Zum Inhalt springen

International Südafrika: Viel versprochen, nichts gehalten

Seit rund drei Wochen beherrschen fremdenfeindliche Ausschreitungen gegen schwarze Einwanderer Südfrika. Bislang wurden dabei mindestens sieben Menschen getötet. «Spiegel»-Korrespondent Grill spricht gegenüber SRF von «Verteilungskämpfen auf der untersten Ebene».

Legende: Video Zulu-König weist Verantwortung von sich abspielen. Laufzeit 2:34 Minuten.
Aus Tagesschau vom 20.04.2015.

Mindestens sieben Immigranten sind bei Ausschreitungen gegen afrikanische Einwanderer in Südafrika umgekommen, 300 Personen wurden verhaftet. Betroffen sind bislang vor allem die Städte Durban und Johannesburg. «Spiegel»-Korrespondent Bartholomäus Grill lebt in Kapstadt. Im Interview schildert er seine Eindrücke des Gewaltausbruchs.

SRF News: Gewalt gegen Migranten ist in Südafrika nichts Neues. 2008 kamen bei Unruhen über 60 Menschen ums Leben. Warum ist sie jetzt wieder aufgeflammt?

Bartholomäus Grill: Die Unruhen wurden vermutlich durch dumme Bemerkungen des Zulu-Königs Goodwill Zwelithini ausgelöst. Er hat sich über die Kriminalität beschwert und dafür ausländische Afrikaner verantwortlich gemacht. Zugleich forderte er sie auf, ihre Koffer zu packen und zu gehen. Kurz darauf kam es in der Hafenstadt Durban zu den ersten Ausschreitungen.

Wie präsent sind denn die Migranten im südafrikanischen Alltag?

Hier in Kapstadt werden die meisten niedrigen Arbeiten von afrikanischen Migranten verrichtet. Die Taxifahrer kommen meist aus Simbabwe, die Gärtner aus Malawi, die Parkwächter aus dem Kongo, die Maskenhändler aus Senegal.

Kinder hinter Stacheldrahtzaun, im Hintergrund Zelte.
Legende: Viele Immigranten finden nach den Unruhen in Lagern Zuflucht, die vom Roten Kreuz errichtet wurden. Keystone

Kann man sagen, dass kaum mehr etwas funktionieren würde, wenn sie alle Südafrika verlassen würden?

Das stimmt. Und sie alle hier in Kapstadt fürchten, dass der Funke der Unruhen auch hierher überspringen könnte. Die Migranten sind tief enttäuscht von Südafrika und sagen: ‹Ausgerechnet dieses Land, das wir im Kampf gegen die Apartheid unterstützt haben, diskriminiert jetzt andere Schwarzafrikaner.› In Wahrheit steckt hinter den Ausschreitungen ja nicht Fremdenfeindlichkeit, denn die Weissen oder die Asiaten werden in Ruhe gelassen. Es sind ausschliesslich schwarze Ausländer, die angegriffen werden. Deshalb spricht man hier in Südafrika auch von ‹Afrophobie›.

Dieser Unmut gegenüber Migranten aus den Nachbarländern existiert schon lange in Südafrika. Was verbirgt sich dahinter?

Es gibt nicht nur Wohlstandszonen im Norden, wie etwa Europa, in die Hunderttausende sogenannter Armutsflüchtlinge wollen, sondern es gibt sie auch im Süden. Südafrika ist im Vergleich zu anderen Ländern Afrikas eine reiche Gesellschaft und seit dem Ende der Apartheid 1994 sind schätzungsweise acht Millionen Afrikaner aus den umliegenden Ländern in Südafrika legal und illegal eingewandert. Im Vergleich mit Deutschland würde dies bedeuten, dass nach dem Fall der Mauer rund 16 Millionen Menschen eingewandert wären. Man stelle sich vor, was jetzt in Deutschland los wäre...

Was müsste die südafrikanische Regierung aus Ihrer Sicht unternehmen, um die Ausländerfeindlichkeit im Land zu bekämpfen?

Sie müsste vor allem besser regieren. In der Ausländerfeindlichkeit drückt sich ja auch eine tiefe Unzufriedenheit mit der eigenen Situation aus. Die Regierung hat den Menschen nach dem Ende der Apartheit ein besseres Leben versprochen, doch dieses ist bis jetzt nicht gekommen. In vielen Townships herrscht nach wie vor grosse Armut, staatliche Dienstleistungen gibt es keine. Es kommt deshalb auf der untersten sozialen Ebene zu Verteilungskämpfen, und dabei sind die Ausländer dann die Sündenböcke. Die Südafrikaner pflegen zu sagen: ‹Sie kommen hierher und nehmen uns die Jobs, die Häuser und unsere Frauen weg. Dabei stünde das uns zu, denn wir haben während der Apartheid genug gelitten. Jetzt ist es unsere Zeit, zu essen.›

Wer ist schuld?

Wer ist schuld?

