seite als Wohltäter profilieren, beim aus Steuern finanzierten Allgemeinwohl aber eher knausrig sind und sich beim Steuersparen als durchaus kreativ erweisen. Was auf den ersten Blick als ausgeprägte Philanthropie erscheint, wirkt bei genauerem Hinsehen als demokratiepolitisch sehr bedenklich, wenn nur mehr Reiche bestimmen, was gefördert wird und was nicht.

Wird Steuerhinterziehung trotz der medialen Aufmerksamkeit in den letzten Jahren immer noch als Kavaliersdelikt angesehen?

In Umfragen wird das Delikt der Hinterziehung oft in dieselbe Kategorie wie ein Fahrraddiebstahl oder Schwarzfahren im öffentlichen Verkehr verortet. Wenn man bedenkt, dass Steuerbetrug einen volkswirtschaftlichen Schaden in Millionenhöhe verursacht, so erstaunt diese Wahrnehmung. Allerdings scheint sich dieses Bild durch die Arbeit der Regierungen und der OECD sowie durch die mediale Präsenz des Themas etwas zu verbessern.

«  Beim einzelnen kleinen Steuerzahler wirken Kontrollen und Strafen nicht so gut wie in der Theorie angenommen. »

Lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht ein Profil des typischen Steuerhinterziehers erstellen?

Jung, männlich, selbstständig gilt als das typische Profil.

Wie lässt sich die Zahlungsbereitschaft erhöhen? Gibt es neben der Androhung von Strafen auch andere Möglichkeiten?

Lange Zeit wurde ausschliesslich auf Abschreckung und Bestrafung gesetzt. Dieser Ansatz stösst aber an seine Grenzen. Im Falle der von den «Panama-Papers» beschriebenen Praktiken stehen einzelne Staaten global agierenden Netzwerken gegenüber. Diese handeln zwar oft unmoralisch aber nicht ungesetzlich. Aber auch beim einzelnen kleinen Steuerzahler wirken Kontrollen und Strafen nicht so gut wie in der Theorie angenommen. Dies haben zahlreiche empirische Untersuchungen gezeigt.

In letzter Zeit wird daher vermehrt auf einen anderen Ansatz gesetzt, der die Zahlungsbereitschaft erhöhen soll. Dieser baut darauf auf, dass sich die Kooperationsbereitschaft der Steuerzahler in zwei Kategorien teilen lässt: erzwungene sowie freiwillige Steuerehrlichkeit. Die erste Gruppe kann nur durch Androhung von Strafen dazu gebracht werden, ihre Steuern zu bezahlen. Die zweite Gruppe zeigt sich grundsätzlich kooperationsbereit. Daher gilt es aus Sicht der Finanzbehörden, Macht zu demonstrieren. So sollen die Unwilligen zur Kooperation gezwungen werden. Gleichzeitig setzen die Finanzbehörden aber auch auf vertrauensbildende Massnahmen wie gerechte, transparente Entscheidungen. Indem die «schwarzen Schafe» bestraft werden, kann die Steuerehrlichkeit der Kooperativen erhöht werden. Dies stärkt ihr Vertrauen in die Behörden.

Das Gespräch führte Philipp Schneider.

Prominente Fälle von Steuerhinterziehung

Stephan Mühlbacher

Stephan Mühlbacher

ZVG

Der Wirtschaftspsychologe ist Dozent an der Webster Vienna Private University. Zu seinen Forschungsgebieten gehören Steuer- und Entscheidungspsychologie.