Strichplätze – in den Niederlanden hat das Modell versagt

Premiere für den vielbesprochenen Zürcher Strichplatz. Ab sofort bieten dort Prostituierte ihre Dienste in einer beschützten, behördlich genehmigten Umgebung an. In den Niederlanden gab es solche Zonen schon in den 80er-Jahren. Das Modell hat dort inzwischen aber ausgedient.

Ausgemergelte Heroinsüchtige prostituieren sich auf dem Strassenstrich hinter dem Hauptbahnhof für den nächsten Schuss. So sah es in den 1980er- und 90er-Jahren in Amsterdam aus. Es waren menschenunwürdige Zustände, denen die Stadtregierung ein Ende setzen wollte, mit einer Tippelzone, wie der Strichplatz auf Niederländisch genannt wird.

Die Tippelzone habe den Prostituierten ein Stück Zivilisation zurückgegeben, sagt Hans Huijssoon. Der Beamte im Amsterdamer Rathaus hat die Eröffnung, aber auch die Schliessung der Tippelzone miterlebt.

In der Stadt sei die Akzeptanz für diese Rotlichtzone gross gewesen, erinnert sich der heute 62-Jährige. Und im Rathaus sei man auf diese Errungenschaft stolz gewesen.

Sexboxen für Autos und Velos

Die Zone befand sich in einem verlassenen Hafengebiet westlich vom Zentrum. In einem Haus bekamen die Prostituierten medizinische und psychologische Hilfe. Die Zone selbst war mit Verrichtungsboxen – Afwerkplek genannt – ausgestattet, in die die Freier im Auto mit den Frauen hinfahren konnten. Im Gegensatz zur Zone in Zürich, gab es in Amsterdam aber auch Afwerkplekke für Velofahrer.

Sieben Jahre später wurde die Tippelzone kaum noch von drogensüchtigen Prostituierten frequentiert. Viele von ihnen hatten den Entzug geschafft – Heroin war zu einer «Loserdroge» verkommen. Anstelle der ausgemergelten Frauen erschienen dafür immer mehr illegale Frauen aus Osteuropa mitsamt ihren Zuhältern. Und das ging der neuen Führungsriege im Rathaus zu weit.

Gegen Frauenhandel

Die neue Stadtregierung wollte unter keinen Umständen den Frauenhandel unterstützten. Deshalb habe sie sich dazu entschlossen, die Tippelzone zu schliessen.

Wohin die Prostituierten nach der Schliessung verschwunden sind, ist unbekannt. Vielleicht in einen Club, wird gemutmasst, zu einem Escort-Service oder in eine andere Stadt. Zur grossen Verblüffung der Amsterdamer Behörden sind die Prostituierten aber nicht wieder auf der Strasse aufgetaucht. Es gibt in der Stadt keinen Strassenstrich mehr. Hans Huijssoon spricht von einem grossen Rätsel.

Mit der Schliessung der Tippelzone ist der Frauenhandel aber nicht verschwunden. Seit vier Jahren geht die Polizei im Rahmen einer breit angelegten Aktion im Rotlichtviertel gegen Frauenhändler vor. Bisher mit mässigem Erfolg.

Besucher schauen sich die Sexboxen an am Tag der offenen Tür.

Bildlegende: Besucher am Tag der offenen Tür: Die Sexboxen in Zürich gehen nun in Betrieb. Keystone

Polizei muss sich engagieren

Den Frauenhandel wollen auch die Zürcher Behörden mit ihrem Strichplatz unterbinden. Das könne aber nur funktionieren, wenn sich die Polizei voll und ganz für das Projekt engagiere, sagt Hans Huijssoon.

Wenn die Strichzone dem Schutz der Frauen dienen soll, dann reiche es nicht, ihnen nur die Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Die Behörden müssten sich – nur schon aus moralischen Gründen – auch drauf konzentrieren, die Frauen vor den Klauen des organisierten Verbrechens zu schützen.