Zulu-König Zwelithini hat die Verantwortung für die jüngsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen zurückgewiesen. Wenn er tatsächlich zum Kampf aufgerufen hätte, dann würde jetzt Krieg herrschen, sagte er am Montag vor mehreren Tausend Zulus. Südafrika hat insgesamt rund 54 Millionen Einwohner (Zählung 2014), davon sind bis zu 8 Millionen Migranten.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Sprechen wir mal vom Wohlstand.. selbst der Farmarbeiter mit der niedrigsten Arbeit (in der CH der traditionelle Knecht) hat alle die Annehmlichkeiten wie saemtliche Elektronik!! und zT sogar Autos, Alle meine Angestellten besitzen irgendwo ein Haus oder sogar zwei.. auch das "niederste" Dienstmaedchen hat einen shak! Und zum Wochenendsuff langts allemal. Es hat massiv gebessert seit der Apartheid und dass die Regierung noch Muehe hat und der Service oft mangelhaft wird sich geben! DENK POSITIV
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von C. Szabo, Thal
      Ich muss meine Einschätzung korrigieren. Der Mehrheit der Menschen geht es relativ gut. Die Wirtschaftsentwicklung von Südafrika über die letzten gut 20 Jahre ist beeindruckend. Die Mentalität der Menschen ist nicht mit der in Westeuropa zu vergleichen. Ich denke, sie sehen die Aussichten ihres Landes und ihr persönliches Schicksal nach der Apartheid viel positiver. Es ist immer schwierig, verschiedene Kulturen zu vergleichen. Das Land hat auch ein grosses Bildungsbudget. Das ist immer gut.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Franz NANNI, Nelspruit SA
      C. Szabo, Ich bin jetzt 20 Jahre hier.. habe eine schwarze Lebenspartnerin, bin recht integrierungswillig, aber bei mehr als 15 verschiedenen Kulturkreisen und noch viel mehr unterschiedlichen Traditionen.. und lokalen Sprachen.. aber dahinter sehen kann ich immer noch nicht. Aber der Wille zum Miteinander in den meisten Kreisen ist gross und Farbe eher sekundaer. Aber der Drang nach Besitz enorm.. oft krankhaft.. GIER..!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Arno Nühm, München
      Apartheid gibts immernoch in Südafrika ! (Die Polizei soll bei den Angriffen häufig tatenlos zugesehen haben) Nur redet niemand darüber...aber egal. Wichtiger sind ja unnötig naive "Sensationsnachrichten" Reden wir ma des Problem nicht aus der Welt.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von C. Szabo, Thal
      @A. Nühm: Apartheid wird per Gesetz durchgesetzt. Zeigen sie mir einen Staat, wo es keine Klassenunterschiede gibt. Die Armee ist übrigens in den Unruhegebieten eingeschritten und hat die Situation beruhigt. Auch in Ost-DE gab es (tötliches) Vorgehen gegen Imigranten. Die Ängste/Vorurteile der Leute sind dabei ähnlich. Bis die Zeit der Apartheid aus den Köpfen der Südafrikaner verschwindet, vergeht sicher noch Zeit. Das darf niemals eine Entschuldigung für das Vorgehen der Leute sein.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Zitat:Sie kommen hierher und nehmen uns die Jobs, die Häuser und unsere Frauen weg. Nun vorerst .. es ist mal ein wirklich guter Artikel,geschrieben von jemanden der Augen hat.. nur die letzten Zeilen sind.. hm etwas daneben.. Um es klar auszudruecken.. taeten alle die Suedafrikaner die Finger "Raus" nehmen, haetten sie die Jobs, haetten sie die Kleinbusinesse, Und unter dem Strich, es geht den Suedafrikanern wesentlich besser als zZ der Apartheid, das schleckt keine Geiss weg!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Minerva Botticelli, Sykies
      Richtig, trotz ca.25% Arbeitslosigkeit und 1/3 Fürsorgeempfänger ist das Land immer noch auf Platz 2 als afrikanische Volkswirtschaft. Fragt sich, wie die derzeitige Regierung es geschafft hat, es von Platz 1 herunterzuwirtschaften. Ebenso fragt sich, wer daran interessiert sein kann, dass das heutige Pulverfass explodiert.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Der Aufschwung nach der Apartheid erreichte nur eine Minderheit der Afrikaner. Betroffen sind dunkle und weisse SA. Wie fast überall sind die gut gebildeten, vernetzten Menschen die Gewinner des neuen Südafrikas. Führer der sozial Schwachen machen die Zuwanderer für die Misere verantwortlich. Das gab zu allen Zeiten auf allen Kontinenten in angeschlagenen Reichen (Römisches Reich, Europa im Mittelalter und der Neuzeit, Asiatische Reiche etc.). In Westeuropa gibt es derzeit ähnliche Vorgänge.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Minerva Botticelli, Sykies
      Dass es auch Weisse trifft, hat nichts mit Xenophobie zu tun. Wo sonst in Afrika hat man bitte von BEE - black economic empowerment bzw. "affirmative Action" gehört, warum ist es in SA nötig, Angehörige der erdrückenden BevölkerungsMEHRHEIT PER GESETZ bei Berufs- und Ausbildungschancen zu privilegieren. Das ist Apartheid mit umgekehrten Vorzeichen. @C. Szabo"...sind die gut gebildeten, vernetzten Menschen die Gewinner..." : mit Einschränkung. aufgrund BEE und affirmative action sh.oben.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen